Calvani
16.01.2012 | 18:58 5

Wolfgang Michal: Hoch-bloggen

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Calvani

Calvani: Welche Wechselwirkungen sehen Sie zwischen tradierten Medien auf der einen und Blogs und der Netzöffentlichkeit auf der anderen Seite? Woran erkennen Sie diese Interferenzen konkret und wie bewerten Sie sie?

Michal: Anfangs haben sich die beiden wie Hund und Katz zueinander verhalten. Sie haben sich voller Misstrauen belauert und nur das Schlechteste von der anderen Seite erwartet. Dann gab es eine Phase der friedlichen (oder besser: der erschöpften) Koexistenz, und seit einiger Zeit beobachte ich eine verstärkte Zusammenarbeit beim Themenpushen, bei Kampagnen, bei der Reichweitenausdehnung. Man hat sich sozusagen gegenseitig befruchtet (was bei Hund und Katz natürlich auch zu Missgeburten führt). Einige haben auch die Seiten gewechselt, wieder andere (freie Journalisten wie ich) haben von Anfang an auf die Nutzung verschiedener Kanäle gesetzt. Das heißt, die Chancen, ein Thema in die Gesellschaft zu tragen, sind durch die Vernetzung stark gestiegen, aber auch die Risiken, Themen überzustrapazieren, Meinungen zuzuspitzen oder Geschichten aus rein kommerziellen oder parteitaktischen Gründen hochzujazzen. Die Schwarmintelligenz kann auch im blinden Mitlaufen ihre Erfüllung finden. Hier genauer hinzugucken, ist wichtiger geworden. Es erfordert aber auch ein ziemliches Standing, mal gegen den Trend anzuschreiben oder gar den Spielverderber zu spielen.
Das größte Problem, das ich derzeit sehe, ist freilich etwas ganz Profanes: Dass die eine (die reiche) Seite die andere einfach (ein-)kauft - wie an manchen Bloggerplantagen in etablierten Medien studiert werden kann. Man muss sich heute nicht mehr hoch-schlafen, man kann sich auch hoch-bloggen.

Calvani: Meiner Meinung nach ist schon die Entscheidung, ob ein Sachverhalt recherchiert und ob und wie er publiziert wird, ein politischer Vorgang – jedenfalls in der Summe der Entscheidungen. Wie sehen Sie das?

Michal: Die Auswahl der Themen, die Gewichtung im jeweiligen Medium und das Gatekeeping der Chefredakteure oder Plattformbetreiber ist immer ein politischer Vorgang. Nur sind diese technischen und handwerklichen Möglichkeiten der Beeinflussung heute nicht mehr so leicht steuerbar. Es können halt nicht mehr 200 Leute bestimmen, was bei uns öffentliche Meinung ist. Ob uns diese Netzfreiheit erhalten bleibt, hängt aber davon ab, wie stark das Internet künftig reguliert und portioniert werden wird, Stichwort Netzneutralität, Stichwort Überwachung/Filter, Stichwort (Urheber)-Rechtsprechung etc.

Calvani: Und unter welchen Voraussetzungen können Medien Informationen vermitteln, ohne selbst zum politischen Akteur zu werden?

Michal: Jakob Augstein sagt, Ideologie und Journalismus passen nicht zusammen, womit er einerseits Recht hat, andererseits aber Gefahr läuft, den Journalismus zu idealisieren. Wenn man die handwerklichen Regeln anwendet (also: immer auch die andere Seite hören, sich nie mit einer Sache gemein machen, nachfragen, Quellen nennen, Belege beibringen etc.), dann ist man schon so reflektiert und skeptisch und mit Menschenkenntnis geimpft, dass man nicht mehr so leicht für bestimmte Zwecke benutzt werden kann. Allerdings kann es auch Situationen im Leben geben, die einen dazu zwingen, politischer Akteur zu werden. In schwierigen Zeiten muss ein Journalist auch mal den Mut zum politischen Bekenntnis haben. Aber wo ist der Übergang vom Bekenntnis zur Indoktrination? Da gibt es keine allgemein gültige Definition.

Man muss sich die Leute, die den Begriff Ideologie verwenden gut ansehen. Abweichende Meinungen werden hierzulande allzu schnell als Ideologe gebrandmarkt und ausgegrenzt. Ähnliches passiert mit dem Begriff Verschwörungstheorie. Das sind so Bann-Wörter, die die andere Seite einschüchtern sollen und gegen die man nichts machen kann. Vor allem Leute, die sich für völlig ideologiefrei halten, sind meistens die größten Ideologen. Sie haben schreckliche Angst, die Grundlagen der Gesellschaft, in der sie leben, in Frage zu stellen. Etwas in Frage stellen ist aber das Grundmotiv und das Grundprinzip jedes Journalismus.

(Ebenfalls zum Thema: Fragen und Antworten von und an Jakob Augstein und Michael Jäger.)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (5)

kay.kloetzer 18.01.2012 | 01:30

danke für diese drei erhellenden interviews! erst dachte ich: warum streut sie sie nicht ein wenig? aber schnell war klar: sie ergänzen sich perfekt. und das geht nur sofort.
eigentlich nämlich lese ich gar keine interviews mehr, weil sie meist "gesegnet" sind, also gegengelesen, geglättet, entschärft. langweilig. diese hier aber belehren mich eines besseren - wie übrigens auch schon die sehr gute weihnachtsausgabe des Freitag.
die kultur des gesprächs zu pflegen, finde ich sehr wichtig. dass sie im journalismus oft (und gern) durch den gedruckten autoritätsbeweis im sinne der verantwortungsentlastung und meinungshascherei vermieden wird, ist schade.
also nochmals: danke!

kay.kloetzer 18.01.2012 | 02:16

wir stehen, was ich vor zwei jahren nicht gedacht hätte, noch sehr am anfang. und das politische daran, das Du immer wieder ansprichst, hatte ich so lange nicht auf dem, nunja, schirm. die herausforderung, die darin liegt, ist für mich das wichtigste.
wir können unseren enkeln erzählen, dabei gewesen zu sein, als die medien sich verändert haben. und während sie uns 50 euro (mark, drachmen, forint) zustecken, malen wir heimlich ein korrektur-zeichen auf die tischdecke ...