Blumen für den Meta-Clown

Jan Böhmermann inszeniert Satire als mehrdimensionale Zumutung: Grund, ihm ein Kränzchen zu winden...
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Blumen für den Meta-Clown

Foto: Patrik Stollarz/Getty Images

Verschiedene Wörter sind ein gutes Indiz dafür, dass es sich bei den benannten Gegenständen um unterschiedliche handelt: Eine Meinungsäußerung ist etwas anderes als eine Satire, und beide unterscheiden sich wiederum von einer „Schmähkritik“. Letztere kommt als Wort im Alltag praktisch nicht vor, sondern existiert nur zur Unterscheidung strafrechtlicher Relevanz in den Konfliktbereichen von Meinungsfreiheit, Beleidigung und Satire: Meinungsäußerung ist ein Grundrecht, Beleidigung kann strafrechtliche Konsequenzen haben. Satire darf alles, im Rahmen der Satire. Schmähkritik hingegen sind verbale Attacken, die nicht unter Satire fallen: Verunglimpfende Anwürfe, die auf reine Beleidigung abzielen - ohne Zusammenhang mit inhaltlicher Kritik an einem realen Sachverhalt.

So haben es am Vorabend des 1. April Herr Böhmermann und Herr Kabelka in schönster Erklär-Bär-Manier und mit schmückendem Negativ-Beispiel im NEO Magazin Royale vorgetragen, einer (Achtung!) Satire-Show. Der Beitrag war ca. 5 Minuten lang und zur einmaligen Sendung vorgesehen, aber weit darüber hinaus gedacht: Er war ein Kanister Benzin in die flackernde Satire-Freiheit-Debatte, aktiver Teil davon und - ähnlich der mittlerweile zu Grimmepreis-Würdigung gekommenen Varoufake-Performance – ein Anlass zu weiterer Eskalation, Erschütterung und Verunsicherung auf allen Ebenen und an allen Fronten, der die mediale Verselbständigung schon mit einpreist, einschließlich des Missverständnis- und Missbrauch –Potentials… Um es gleich zu sagen: Ich halte das für richtig. Darunter ist Aufklärung nicht zu haben. Das ist die Welt, in der wir leben, all das gehört zum Diskurs…

Nicht nur die Sache selber, sondern auch die Choreographie der Inszenierung wurde in der „Schmähkritik“-Nummer deutlich erklärt. Wer wollte, hätte es diesmal kapieren können. Aber viele wollten nicht, und so kam es, wie es kommen musste: In den folgenden Stunden und Tagen konnten alle, die vom Satire-Diskurs nicht genug kriegen, in der öffentlichen Nachbereitung verfolgen und feststellen, dass die Sache in der Tat schwer zu erklären ist, wenn ein Gegenüber die Frequenz nicht wahrnehmen kann, auf der gesendet wird…

Es fängt ja schon beim Hausgebrauch von Ironie an, die nur Eingeweihten zur Verständigung dient: Das uneigentliche Sprechen und Performen kann nur funktionieren, wo Absender und Empfänger sich über den Kontext und die inhaltliche Brechung des Wortlauts/ der Geste einig sind… Wie im Grunde jeder Witz ist auch Satire nie etwas anderes als eine Inszenierung in einem abgesteckten Rahmen und beruht auf bestimmten Voraussetzungen und Verabredungen. Ohne diesen Kontext zerfällt die Stimmigkeit der Aussage, ihr Wahrheitsgehalt ist dann nicht mehr greifbar, sie wird zu beliebig einsetzbarem Wortlaut, der plötzlich das Gegenteil meinen kann…

Böhmermann, erklärter Clown und kein Erklärer, spielt die Fragestellung in der Praxis durch und lässt uns noch nicht mal die sichere Distanz des Betrachters, sondern reißt uns mitten rein in die Zweifel an allem - wir müssen tatsächlich entscheiden, uns mindestens fragen, was wir von der Sache halten. Weil es eben nicht alles klar ist, und auch nicht gleichgültig: Was wir rezipieren. Was wir verstehen und wie. Wie wir reagieren und interagieren. Wo wir uns befinden.

Diese als Unterhaltung inszenierte Zumutung kommt genau richtig in eine Zeit, in der große Teile der sich aufgeklärt-kritisch einschätzenden Mediengemeinde es sich schon auf dem Missverständnis gemütlich gemacht haben, das im oft gehörten Satz „Heute machen die Kabarettisten die besseren Nachrichten“ seinen Ausdruck findet… Nicht, dass dieser Satz keine Berechtigung hätte: Dem, was er sagen will, würde ich sogar bedingt zustimmen. Was er aber sagt, ist falsch: Kabarettisten machen überhaupt keine Nachrichten. Kabarettisten machen Unterhaltung. Satiriker reflektieren Nachrichten, sie reagieren darauf. Ihre Arbeit besteht nicht in Information, auch nicht eigentlich in ihrer Deutung, sondern in deren Überhöhung und Pointierung im Rahmen einer Inszenierung: Transformation. Imagination. Theater.

Zur Weltentschlüsselung taugt diese durch mehrere Filter gebrochene Abbildung der Information nur bedingt: Eben dann, wenn wir uns jederzeit darüber im Klaren sind, dass wir uns im Theater befinden, und von den Spielern das erwarten, was sie uns geben können: Starke Formulierungen, emotionale Erleuchtungen, Katharsis, Affirmation. Unser Hunger nach sinnstiftender Illusion ist groß - aber es gibt auch Bedürfnisse, die damit nicht zu stillen sind: Konkreter Hunger etwa, oder auch politische Prozesse, in denen wir uns berücksichtigt finden. Wenn wir nun anfangen, die Schauspieler für potentiell fähigere Politiker und Journalisten zu halten, korrespondiert das zwar mit unserem Wunsch, die Welt möge so übersichtlich sein wie ein Kabarettprogramm, ist aber so irreführend wie die Annahme, der Mann in der Zahncreme-Werbung sei Mediziner.

Böhmermann lässt zumindest an einem keine Zweifel: Dass er letztendlich „ nur der Quatschvogel“ (Böhmermann) ist, und die Einordnung seines kulturellen Beitrags in ein sinnvolles Gesamtbild uns überlassen bleibt. Wir müssen halt mitdenken, um nicht sofort misszuverstehen. Ironische Brechungen, authentische Statements, deren gleichzeitige Infragestellung und mindestens eine Meta- Dimension: Er thematisiert alles, was zum Thema gehört, und das ist immer auch die Inszenierung selbst, seine eigene und unsere Rolle darin.

Im Neo Magazin Royale vom 31.03. (einer insgesamt bemerkenswert sperrigen und holperigen Ausgabe) gab es noch einen zutiefst zweifelhaften Auftritt, der dann in der „Schmähkritik“- Aufregung rasch unterging – vielleicht auch deswegen, weil es, als Ronja von Rönne kam, erst richtig ungemütlich wurde… Auch hier fand etwas statt, was eigentlich niemand im Fernsehen sehen möchte. Aber noch in diesen peinlichst vergeigten Sendeminuten gelang es, durch doppelte und dreifache ironische Brechungen die Dinge zu zeigen, wie sie sind: Eine zutiefst unwillige und unsichere Autorin eben so zu inszenieren – unwillig, unsicher, nur zu dem einzigen Zweck angetreten, ihr Buch in die Kamera zu halten… Das hätte als Statement funktionieren können, wenn die Roman-Vermarktungs-Debütantin sich nicht auch dabei noch selber im Weg gestanden hätte und selbst zu den Nachweisen ihrer angeblichen Coolness noch getragen hätte werden müssen...

Konsequent fortgesetzt wurde die Pein in der maximalen Demütigung der TV-Show: Den bescheuerten Spielchen, mit denen vermeintlich die Stimmung aufgelockert werden soll, aber eigentlich nur die zuvor als Ikonen inszenierten Promis final der Kamera und dem Publikum zum Fraß vorgeworfen werden… Schmerzhaft vorgeführt und durchlitten wurde der klaffende mehrfache Widerspruch der inszenierten Unlust auf den Zirkus in genau diesem Zirkus, durch den eine junge Autorin, die aus unergründlichen Marken-Platzierungs-Erwägungen unbedingt Erfolg haben muss, in unseren Tagen eben getrieben wird… Man müsste mitfiebernder Fan sein, um sich dabei nicht spontan an den Spruch „Augen auf bei der Berufswahl!“ zu erinnern … Sodass es im Rahmen der Inszenierung tatsächlich einen authentischen Ausschnitt Showbiz zu sehen gab: Die Konsequenzen der eben nur bedingt freien Entscheidung, bei sowas anzutanzen, den misslungenen Versuch, sich dem gleichzeitig entgegenzustellen – und die Erkenntnis, dass Haltung bewahren sehr verschieden aussehen kann…

Der Profi und Gastgeber Böhmermann stellte sich dann im Alleingang den Wellen der Scham und Fremdscham, die von der Szene ausgingen, kasperte die Sendezeit ab und brachte es irgendwie fertig, dabei auch nicht vollkommen professionell und souverän zu wirken… Und abermals bleibt die Frage, ob hier die ironisch gebrochene Uncoolness, die authentisch gebrochene Coolness, die Empathie höchstselbst oder die Profi-Trickkiste am Werk war – ob all das überhaupt klar trennbar ist, oder ob am Ende wieder alles zur Inszenierung gehörte…

Böhmermanns Performance ist wie die ganze Show gespickt mit Hinweisen, von Augenbraue über offene Ansprache bis Zaunpfahl, mit was wir es hier zu tun haben: Einer Show. Einer Show im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mithin. Einer Show, die nicht die Arbeit eines einzelnen hochbegabten Unterhaltungs-Anarchisten ist, sondern eine solide Firma mit bienenfleißigen Produzenten, Zu- und Mitarbeitern, ohne die so ein Unternehmen nicht in dieser Qualität möglich wäre… Einer Show, die es sich in jeder Hinsicht leisten kann, neben dem plastischen Beispiel für „Schmähkritik“ auch noch eins für „Zensur“ zu liefern…

Einer Show, die vorbereitet und in mehreren Takes aufgezeichnet wird: Wie spontan, wie authentisch, wie nicht schon im Produktionsprozess mitgedacht kann irgendetwas noch sein, was in dieser Show und um sie herum passiert? Wie überraschend für die Involvierten die Folgen? Wie viele Anwälte hält sich das ZDF, um die mustergültige Entgleisung seines Klassenclowns zu begleiten? Ohne es zu wissen, bin ich sicher: Hätte die „Schmähkritik“-Nummer tatsächlich irgendeinen der im Sender gepflegten Standards gesprengt, wäre sie unter dem Schreibtisch gestorben und wir hätten bereits bei der ersten Ausstrahlung einen anderen Gag serviert bekommen…

Die Frage indes, was Satire ist, darf und kann: Sie ist auch von Böhmermanns Beitrag nicht allgültig geklärt worden, sondern nur wieder noch deutlicher zu Tage getreten. Wir müssen zugeben: Der Satire-Begriff ist keineswegs ein Allgemeingut in unserer sich aufgeklärt findenden Gesellschaft. Wir stellen fest: Satire ist nicht gleichzusetzen mit Spaß. Im Gegenteil: Satire ist verdammt anstrengend. Mit erklären ist es nicht getan. Aufklärung beinhaltet immer schon die nächste Fragestellung. Und nicht zuletzt: Die Frage, was „echt“ ist, bzw. was in welcher Offensichtlichkeit wie gemeint: Sie ist nicht nur im Rahmen der Satire-Debatte relevant, sondern eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit und unserer Kommunikation.

Applaus für den Clown!

Die Show geht weiter.

01:04 05.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Charlie Schulze

"Bei meinen Feinden, zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen." (Peter Rühmkorf)
Charlie Schulze

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