Nichts wird wieder gut

Kino Nanni Moretti, der einstige Revoluzzer unter den italienischen Regisseuren, erzählt in „Drei Etagen“ von bürgerlicher Lähmung
Ausgabe 11/2022

Am liebsten möchte er nichts mehr mit ihm zu tun haben, sagt ein alternder Vater über seinen gerade erwachsen gewordenen Sohn, der betrunken hinterm Steuer eine Passantin tödlich verletzt hat. Tatsächlich bricht er, der von Beruf Richter ist, den Kontakt zum Sohn ab und fordert von seiner Frau, sie soll das Gleiche tun. Man kann den Vater verstehen – statt Reue oder Bedauern zu zeigen, klagt der Sohn seine Eltern an und verwickelt sich in weitere Straßenschlägereien – aber die moralische Strenge dieser Aussage irritiert dennoch. Zumal Nanni Moretti diesen Vater spielt – ihn kennt man in Gestalt des Regisseurs wie des Schauspielers als jemanden, der eine gewisse Ironie in jedes noch so tragische Geschehen hineinbringen kann.

Mit Drei Etagen adaptiert Moretti erstmals den Roman eines anderen, wobei man vermuten kann, was ihn an der israelischen Vorlage von Eshkol Nevo interessiert hat: Nevo erzählt von schicksalhaften Ereignissen und dem langen Schatten, den sie auf das Leben der Einzelnen werfen. Die Idiosynkrasien des Individuums hat Moretti immer schon gern ins Zentrum seines Schaffens gestellt, sei es mit der erwähnten Selbstironie im politischen Kampf als Wasserballer (Wasserball und Kommunismus, 1989), als trauernder Vater (Das Zimmer meines Sohnes, 2001) oder sogar bei der Betrachtung einer Papstwahl (Habemus Papam – Ein Papst büxt aus, 2011). Die Konstruiertheit der Schicksalsläufe muss man dabei stets in Kauf nehmen, was zählt, ist die spätere Auseinandersetzung damit.

Am Anfang von Drei Etagen kommt alles zusammen: Eine hochschwangere Frau mit beginnenden Geburtswehen hält auf nächtlicher Straße nach einem Taxi Ausschau und muss beobachten, wie ein Auto mit hoher Geschwindigkeit zuerst eine Passantin erwischt und dann in eine Hauswand knallt. Sie selbst schafft es trotzdem noch ins Krankenhaus; bei der Geburt geht immerhin alles gut. Nur dass man Monica (Alba Rohrwacher), der jungen Mutter, eine Labilität anmerkt, die darüber hinausgeht, dass sie sich einsam und isoliert fühlt, weil ihr Mann beruflich viel unterwegs ist.

Die dritte Familie, die vom Unfall betroffen ist, ist die von Lucio (Riccardo Scamarcio), in dessen Laden-Büro der betrunkene Fahrer sein Auto lenkte. Jahrelang schon nutzen er und seine Frau die Bereitschaft eines älteren Paars in ihrem Haus, als Ersatzgroßeltern ab und zu auf ihre kleine Tochter aufzupassen. Nun machen sich bei Renato (Paolo Graziosi) Zeichen von Demenz bemerkbar, aber in einem Moment der Bedrängnis überlässt ihm Lucio doch für einen Abend die siebenjährige Francesca. Als man den Alten und das Mädchen in großer Verwirrung später in einem Wäldchen findet, entsteht der Verdacht, Renato könne sich an Francesca vergriffen haben. Lucio jedenfalls lässt der Gedanke keine Ruhe mehr – so sehr, dass er seinerseits auf die Jugend der 17-jährigen Charlotte keine Rücksicht nimmt, um sie für seine Begehrlichkeiten einzuspannen.

Wird am Ende alles gut?

In zwei Zeitsprüngen jeweils fünf Jahre später verfolgt der Film das Geschehen rund um diese drei „Fälle“ in ein und demselben Wohnhaus. Auf den Ereignisreichtum des Anfangs folgen lange Jahre der Stagnation und der Depression für die Beteiligten, was von der Stimmungslage her gut ins Zeitgefühl der Gegenwart passt, dabei aber nicht unbedingt das unterhaltsamste Kinoerlebnis beschert. Was Drei Etagen trotz eines gewissen Hangs zur Fernsehästhetik – Moretti als Regisseur war noch nie der große visuelle Stilist – sehenswert macht, sind einmal mehr die Schauspieler. Margherita Buy, Alba Rohrwacher und Riccardo Scamarcio fesseln die Aufmerksamkeit selbst da, wo die Geschichte selbst, wie bei Lucio, von der gefühlt falschen, weil unreflektiert männlichen Perspektive her erzählt wird.

Was sind die Bedingungen dafür, dass etwas „wieder gut“ werden kann, scheint der Film zu fragen. Morettis Antwort darauf wirkt ausgesprochen pessimistisch, und das, obwohl die Filmhandlung als letzten Schluss manche unvermutete Läuterung bereithält. Auch das scheint leider sehr zeitgemäß.

Info

Drei Etagen Nanni Moretti Italien / Frankreich 2021, 119 Minuten

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Geschrieben von

Barbara Schweizerhof

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Film“ (Freie Mitarbeiterin)

Barbara Schweizerhof studierte Slawistik, osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeite nach dem Studium als freie Autorin zum Thema Film und Osteuropa. Von 2000-2007 war sie Kulturredakteurin des Freitag, wechselte im Anschluss zur Monatszeitschrift epd Film und verantwortet seit 2018 erneut die Film- und Streamingseiten im Freitag.

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