Leitbild im 21. Jh: Homo symbolicus-ökologicus – Dämmerungen 2

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Vorrede
Gedanken rasen im gespannten Netz, können auch als asketologische Übungen verstanden werden. Zweifel beschleichen mich, wohin sie führen, alles Nebelstangen-Stocherei? Rhizomatische ökologische Akrobatik, wovon sich die Gartenzwerge der reinen Empirie und die realpolitisch geblendeten Zauberlehrlinge mit Entsetzen abwenden?
Zum Glück ist immer wieder FREITAG. Mögen „Streifzüge“, „Liszts“, „Meisterfalken“ „Datteln“ und noch ungekrönte Häupter kommen und meine Irrtümer korrigieren.

Die alten drei Kantschen Fragen - Was kann ich wissen?, Was soll ich tun?, Was
darf ich hoffen? – die in der vierten Frage kumulieren: Was ist der Mensch? – stellen sich heute vornehmlich nicht mehr als anthropologische Fragen, sondern als Fragen nach einer kommunikativen und ökologischen Ethik. Der Homo symbolicus-ökologicus als pädagogisch-gesellschaftliches Leitbild braucht eine ausgewiesene ethische Fundierung. Für ein solches Ethik-Verständnis ist Ausgangspunkt die Durchbrechung einer strengen Anthropozentrik und die kulturelle Einsicht der Notwendigkeit einer co-existenzialen Moral.
Denn: Die Natur selbst lehrt gar nichts, nur wir als denkende, fühlende, wollende Kulturwesen zerstören oder erhalten die Mitwelt.

Fünf Netzpunkte sollten genauer bedacht werden:

1. Wir sind ambivalente, mehrfach gebrochene Wesen. Wir können um das ‚Gute‘ wissen und uns trotzdem konträr verhalten. Stets sind wir Gefährdete, verfangen uns in unseren eigenen Fallstricken. Wir wechseln die Rollen und Marken als Konsument, Arbeitnehmer, Unternehmer, als Radfahrer, als Autofahrer usw. und schon definiert sich neu das Freund-Feind-Verhältnis. Wir quälen und vernichten skrupellos im Überfluß Millionen Tiere und verhätscheln andererseits fürsorglich unsere Haustiere. Der Hund wird gar für immer mehr Zeitgenossen zum ‚Lebespartner‘. Auch der Homo symbolicus-ökologicus ist nicht frei von solchen Ambivalenzen, aber er versucht im vollen Wissen um seine Gebrochenheit das moralisch Gute anzustreben, wo immer es geht.

2. Wir sind leibgebunden, selbst Teil der Natur. Wir können noch so ausgeprägt Geist und Kulturgeschöpf sein – spätestens wenn wir krank darniederliegen, werden wir biologisch eingeholt. Wir beenden unsere (Selbst)-Ausbeutung, gönnen uns Ruhe, Schonung, wollen Genesung oder wir gehen dem abrupten oder schleichenden Tod entgegen. Leben kann grundsätzlich in vielfältigen Formen aufgebaut und erhalten oder vernichtet werden. Daraus ergibt sich das gewichtige ethische und pädagogische Postulat der ‚bewußten Lebensführung‘ seit der Antike. Der Homo symbolicus-ökologicus ist sich über die Notwendigkeit der bewußten Lebensführung im klaren, er weiß um Reiz, Lockung und Preis des Hedonismus und der Askese. Er weiß, daß die ‚Natur‘ per se keine Ethik hat, nur der Mensch ist zu Moralität fähig, er interpretiert kulturgebunden ‚Natur‘, schafft sich Werte und Normen.

3. Co-Existenz verweist auf ein Mit-leben in Gemeinschaften – ökonomisch, ökologisch, sozial, kulturell. Ego ist aufgrund von Alter. Ego ist nicht originärer Schöpfer des eigenen Lebens. Sein Leben wird im geschenkt, Frauen gebären. Selbst nach dem Tod gibt es ein Fort-leben durch Trauerarbeit und Erinnerung von anderen. Der Homo symbolicus-ökologicus weiß nicht nur um das Überindividuelle und Co-Existenziale, sondern er fühlt es auch, er spürt die Leere der Monade.

4. Vielschichtige Erfahrungen und Einsichten in Co-Existenz führen zu ethischer Verantwortung, die sich in Begriffen von Liebe, Solidarität, Kooperation, Toleranz und Rücksichtnahme fassen lassen. Der Homo symbolicus-ökologicus weiß um die Schwierigkeiten praktische Realisation solch einer Lebenshaltung, er baut keine Potemkinschen Dörfer. Die Parteinahme für eine co-existenziale Moral ist immer wieder lebendige Herausforderung, symbolisch vermittelte Interaktion mit ungewissem Ausgang.

5. Der Homo symbolicus-ökologicus weiß um seine Traditionsgebundenheit, um die Macht kultureller Muster. Er weiß und spürt, daß der Homo ökonomicus und der Homo faber mit aller Borniertheit immer noch reliktartiger Teil von ihm sind, in ihm stecken und immer wieder durchbrechen können. Der ‚neue Mensch‘ wird nicht wie Phönix aus der Asche steigen. Und doch ist der Ausbruch aus der Megamaschine möglich im harten Ringen um lebenspraktische Vernunft. Dabei kennt der Homo symbolicus-ökologicus als Rhizomatiker auch keine Berührungsängste zu religiösen und spirituellen Traditionen, die neu interpretiert und praktisch geschöpft werden können. Die weiter wachsende Bedeutung der Wissenschaften als symbolische Form für eine vernünftige Zukunftsgestaltung wird ausdrücklich bejaht, wenn es gelingt, sich aus der Verblendung des vorherrschenden Wirtschafts-Technologie-Fortschritts-Paradigma herauszuarbeiten.

Wie auch immer die konkretisierte Bestimmung des Leitbildes ausgestaltet wird, es bewegt sich zwischen den beiden Grenzpolen‚ strenge Anthropozentrik‘ und einer ‚konsequenten nicht-anthropezentrischen Ethik der Andersinteressen‘. Anders formuliert: zwischen den Eigeninteressen der Menschen an der Naturbeherrschung und Naturausbeutung (der Mensch als das Maß der Dinge) und der Anerkennung eines eigenen Rechts der außermenschlichen Natur (Tiere, Pflanzen, Ökosysteme), der Anerkennung der Natur ‚um ihrer selbst willen‘.
Um dieser unproduktiven Entgegensetzung zu entgehen, sucht der Homo symbolicus-ökologicus nach einer transanthroporelationalen Rechtsfertigungsbasis für sein Handeln. Er weiß, daß die strenge Anthropozentrik die Logik der Selbstausrottung und Selbstabschaffung in sich trägt, und er weiß, daß i.d.R. jeder Produktionsakt Eingriff und Umformung der Natur bedeutet und somit die Neubestimmung des Verhältnisses von Technologie und Natur brisant auf die Agenda bringt. Eine naive Position im Sinne von "Zurück zur Natur"
bleibt unwiederbringbar verschlossen.

Hintergrund:
Blogger Streifzug, der unermüdliche Stöberer im Netz, hat mich auf meinen eigenen Text aufmerksam gemacht. Alles kostenfrei im Netz, wie sich das gehört.

Ausführlicher dazu:
ub.unibw-muenchen.de/dissertationen/ediss/miller-michael/inhalt.pdf

16:19 14.06.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
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