Kneipe & Schule (5)

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community


Nachts um halb zwei, die letzten Gäste sind gegangen. Beim Aufräumen sehe ich auf einem Stuhl ein Stück Papier. Ich blicke flüchtig drauf, will es schon zerknüllen, halte inne und lese: »Der Arbeitsplatz des Lehrers ist das Gehirn des Schülers.

« Ich lese noch einmal: »Der Arbeitsplatz des Lehrers ist das Gehirn des Schülers« – kann es nicht fassen, muss mich setzen. Es handelt sich um einen Offenen Brief eines Schulleiters an sein Kollegium. Inhaltlich geht es um eine Werbung zur Fortbildung zum »SOL – Selbstorganisiertes Lernen« von Schülern. Der Schulleiter hat offensichtlich über Monate eine teuere Fortbildung zum größten Teil aus Schulmitteln bezahlt bekommen und will jetzt »sein erworbenes Wissen« an den Mann/die Frau bringen. Er schwärmt von seinem »Ausbilder aus Berlin, der eingeflogen werden soll, um kompetent Stellung zu nehmen«. Als Leser erfahre ich aber nicht Name und Institut/Universität des Mannes. Äußerst suspekt, denke ich mir. Ich lese weiter: »Und wer von ätzenden Diskussionen über mündliche Noten in seinen Kursen den Gesichtserker voll hat, findet in SOL neue (natürlich verordnungskompatible) Modelle der Leistungsbeurteilung.«
Mein Magen krampft sich zusammen ob solcher Sätze. Leichte Übelkeit überkommt mich. Gleichzeitig schießen mir zwei Fragen durch den Kopf: Haben die Lehrer dieser Schule gegen diesen bodenlosen Unsinn protestiert? Und wissen die Schüler und Eltern von den zynischen Ansichten des Schulleiters?

Mir wurde erneut klar, dass kein Begriff, keine Idee, mag sie auch noch so progressiv klingen, vor Missbrauch geschützt ist, sogar in ihr komplettes Gegenteil verkehrt werden kann. Aus der guten Idee des selbstgesteuerten Lernens des Schülers wird in Allmachtsphantasien eines Schulleiters der chirurgisch-therapeutische Dauereingriff am Schüler, die Illusion der Selbststeuerung nährend. Big brother is watching you.
In sehr mildem Licht könnte man jedoch auch sagen: Der Schulleiter hat in einem Anflug geistiger Umnachtung (wie wir ihn alle kennen) einfach den Gebrauch seiner Worte nicht überschaut und dadurch ein großes Missverständnis produziert.

18:43 01.05.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
Bildungswirt

Kommentare