Der Ukraine-Konflikt - aufgearbeitet

Rezension. Welche Vorgeschichte hat der Konflikt, warum hat er sich verschärft, wie denken die Bürger der Ukraine? Bei Christian Wipperfürth finden sich Antworten.
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Zunächst stellt sich dem potentiellen Leser die Frage, welche Informationen und Interpretationen in Christian Wipperfürths neuster Veröffentlichung Die Ukraine im westlich-russischen Spannungsfeld enthalten sind, die nicht schon in früheren Publikationen zur Ukraine thematisiert wurden. Ebenso interessieren naturgemäß die Intentionen des Autors bzw. die „Botschaft“ seines Werks. So prangern Mathias Broeckers und Paul Schreyer in „Wir sind die Guten“ die Selbstgefälligkeit des Westens an, für den der Zweck die Mittel heilige. Gabriele Krone-Schmalz klagt in „Russland verstehen“ über die zutiefst tendenziöse Berichterstattung der Medien, deren Vertreter sich von allgemein anerkannten journalistischen Standards verabschiedet hätten.

Christian Wipperfürth stützt sich in seinem Werk „Die Ukraine im westlich-russischen Spannungsfeld“ wesentlich stärker auf historische Fakten und Zahlenmaterial als die vorgenannten Autoren. Anstatt Thesen aufzustellen, die es im Folgenden zu verifizieren gilt, bemüht er sich, die Motive und Handlungen der Konfliktbeteiligten aus dem jeweiligen Gesamtkontext zu erklären. So verzichtet er darauf, den Akteuren kulturell-historisch oder ökonomisch begründete Machtpolitik zu unterstellen. Stattdessen verweist er bei der Suche nach den Ursachen des Ukrainekonflikts auf Veränderungen des globalen Machtgefüges, auf mangelndes Verständnis für die jeweilige Gegenseite, auf Fehlinterpretationen und auf Vertrauensverlust.

Letztlich hält sich der Autor sehr mit eigenen Meinungen zurück und lässt vielmehr Fakten sprechen. So vermitteln die im Werk publizierten Umfrageergebnisse einen realistischen Einblick in die tatsächlichen Stimmungen und Präferenzen der ukrainischen Bevölkerung während der letzten beiden Jahrzehnte. Auch wird durch die nahezu lückenlose Chronologie der Ereignisse seit dem Herbst 2013 dem Leser das Handeln der politischen Entscheidungsträger verständlich, ohne dass es zusätzlicher Deutungen bedarf. Leider endet der historische Abriss im Spätherbst 2014 abrupt, wodurch das Werk an Aktualität einbüßt. Auch wenn die nachfolgenden Ereignisse für die Beurteilung der gegenwärtigen Lage in der Ukraine nicht irrelevant sind, wird die Kompetenz des Autors dadurch belegt, dass seine im letzten Teil „Ausblick“ formulierten Zukunftsvisionen bisher weitgehend eintrafen.

Christian Wipperfürth: Die Ukraine im westlich-russischen Spannungsfeld - die Krise, der Krieg und die Aussichten. Verlag Barbara Budrich, Berlin 2015

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