„Blöd sind immer die Anderen.“

Weltuntergang Adam McKays Katastrophenfilm „Don’t Look Up“ ist hochkarätig besetzt, vergeudet sagenhaft viel Talent und ist ein Paradebeispiel für das, was gegenwärtig so schrecklich nervt

Der Professor (Leonardo DiCaprio) ist nervös. Gerade hat seine Doktorandin Kate (Jennifer Lawrence) einen riesigen Kometen entdeckt, der mit einer solchen Geschwindigkeit auf die Erde zurast, dass er beim Einschlag in rund sechs Monaten alles Leben auf unserem Planeten auslöschen wird. Nun sitzen die beiden im Vorzimmer des Oval Office und warten auf Audienz bei der Präsidentin (Meryl Streep). Wie sollen sie es ihr sagen, wie die richtigen Worte finden, um den Ernst der Lage in den zwei Minuten, die sie dafür bekommen, klarzumachen? Die Präsidentin nämlich ist nicht nur viel beschäftigt, sondern auch noch von der Trump-Sorte: Von nichts eine Ahnung, aber immer bei den Gewinnern. Und natürlich will sie zuerst nichts von einem Kometen wissen. Weltuntergang! – das könnte ja Stimmen bei der nächsten Wahl kosten.

Ja, Sie haben richtig verstanden: Adam McKays Don’t Look up, seit letzter Woche in ausgewählten Kinos und ab nächster Woche auf Netflix, ist eine Satire auf „unseren“ Umgang mit dem Klimawandel. Mit einem Ensemble, das vor Stars nur so strotzt – zu den bereits genannten kommen unter anderem noch Cate Blanchett, Jonah Hill, Timothee Chalamet, Mark Rylance und Ariana Grande hinzu –, stellt McKay all das nach, was so nervt in der gegenwärtigen Lage: unfähige Politiker, die sich von Big Tech bezahlen lassen, grelle Medien, die mehr Desinformation als Aufklärung verbreiten, und natürlich, natürlich die bösen Social Media, die die Köpfe der Menschen verdrehen und ihre Interessen mit Nichtigkeiten ablenken. Und wenn der Film nicht schon so überdosis-verdächtig besserwisserisch daherkäme, würde man gerne besserwisserisch die Frage stellen: Ist Don’t Look Now nicht selbst ein Paradebeispiel dafür, wie sich mit grandioser Ressourcenverschwendung Aufmerksamkeit fesseln lässt?

Schon McKays letzten beiden Filmen, der Finanzkrisenaufarbeitung The Big Short (2015) und dem Dick-Cheney-Biopic Vice (2018) warf man die Überheblichkeit vor, mit der McKay die unschönen Sachverhalte der jüngeren amerikanischen Geschichte in zynische kleine Erklärszenen verpackte. Ein Gestus von „Schaut her, wie doof ihr alle seid!“ war da untergründig zu spüren; in Don’t Look Up kommt er nun auf unangenehme Weise an die Oberfläche.

Und diesmal rettet einen keine Margot Robbie, die mit Sektglas in der Hand im Schaumbad liegend erklärt, was „Credit Default Swaps“ sind. Und kein Christian Bale als Dick Cheney unterläuft mit bloßer Schauspielkunst den billigen Plan der Bloßstellung. Stattdessen chargiert in Don’t Look Up das schöne, teure Ensemble eifrig vor sich hin: Meryl Streep als ineffektive, eitle Präsidentin ist so flach, dass man ihrem aufschlussreichen Porträt weiblichen Autoritätsgebarens in Der Teufel trägt Prada nachtrauert. Leonardo DiCaprio stottert sich unglaubwürdig durch seine Rolle als bebrillter Experte, der als „heißer Professor“ kurz zum Medienliebling aufsteigt. Mark Rylance vergeudet sein Talent für sanftes Sprechen an den aktuellen Lieblingsbösewicht in Film und Fernsehen: den fast-autistischen Tech-Milliardär, der immer nur Daten sammeln will. Einzig Jennifer Lawrence als an der Ignoranz ihrer Umwelt verzweifelnde Doktorandin erscheint einigermaßen dreidimensional. Dass die Welt ihrem sicheren Ende entgegentaumelt, weil einfach alle so weitermachen wie bisher, schlägt ihr glaubhaft auf die Seele. Es ist ja auch deprimierend, oder?

Aber genau da liegt – neben dem US-fokussierten Narzissmus, der das Geschehen auf der übrigen Welt immer nur als Nebenschauplatz denken kann – eben der Wurm drin in Adam McKays Filmsatire: Sie macht ihrem Publikum das Zustimmen zu einfach. Blöd sind halt immer die anderen, und da sie in der Überzahl sind, kann man eben nichts machen. Schulterzuckemoji.

Don’t Look Up Adam McKay USA 2021, 138 Minuten

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