Mangel an Wasser und angewandtem Wissen

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Die zunehmende Dichte der Erdbevölkerung hat eine Verschiebung der Werte herbeigeführt. Was einst Allgemeingut war, wird für den modernen Menschen zum Gipfel des Luxus. Nichts kommt uns Stadtbewohnern so kostbar und köstlich vor wie reine Luft, Quellwasser, freier Raum, Stille, Muße. Dinge, die einst wertlos schienen, weil sie umsonst und reichlich vorhanden waren, erweisen sich auf einmal als kostbare Güter, von deren Besitz unser Schlaf, unser körperliches Wohlbefinden, unsere geistige Gesundheit also ganz einfach das Fortbestehen der Menshheit – abhängen.“

Uns steht in absehbarer Zeit im Laufe der drei nächsten Generationen - ein Geschehen bevor, 'das große Ereignis', das sich zwar nicht auf einen Schlag ereignen, doch Zug um Zug seine Konsequenzen zeitigen wird. Ein Unternehmen, dessen Ausgaben steigen und dessen Einnahmen sinken, muß eines Tages Bankrott machen. In der Situation dieses Unternehmens befindet sich heute die Menschheit: während die Erdbevölkerung und ihre Konsumansprüche wachsen, gehen die von der Natur angesammelten Rohstoffe ihrer Erschöpfung entgegen. Am Schnittpunkt der beiden Kurven wird etwas geschehen. Ein Ereignis steht bevor, das entweder die Züge einer Mutation oder diejenigen einer Katastrophe tragen wird, je nachdem, ob rechtzeitig vor dem Schnittpunkt der Entwicklungskurven eingegriffen oder passiv der fatale Ausgang abgewartet wird. Leider bleibt das Bewußtsein der Gefahr hinter dem Tempo der Entwicklung zurück. Die Rohstoffvorkommen des Planeten werden im beschleunigten Raubbau ausgebeutet, während die globale Organisation unseres Lebensraums kaum vorankommt.“

(aus: Pierre Bertaux (1963) Mutation der Menschheit. Zukunft und Lebenssinn, Scherz, Frankfurt/M. S. 82, S. 172)

Die Kolonialisierung der Welt und unseres Denkens darzustellen ist Icíar Bollaín in dem Film „Und dann der Regen“ in einer Mehrschichtigkeit gelungen, die verdeutlicht, dass das Raumschiff Erde keinen Notausgang hat (Peter Sloterdijk) und wir Zuschauer und Akteure in einem schon vor Jahrzehnten vorhergesagten Drama sind, das zur Tragödie werden kann.

(www.und-dann-der-regen.de/; de.wikipedia.org/wiki/Tambi%C3%A9n_la_lluvia);

Denn wir müssen von einer anthropologischen Konstante ausgehen, die Bertaux bezeichnete:

Doch ist auch die Trägheit des Geistes - womit ich die ungeheureSchwierigkeit meine, die es bereitet, einen ungewohnten, wirklich neuen Gedanken aufzunehmen – weitaus größer, als ich anfangs vermutete. Und selbst wenn es schließiich gelingt, etwas abstrakt zu begreifen, ist es noch ein weiter Weg, bis man anfängt, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Die klare Vorstellung, der reine Begriff genügen nicht; ihr Inhalt muß in den dunklen Bereich der Gefühlsregungen hinabdringen, bevor der Gedanke wirksam wird, bevor der Mensch, der etwas w e i ß , es auch g l a u b t und schließlich danach h a n d e l t . Es kann lange dauern, bis eine anerkannte Wahrheit, so dringend sie auch sei, das Verhalten des Individuums und der Gesellschaft beeinflußt. Haben wir so lange Zeit? Und wenn nicht, was dann ?“ (aus: Pierre Bertaux (1963) Mutation der Menschheit. Zukunft und Lebenssinn, Scherz,Frankfurt/M. S. 170)

Yann Arthus Bertrand (www.youtube.com/watch?v=IbDmOt-vIL8) zeigt in seinem Film HOME Luftaufnahmen aus über 50 Ländern. Die Bilder verdeutlichen uns komplexe Zusammenhänge, ohne dass es komplizierter Erklärungen bedarf. Der Wassernotstand am Aralsee, in Kasachstan, in Afrika wird plastisch deutlich. HOME zeigt überwältigende Panoramen unserer natürlichen Umwelt, aber auch der Narben, die die menschliche Zivilisation auf der Erde hinterlässt. HOME will bewusst machen: es ist Zeit zu handeln!

Über vier Milliarden Jahre herrschte auf der Erde ein empfindliches, aber stabiles Gleichgewicht. Weniger als 200.000 Jahre hat der Mensch gebraucht, um dieses Gleichgewicht vollkommen durcheinander zu bringen. Globale Erwärmung, Verknappung der Bodenschätze, bedrohte Artenvielfalt: der Mensch gefährdet die Grundlagen seiner eigenen Existenz.“

Der Schriftsteller und Ökonom Erik Orsenna, Mitglied der Academie francaise und Direktor des Centre International de la Mer weist auf eine in ihren Folgen dramatische Entwicklung hin, auf die im übrigen Wissenschaftler, aber auch Politologen schon seit langem hingewiesen haben, etwa in der Analyse der ökologischen Hintergründe der Konflikte im Nahen Osten. Es geht um „Die Zukunft des Wassers“. Das Wasser als Grundlage allen Lebens ist der Ausgangspunkt von Orsennas Überlegungen: „Am Anfang aller Humanität steht das Wasser. Am Anfang aller Würde, aller Gesundheit, aller Bildung, aller Entwicklung.“

Der Inhalt des Buches ist harter Stoff, die Zukunftsperspektiven sind alles andere als rosig, dennoch hofft der Rezensent mit vielen anderen optimistischen Menschen (vgl. Sandra Richter, Lob des Optimismus, C.H. Beck 2009), dass das, was im Zusammenhang mit Finanzkrise und Erdwärmung in den letzten beiden Jahren an zuvor nicht für möglich gehaltener internationaler Zusammenarbeit möglich war, sich noch weiter entwickeln wird und mithelfen kann, neben dem Engagement jedes einzelnen, das Orsenna für unabdingbar hält, der Welt und ihren Lebewesen eine Zukunft zu erhalten. Wer wie der Rezensent in einer Familie lebt mit einem kleinen Kind, der kann gar nicht anders denken und handeln.“ (www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/die-grundlage-allen-lebens.html) vgl. auch : www.perlentaucher.de/buch/33782.html

Fazit: Die Mütter, die in Cochabamba 2001 gegen die Privatisierung des Wassers bei einer Preiserhöhung um 300% protestierten und nach zwei Monaten Generalstreik die Regierung Banzer zum Abdanken und die Fa. Bechtel zum Rückzug zwangen, sollten hier bekannter sein. Sie haben klar gemacht: „Trägheit des Geistes“ ist eine westliche Krankheit, man könnte auch sagen: ein Zivilisationsschaden.

18:31 01.01.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

bertamberg

Xundheit! Salut! o! genese! Aufs Ganze gehen, bei Erkennen & Tun, Diagnose & Therapie. Alles ist vollkommen, "wenn das nötige gemacht ist." (Goethe)
bertamberg

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