Staatlich alimentierte Bedenkenträger

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Man kennt die vielen Beamtenwitze: Wie nennt man einen Beamtenwindhund?
– Eine Schildkröte. Was haben Sie eigentlich gegen Beamte? – Die tun doch gar nichts. Was ist Beamtenmikado? – Wer sich zu erst bewegt, hat verloren.

Schön wäre es, wenn der Witz zutreffen würde. Vieles wäre leichter zu reformieren. Doch in einem Kultusministerium und in Oberschulämtern (oder vergleichbarer Behörde) weht oft genug ein anderer Wind. Hektische Betriebsamkeit, Zuständigkeitsmarathon, Dauerstress für viele, Berge von Akten, Tausende von Mails, Konferenzen, Beratungen, Telefonate, Stellungnahmen, Berichte, Vorlagen – für den Minister, den Staatssekretär, den Ministerialdirigenten, den Leitenden Ministerialrat, den Amtsjuristen, den Referatsleiter, die hierarchische Hühnerleiter hoch und wieder runter. Dazu Anfragen von Landtagsabgeordneten, Lobbyisten, Personalräten, der Presse, engagierten Eltern – und das ganze Karussell von neuem. Die entscheidenden Fragen, ob das ganze Unterfangen sinnvoll und noch zeitgemäß ist, der Arbeitsaufwand sich rentiert, die Organisation und Zuständigkeitsbereiche sachlogisch sind, stellt in diesem latent angstbesetzten Hamsterrad kaum noch jemand – dafür ist keine Zeit vorgesehen. Zur persönlichen Entlastung werden aber raffinierte Strategien der Arbeitsabwälzung entwickelt, irgendwie muss man die tägliche Arbeitslawine überleben: Akten, Akten, Akten – Generalakten, Spezialakten, Nebenakten und Akten, die verschwinden (müssen), neue Aktenvermerke, permanente Mitzeichnung des nächsten Verordnungsentwurfs zur Änderung der Verordnung, der täglichen Erlasse, Verfügungen und Anweisungen. Mail auf Mail auf Mail im ständigen »Gegenstromprinzip «. Typische Textbausteine sind: »Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, … es ist daran zu erinnern, dass …, ich gebe zu Bedenken … es kann nicht nachvollzogen werden, dass … die Zuständigkeitsfrage ist nicht geklärt, … die Rechtsabteilung könnte berechtigte Zweifel und Argumente vorbringen « etc., etc.

Bedenkentragen ist eine besonders hohe Kunst,
die ständig verfeinert werden kann. Zum Schluss glaubt der Beamte selbst, dass er unentbehrlich produktiv sei. Der Zirkus der Mitzeichnung und die Computer-cc-Seuche der organisierten Verantwortungslosigkeit kennen dank unendlicher Rechnerkapazitäten keine Grenzen mehr. Keiner kann wirklich zur Rechenschaft herangezogen werden, alle sind informiert worden, haben es ja gewusst. Das System pulsiert meist vor sich hin, beschäftigt sich mit sich selbst, zieht immer neue Varianten der selbstreferenziellen Kreise. Hinzu kommt: Das Vorgaukeln von Aktivitäten, Strategie-Positions-Orientierungs-Papiere zu allem, was es in der Bildungslandschaft gibt oder geben soll; sie werden erstellt, durchs Land geschickt und abgeheftet. Es kursiert der Witz: »Gelesen, gelacht, gelöscht« – kurzzeitig verhaltene Freude in den Fluren. Wichtig sind ständige Zwischenevaluationen, Vorberichte, die als Erfolg verkauft werden müssen. Die kollektive Erregung des Themenhoppings erzeugt gemeinsame Halluzinationen zum ausgezeichneten Zustand des Systems Schule. Man ist sich im Ministeriumsdunst einig: Disziplin, Geschlossenheit und Empörung gegenüber den Kritikern/Gegnern gehören zur Selbststabilisierung. Gleichzeitig beschleicht den Beamten die Angst: Liegen wir mit den jüngsten Maßnahmen richtig? Stimmen unsere Parolen? Augen zu und durch, besser aber noch einmal einen Aktenvermerk schreiben und dann abtauchen (?). Zwischendurch spürt er auch die schleichende geistige Verknechtung und Selbstfesselung. Den Ministerialdirigenten, der dem Minister die Empfehlung zur neuen Kampagne gegeben hat, peinigt zwischendurch immer wieder die Angst, Fehler zu machen, Konflikte loszutreten. Die Angst wächst aus zur handfesten Neurose, überall wird Bedrohungspotenzial gesehen, der eigene Stuhl hat nur noch drei Beine. Welche bildungspolitische Sau sollte jetzt besser zur Beruhigung durchs Dorf getrieben werden? Synchronstress schaukelt sich auf. Jetzt muss Ruhe und Gelassenheit demonstriert werden, wir haben alles im Griff, laut pfeifen, wenn wir durch den Schulwald gehen. Kontrollsucht und Misstrauen breiten sich aus.

Gegenkräfte: Selbstverständlich gibt es auch innerhalb der Bildungsverwaltung Gegenkräfte, weitblickende Beamte, die tatsächlich im Sinne der Betroffenen Schulpolitik machen wollen, ja, Betroffene sollen zu Beteiligten werden. Engagierte Schulen, das Kollegium, die gesamte Schulgemeinde bricht auf, neue Lernkulturen zu realisieren. Nehmen wir an, es sind wirklich 25%! Immerhin. Dann bleiben immer noch 75% Beharrungskräfte und Unentschlossene, staatlich alimentierte Bedenkenträger. Mit Hilfe neuester Evaluationsberichte lässt sich weiter differenzieren in: die Gutwilligen, die wirklich wollen, aber noch nicht können -, die aufgrund ihres Naturells Zögerlichen und leider die vielschichtig Beratungsresistenten.
Nur wer sagt, dass es auf der Ebene der Schulleitungen und Fachbereichsleitungen qualitativ besser aussieht? Nehmen wir an, dass es fortschrittliche Initiativen aus dem Ministerium gibt, Kritik wird akzeptiert, neue Wege sollen ausprobiert werden. Wie reagieren dann z.B. griesgrämige Oberstudienräte und auserkorene Schulleiter, die zuvor nickende Kofferträger auf verschiedenen Ebenen der Schulaufsicht waren? Richtig, sie tragen auch schwer an den Bedenken, wollen angeblich „negative Entwicklungen“ blockieren, immer im Interesse der Schüler, versteht sich. Sie entwickeln sich geradezu zu Minijuristen, die selbst mit der Monstranz, pardon der Verordnung xy, ständig in Verbindung stehen, sie jederzeit ziehen können und auf Schwierigkeiten mit dem Paragraph 86 Absatz 2, dritte Zeile vehement hinweisen. Es herrscht der sklavische Dienst am Buchstaben in zunehmender Ermangelung des Geistes. Umweltminister Sigmar Gabriel hat so etwas im ähnlichen Zusammenhang „die geistige Durchdringungstiefe im Nanobereich“ genannt.

Sprachliche Anleitung zum Bedenkentragen
Im Rahmen der sprachlichen Anleitung zum professionellen Bedenkentragen sind flexible Textbausteine essenziell: „Die Sache ist unausgereift“, “es gibt noch enormen Diskussionsbedarf“, „so ist das nicht zielführend, eher kontraproduktiv“ „alles nicht nachvollziehbar“, „kann so in der Praxis nicht geleistet werden“, „fraglich ist, wie die genannten Aspekte zu verstehen sind“, „insgesamt bleibt unklar …“man benötige Klarstellungen bzw. konkretisierte Erläuterungen“, „die Fachgruppe /Steuerungsgruppe setzt hier ein großes Fragezeichen“,
Bewusstes Missverstehen und Nebelbombenwerfen werden ständig perfektioniert: „Wir wollen das Rad doch nicht wieder neu erfinden’“, „wie ist das konkret gemeint?“ „wir können uns das nicht vorstellen“, „dazu brauchen wir Praxisbeispiele“.
Werden dann Beispiele gereicht (die selbstverständlich den Gedanken, die Vision nicht ganz abdecken können) heißt es dann: „Ach so, aber das geht nicht, ist nicht zielführend, nicht präzise genug formuliert, wäre kontraproduktiv, weiterhin fraglich etc. pp.“ - auf eine neue Runde in der Aktengalaxie, Vermerk auf Vermerk, auf Vermerk. Heiße Luft steigt auf, beschlägt und setzt sich als neuer Amtsschimmel ab.
Einige Schulleiter tragen bisweilen Züge von Schiffschaukelbremsern, immer bereit, vorausschauend zu starke Bewegung und Freude im Spiel der Innovation abzubremsen, damit es nicht noch einen Looping gebe. Chaos könnte ausbrechen, lern- und genussfreudiges Schulleben entstehen, nicht auszudenken!
Wichtig ist auch, dass man niemals selbst konkrete Vorstellungen argumentativ ausbreitet. Erstens sehr schwierig, zweitens angreifbar und drittes (falls es doch mal passieren sollte) immer schön im Groben und Ganzen bleiben. Beliebt sind deshalb asthmadeutsche Raster-Tabellen: Ziele, Entwicklungsbereiche, Maßnahmen/Lösungen. Grundregel: nicht mehr als 3 bis 9 Worte am Stück schreiben. Also z.B.: Ziel: Diagnoseinstrumente entwickeln, verfeinern; Maßnahme: Lernausgangslagen-Bestimmung, Lernstandsanalyse durchführen oder Ziel: Qualitätssicherung / Qualitätsverbesserung der inhaltlich-methodischen Niveaus in den Fächern; Maßnahme: Kompetenzorientierung, Schlüsselqualifikationen stärken. Betriebswirtschaftlich angehauchtes pädagogisches Neusprech ist besonders angesagt: Man will vor allem Effizienzsteigerung Organisationsentwicklung, Kompetenzentwicklung, Prozesssteuerung, Ressourceneinsatzoptimierung, Synergieeffekte. Zur sprachlichen Anleitung des alimentierten Bedenkenträgers gehört, dass man im Nebel der Abstraktion erstmal alles gesagt hat: Ich, Wir, Expertengruppe, Alle, Kompetenz, Entwicklung, Organisation, Schule, Welt. Danach sollen zu diesen weltbewegenden Gedanken weitere Kommissionen und Steuerungsgruppen tagen, deren Ergebnisse wiederum auf einer nächsten Fachtagung als Ausgangspunkt für weitere Steuerungsaufträge gewürdigt werden sollen. Ganz wichtig ist der Titel der sog.“ Expertengruppe“, z.B.:
„Strategiekommission einer zukünftigen Qualitätsoptimierungsoffensive unter Berücksichtigung der gesamten abendländischen Tradition“. Wichtig ist auch der ausgewogene Proporz: wer, wo, wann, wie lange berufen wird, etwas sagen darf und wen vertritt. Bei Unklarheit könnte man auf ein weises Buch zurückgreifen, das man in gut informierten informellen Kreisen vom Hörensagen kennt:

Ein weises Buch
„Das Geheimnis steckt in den Vorschriften über die Zuständigkeit. Es ist nämlich nicht so und kann bei einer großen lebendigen Organisation nicht so sein, dass für jede Sache nur ein bestimmter Sekretär zuständig ist. Es ist nur so, dass einer die Hauptzuständigkeit hat, viele andere aber auch zu gewissen Teilen eine, wenn auch kleinere Zuständigkeit haben. Wer könnte allein, und wäre es der größte Arbeiter, alle Beziehungen auch nur des kleinsten Vorfalles auf seinem Schreibtisch zusammenhalten? Selbst was ich von der Hauptzuständigkeit gesagt habe, ist zuviel gesagt. Ist nicht in der kleinsten Zuständigkeit auch schon die ganze? Entscheidet hier nicht die Leidenschaft, mit welcher die Sache ergriffen wird? Und ist die nicht immer die gleiche, immer in voller Stärke da? In allem mag es Unterschiede unter den Sekretären geben, und es gibt solcher Unterschiede unzählige, in der Leidenschaft aber nicht; keiner von ihnen wird sich zurückhalten können, wenn an ihn die Aufforderung herantritt, sich mit einem Fall, für den er nur die geringste Zuständigkeit besitzt, zu beschäftigen. Nach außen allerdings muss eine geordnete Verhandlungsmöglichkeit geschaffen werden, und so tritt für die Parteien je ein bestimmter Sekretär in den Vordergrund, an den sie sich amtlich zu halten haben. Es muss dies aber nicht einmal derjenige sein, der die größte Zuständigkeit für den Fall besitzt, hier entscheidet die Organisation und ihre besonderen augenblicklichen Bedürfnisse. Dies ist die Sachlage.“ (Franz Kafka, Das Schloss)

16:44 03.04.2009
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Geschrieben von

Bildungswirt

Ahasver, Bildungsexperte, Wissenschaftscoach, Müßiggänger, Dada-Musiker mit Blasmusikausflügen
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