Der alte Mann und die Politik

Haltung Norbert Blüms Reise nach Idomeni beweist, dass er politisch längst nicht im Ruhestand ist. Dass dort sein Name missbraucht wurde, kann man ihm zu allerletzt anlasten
Christian Füller | Ausgabe 11/2016 11

Norbert Blüm vorzuwerfen, er sei ins verschlammte Flüchtlingslager Idomeni gereist, um daraus politisches Kapital zu schlagen, wäre blanker Unsinn. Welchen Stimmenwert sollte ein 80-jähriger Ex-Politiker daraus ziehen, drei Tage im Zelt zu übernachten? Das verkennt nicht nur die Lebensleistung dieses Mannes, sondern auch seine Haltung.

Denn Norbert Blüm ist immer noch ein politischer Popstar. Seine Auftritte bei Parlamentssitzungen und in Talk-shows sind legendär. „Ich mag Politiker nicht, die nur Politik können“, sagte er in der Harald- Schmidt-Show. Das war 1995, und er hatte gerade für einen guten Zweck eine CD herausgebracht – gegen Kinderarmut in Indien.

Aber Blüm, ein Autoschlosser, der sich via Abendgymnasium bis zum Doktortitel und an den Kabinettstisch durchschlug, war eben nie nur ein Plappermaul. Er reiste schon in Flüchtlingslager, als das noch keine politische Disziplin war. 1991 flog er in die kurdischen Berge der irakisch-syrisch-türkischen Grenzregion – als Bundesarbeitsminister. Abends berichtete er dann in der Tagesschau: „Die Kinder sterben in der Nacht, ein Volk wird ermordet.“ Und schluckte. Das war ebenso eindrucksvoll wie politisch.

Norbert Blüm war, nein er ist immer noch ein politisches Schwergewicht. Einst gehörte er der jungen Putztruppe Helmut Kohls an. Hier der strategische Kopf, der Pfälzer Sozialminister Heiner Geißler, dort der Herz-Jesu-Marxist Norbert Blüm. Sie erkämpften mit Kohl in Bonn die Macht gegen die SPD. Geißler und Blüm machten den intellektuellen und sozialen Charakter der CDU aus. Blüm war früh Mitglied der IG Metall geworden, engagierte sich aber vor allem bei der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft. Seine ethisch-politischen Grundsätze holte er sich bei Oswald von Nell-Breuning, dem Begründer der katholischen Soziallehre.

Blüm stellt so etwas wie den personifizierten Sozialstaat dar. Er steht dafür als jemand, der Menschen hilft, die Not leiden; und als einer, der ein System entwirft, das soziale Not strukturell lindert. Grundrechte und politische Freiheiten existieren für Blüm nicht, ehe sie nicht sozial abgesichert sind. Blüm aber ist in der Lage, diese Programmatik nicht nur zu denken und konzeptionell umzusetzen – er kann sie zugespitzt in massentauglicher Version unter die Leute bringen. „Der Arbeitslose heißt Ich-AG, sagte er einmal. „Auf das Wort muss erst mal einer kommen. Der Arbeitslose als Alleinaktionär, Hauptversammlung, Vorstand und Angestellter seiner selbst. Wenn der Kurswert der Ich-Aktie fällt, wird sie einfach abgestoßen.“

Blüm brachte das Kunststück fertig, als CDU-Politiker für die linke konkret zu schreiben. Erst als sich Herausgeber Hermann L. Gremliza weigerte, den RAF-Mord an Generalbundesanwalt Buback zu bedauern, kündigte Blüm seine Mitarbeit auf. Freilich war Blüm auch einer der wenigen, die gegen Kohl offen aufmuckten. Als der Kanzler seinen putschbereiten Generalsekretär vor die Tür setzte, erhob Blüm das Wort. Als Kohl in der Parteispendenaffäre der CDU log, brach Blüm mit ihm.

Auch als Pensionär ist er politisch nicht in den Ruhestand gegangen. Er reist als 80-Jähriger nach Idomeni und sieht sich die Situation vor Ort an. Dass eine Gruppe seinen guten Namen nun missbrauchte, um als „Kommando Norbert Blüm“ hunderte Flüchtlinge durch einen eiskalten Fluss zu lotsen, ist eine tödliche Ironie. Doch dem guten alten Mann kann man sie zu allerletzt anlasten.

12:37 16.03.2016
Geschrieben von

Christian Füller

Chefredakteur "der Freitag" http://christianfueller.com
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Christian Füller

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