Diskursdeutsch für Normalbürgerinnen

Dekonstruktion „Public display of affection“ und „liberales pink-washing“ – ließe sich das alles nicht auch in einer mehrheitlich verständlichen Sprache sagen?
Charlie Schulze | Ausgabe 28/2015 | Community
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Neulich las ich im Blog einer laut Selbstauskunft white-passing hard-femme queer Person of Color. Es ging um das public display of affection und liberales pink-washing, auch um mangelnde awareness, nicht aber darum, oppression champion zu werden. Wohlgemerkt, es handelte sich um einen Text in deutscher Sprache, selbst das Englisch-Wörterbuch konnte nur bedingt helfen. Ohne Suchmaschine und eine vage Vorkenntnis hätte ich keinen einzigen Satz verstanden. Wirklich beindruckend war dann aber der Kommentarstreifen. Darin wurden nicht nur keine Verständnisschwierigkeiten geäußert, sondern ein jedes befleißigte sich anscheinend routiniert der gleichen Ausdrucksweise. Ich befand mich auf der informiertesten Ebene des Gender-Diskurses, educated-class-passing oder so.

Dies kann nun eine Mehrheit skurril finden. Dass aber die Person, die solche Texte verfasst, vielleicht einen durchaus klugen, bedenkenswerten Inhalt transportiert, erschließt sich nur hartnäckig Interessierten oder ohnehin Eingeweihten. Was für die Sache bedauerlich ist, und bei mir nicht zum ersten Mal die Frage aufwirft, ob sich das alles nicht auch in mehrheitlich verständlichen Sätzen sagen ließe. Der Wunsch nach Dekonstruktion der Geschlechternormen, ein Hauptanliegen des Gender-Diskurses, ist ein Thema, das auch mein völlig unakademisches Leben geprägt hat, mehr noch: bei dem ich als Neunjährige schon mühelos hätte folgen können. Die Frage, was mein Mädchensein mit meinen Interessen, meiner Kleidung, meinem bevorzugten Habitus zu tun haben soll, konnte mir damals niemand einleuchtend beantworten. Und dass sich andere Kinder scheinbar konfliktfrei in die Erzählung einer Welt der Mädchen und Jungs fügten, erklärte mir nicht die Notwendigkeit, beim Auftritt des Schulchors einen Rock zu tragen. Die lästigen Vorstellungen davon, was weibliches, was männliches Verhalten sei, haben mich über viele Jahre und Debatten begleitet.

Der Gender-Diskurs, der es partiell aus der Hochschule in die Öffentlichkeit geschafft hat, rannte bei mir insofern offene Türen ein. Auch der Ansatz der Sprachsorgfalt leuchtet mir ein: dass Sprache über unser Bewusstsein die Wirklichkeit prägt, ist für die Gender-Linguistik wohl Daseinsberechtigung, aber auch mir nachvollziehbar. Allerdings: Dass die angestrebte Dekonstruktion der Normative über die Dekonstruktion der Sprache erreicht werden kann, überzeugt mich bisher in der Praxis nicht. Nicht nur, weil dieser Vorgang unter Ausschluss der Gesamtgesellschaft stattfindet. Es gibt auch einen immanenten Widerspruch: Die Befreiung von traditionellen Beschreibungen scheint auch bei hochgebildeten Personen nicht das Bedürfnis zu löschen, sich und andere zu beschreiben. Neue, möglichst differenzierte Zuordnungen werden benötigt, wo doch der Wunsch nach weniger Zuordnung am Anfang stand. So kommt es zu white-passing hard-femme queer Person of Color.

Es wäre gut, noch einmal nachvollziehbar über das grundsätzliche Anliegen aufzuklären. In traditionellen Worten. Für alle, die inhaltlich beipflichten würden, wenn ihnen klar wäre, worauf diese komischen Gender-Leute hinaus wollen. Dass es ihnen nicht darum geht, „Frauen zu Männern“ zu machen, nicht um Auslöschung von Identität, nein, um das genaue Gegenteil: die Feststellung, dass wir nicht alle gleich sind, und dass Geschlecht nur eins von vielen Merkmalen ist. Es geht um Inhalte, denen eigentlich eine Mehrheit beipflichten dürfte: das Recht auf freie Entfaltung einer jeden Person und ein respektvolles Miteinander.

Charlie Schulze bloggt seit Juni 2015 auf freitag.de

06:00 22.07.2015
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Geschrieben von

Charlie Schulze

»Heut’ mach ich mir kein Abendbrot, heut’ mach ich mir Gedanken.« (Wolfgang Neuss)
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