Christian Füller
Ausgabe 1116 | 16.03.2016 | 12:37 11

Der alte Mann und die Politik

Haltung Norbert Blüms Reise nach Idomeni beweist, dass er politisch längst nicht im Ruhestand ist. Dass dort sein Name missbraucht wurde, kann man ihm zu allerletzt anlasten

Norbert Blüm vorzuwerfen, er sei ins verschlammte Flüchtlingslager Idomeni gereist, um daraus politisches Kapital zu schlagen, wäre blanker Unsinn. Welchen Stimmenwert sollte ein 80-jähriger Ex-Politiker daraus ziehen, drei Tage im Zelt zu übernachten? Das verkennt nicht nur die Lebensleistung dieses Mannes, sondern auch seine Haltung.

Denn Norbert Blüm ist immer noch ein politischer Popstar. Seine Auftritte bei Parlamentssitzungen und in Talk-shows sind legendär. „Ich mag Politiker nicht, die nur Politik können“, sagte er in der Harald- Schmidt-Show. Das war 1995, und er hatte gerade für einen guten Zweck eine CD herausgebracht – gegen Kinderarmut in Indien.

Aber Blüm, ein Autoschlosser, der sich via Abendgymnasium bis zum Doktortitel und an den Kabinettstisch durchschlug, war eben nie nur ein Plappermaul. Er reiste schon in Flüchtlingslager, als das noch keine politische Disziplin war. 1991 flog er in die kurdischen Berge der irakisch-syrisch-türkischen Grenzregion – als Bundesarbeitsminister. Abends berichtete er dann in der Tagesschau: „Die Kinder sterben in der Nacht, ein Volk wird ermordet.“ Und schluckte. Das war ebenso eindrucksvoll wie politisch.

Norbert Blüm war, nein er ist immer noch ein politisches Schwergewicht. Einst gehörte er der jungen Putztruppe Helmut Kohls an. Hier der strategische Kopf, der Pfälzer Sozialminister Heiner Geißler, dort der Herz-Jesu-Marxist Norbert Blüm. Sie erkämpften mit Kohl in Bonn die Macht gegen die SPD. Geißler und Blüm machten den intellektuellen und sozialen Charakter der CDU aus. Blüm war früh Mitglied der IG Metall geworden, engagierte sich aber vor allem bei der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft. Seine ethisch-politischen Grundsätze holte er sich bei Oswald von Nell-Breuning, dem Begründer der katholischen Soziallehre.

Blüm stellt so etwas wie den personifizierten Sozialstaat dar. Er steht dafür als jemand, der Menschen hilft, die Not leiden; und als einer, der ein System entwirft, das soziale Not strukturell lindert. Grundrechte und politische Freiheiten existieren für Blüm nicht, ehe sie nicht sozial abgesichert sind. Blüm aber ist in der Lage, diese Programmatik nicht nur zu denken und konzeptionell umzusetzen – er kann sie zugespitzt in massentauglicher Version unter die Leute bringen. „Der Arbeitslose heißt Ich-AG, sagte er einmal. „Auf das Wort muss erst mal einer kommen. Der Arbeitslose als Alleinaktionär, Hauptversammlung, Vorstand und Angestellter seiner selbst. Wenn der Kurswert der Ich-Aktie fällt, wird sie einfach abgestoßen.“

Blüm brachte das Kunststück fertig, als CDU-Politiker für die linke konkret zu schreiben. Erst als sich Herausgeber Hermann L. Gremliza weigerte, den RAF-Mord an Generalbundesanwalt Buback zu bedauern, kündigte Blüm seine Mitarbeit auf. Freilich war Blüm auch einer der wenigen, die gegen Kohl offen aufmuckten. Als der Kanzler seinen putschbereiten Generalsekretär vor die Tür setzte, erhob Blüm das Wort. Als Kohl in der Parteispendenaffäre der CDU log, brach Blüm mit ihm.

Auch als Pensionär ist er politisch nicht in den Ruhestand gegangen. Er reist als 80-Jähriger nach Idomeni und sieht sich die Situation vor Ort an. Dass eine Gruppe seinen guten Namen nun missbrauchte, um als „Kommando Norbert Blüm“ hunderte Flüchtlinge durch einen eiskalten Fluss zu lotsen, ist eine tödliche Ironie. Doch dem guten alten Mann kann man sie zu allerletzt anlasten.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/16.

Kommentare (11)

Sternenfreund 17.03.2016 | 06:53

Ich habe den abfälligen Artikel von Herrn Broder beim Spiegel gelesen und muss sagen, ich war schon ziemlich entsetzt darüber. Ich sehe das ebenfalls so. Der Herr ist aktiv - mit seinen 80 Jahren - und ein Großteil der Politiker und auch Journalisten würde nicht einmal im Traum auf die Idee kommen, sich selbst ein Bild der Lage vor Ort zu machen. Deswegen gilt ihm eher Respekt für sein Tun und keinesfalls Häme.

Markou Spyros 17.03.2016 | 13:54

Ich möchte dem Ex-Minister H.Blüm gratullieren und meinem Respekt ausdrücken, denn er sendet, durch seine Präsenz im elenden Flüchtlingslager in Idomeni, aller Welt eine klare Botschaft: Menschlichkeit und Solidarität. Die griechische Regierung solle ihn umgehend ehren, weil er in der Tat und vor allem der Jugend überall ein gutes Beispiel gibt, daß nicht alle Politiker gleich sind und daß sie, die Jugend, kritisch denken sollte, wenn sie wählen geht. Auch, daß man es im Leben schaffen kann, und vom Arbeiter bis zum Minister werden kann, wenn man hart und konsequent arbeitet, an Ideale und Grundwerte glaubt und sie in der Tat umsetzt... Zum Schluß : keiner in Griechenland glaubte, daß hinter der Provokation mit dem Flugblatt, der alte , gute Politiker Blüm stand.

Nordlicht 17.03.2016 | 15:01

Herr Blüm ist im politischen Ruhestand und kann sich nun um Moral und andere Aspekte kümmern, ohne an die politischen Folgen seiner Gesinnungsethik denken zu müsen. Er muss kein Verantwortungsethiker mehr sein, nicht für die Folgen gegenüber dem deutschen Volk gerade stehen.

(Sorry, aber das mit dem "deutschen Volk" steht im Grundgesetz, ist keine rechtsnationale Haltung.)

Die Menschen im Schlamm von Idomeni möchten ihre Lebenswünsche gegen das europäische Recht durchsetzen. Dass Asylbewerber nach europäischen und nach deutschem Recht ihren Asylantrag in Griechenland zu stellen haben und nicht Asylberechtigten die Einreise in die EU zu verwehren ist (- wenn nicht andere Gründe für einen zeitlich begrenzten Aufenthaltsstatus bestehen), möchten die Migranten nicht gelten lassen.

Selbst Kanzlerin Merkel hat nun erkannt, dass ein Flüchtling nicht das Recht hat, das Land und den Aufenthaltsort für sein Asylverfahren frei zu wählen. Es geht den Migranten aber darum, nach Deutschland (oder nach GB oder in ein skandinavisches Land) zu kommen, um dort Aufenthalt und Unterstützung zu bekommen, zu arbeiten und ggf auf Dauer zu leben.

Diese Wünsche der Einwanderer sind verständlich, kollidieren allerdings mit den bestehenden Gesetzen.

Wenn Herr Blüm und andere diese Gesetze für falsch halten, müssten Sie politische Mehrheiten für Gesetzesänderungen suchen. Ich bezweifele, dass die Mehrheit der europäischen Wahlvölker Gesetzesänderungen zustimmen werden, welche den Wünschen der Einwanderer zustimmen.

Reinhold Schramm 17.03.2016 | 16:41

Vom vorgeblichen Fach-Arbeiter zum Minister für den Deutschen CLUB DER UNTERNEHMER (CDU). Wie kleinbürgerlich-ideologisch, moralisch-verkommen und heruntergekommen muss man wohl als vormaliger Facharbeiter sein, um mit der BMW-Familie Quandt am Tisch zu sitzen, bei Kaffee und Kuchen, und über christliche Nächstenliebe zu schwadronieren? [Sinngemäß, könnte auch analog Frau Merkel, vormals Post-DDR, zum letztmaligen 101. Geburtstag bei Ausbeutungs- und Vermögens-Milliardär vom 'CDU'-Otto-Versand sein.]

Vorgebliche 'Nächstenliebe' -der Diebe- dient auch hier vielmehr der geistigen Verkleisterung über die wahren Fluchursachen, an denen auch der bundesdeutsche NATO-Partner und der 'christliche CDU-Club aktiv, zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung, beteiligt ist!

Aufwachen Blümsche Michels! (?)

Reinhold Schramm 18.03.2016 | 01:43

Die rund 8 Millionen Bundesbürger, ihre Familien, weniger als 10% der Gesamtbevölkerung, verfügen über mehr als 6,3 Billionen Euro an Kapital- und Privatvermögen. Also, im "Durchschnitt", über ca. 800.000 Euro pro Kopf. Jeder von ihnen könnte, rein ökonomisch, wenn er nur wollte, die laufenden Kosten für die menschenwürdige und auskömmliche Versorgung eines NATO-Kriegs-, bzw. SA-IS-Vertreibungs- oder EU-Wirtschaftsopfer übernehmen! Ohne dabei die sozial Armen und Geringverdiener zu belasten!

Wäre es nich die Zeit zum Nachdenken über die Notwendigkeit der Abschaffung der bestehenden Gesellschaftsordnung?

Bingocrash 18.03.2016 | 01:48

Also mal ganz ehrlich, Leute!

Hans Tigentaler´s Kaugummi-Referat ist schon deswegen eine Zumutung, weil dieser Kommentar nach erneutem durchlesen (durchkauen) immer neu interpretierbar ist und vor allem einen direkten Bezug zu Christian Füllers Artikel vermeidet ...

Oder ein besonders raffinierter Versuch der Darstellung wolkenkuckucksheim-ähnlicher Zustände, in der sich Politiker immer wiederfinden ... ;) Aber in beiden Fällen: THEMA verfehlt, würde ein Lehrer vielleicht befinden ...

@Nordlicht - es geht hier im Artikel gar nicht um "die Wünsche des Asylanten" - nein es geht schlichtweg nur um Würde des Menschen, Solidarität unter ihnen usw.

Mr. oder Mrs. Nordlicht, ich finde es unsolidarisch (emontional sogar ärmlich), bestehende Gesetze (was immer die aussagen oder wie die interpretiert werden) ÜBER die allgemeinen Menschenrechte zu stellen ...

@Reinhold Schramm - wenn du DER perfekte Mensch bist, den deine Kommentare fordern, DANN hast du in der Tat das ETHISCHE Recht, Menschen so zu sehen, wie du das bei Blüm machst.

Politische, klinische Abstraktionsfähigkeiten, die zu allem Überdruß NUR in "dem Leben generell wie absolut negativ gegenüber stehend" formuliert sind, depriemieren auf Dauer nicht nur den Leser, sondern auch den Schreiber ...

Man verzeihe mir meinen leichten Zorn (nicht Wut!) - den ich hier begründet (als Wesensmerkmal des Zorns übrigens) darstelle. Hoffe das sich keine persönlich beleidigt fühlt.

Zu Norbert Blüm: Erstens RESPEKT. Zweitens, ich kenne ihn (nicht persönlich) und seine Karriere, Tricksereien und Widersprüchlichkeiten, aber auch seine Authenzität. Er ist durch und durch menschlich (also implizit auch mit Fehlern behaftet)

Nordlicht 18.03.2016 | 14:36

Zu den Anmerkungen von Bingocrash:

"..Nordlicht, ich finde es unsolidarisch (emontional sogar ärmlich), bestehende Gesetze (was immer die aussagen oder wie die interpretiert werden) ÜBER die allgemeinen Menschenrechte zu stellen ..."

Das, was Sie "Allgemeine Menschenrechte" nennen, sind von Menschen formulierte und vereinbarte Gesetze. Insofern wundert mich Ihre Verächtlichmachung von Gesetzen.

Und es geht im Bericht eben doch um den Willen der Einreisenden, nicht um Menschenrechte. Es gibt kein allgemeines Recht, von Griechenland aus nach Mazedonien einzureisen. Es gibt das EU-Recht, in Griechenland einen Asylantrag stellen zu können, dazu würden die in Migranten zu den entsprechenden Stellen gebracht.

Sie wollen das aber nicht, sie wollen in Richtung Nordwesten reisen. Dass Bingocrash für diesen Wunsch die Allgemeinen Menschenrechte bemühen, ist abwegig.

Nordlicht 19.03.2016 | 00:04

Diese sog. Aktivisten und Anarchisten, die Migranten manipulieren, um politische Effekte zu erzielen, die sie auf demokratischen Wegen nicht erreichen:

Das sind die wirklichen Schuldigen an den im Fluss Ertrunkenen.

Und die Kanzlerin, die nach wie vor in die Welt posaunt, dass Migranten nach Deutschland gelangen können, aber von den Grenzschliessungen profitiert:

Das ist das ermbärmlichste Schmierenstück.

Helga Reimund 20.03.2016 | 10:12

@Nordlicht

Es ist einerseits nicht alles illegitim, was Gesetzen widerspricht.

Andererseits haben Gesetze über ihre juristische Wirkung hinaus auch eine Bewusstsein schaffende Komponente. Insofern muss man sich nicht wundern, wenn der rassistische Mob jetzt ganz im Sinne der europäischen Gesetze pöbelt, die Flüchtlinge aus den reicheren Staaten fernhalten sollen. Und ganz nebenbei Griechenland und Italien die Hauptlast überhelfen.

Und zu guter Letzt: Es wäre ja mal eine schöne Sache, wenn das Wahlvolk tatsächlich die Wahl hätte. Dafür streitet z.B. die Organisation Mehr Demokratie seit langem. Derzeit tut sie es zur Verhinderung von TTIP, CETA und Co. Mal sehen, wann deren Gemeinnützigkeit in Zweifel gezogen wird.

Leider wird bei uns nur dann auf die Meinung des "Volkes" Wert gelegt, wenn diese eine rechtslastige ist.