Christian Füller
Ausgabe 0617 | 22.02.2017 | 06:00

Hehre Ideale, kleiner Geist

Lohndrückerei Wenn das der Namenspatron wüsste: Wie das Goethe-Institut seine Mitarbeiter ausbeutet

Hehre Ideale, kleiner Geist

Mit Goethes Idealen haben die Arbeitsbedingungen am Institut wenig zu tun

Foto: Imagebroker/Imago

„Das Präsidium sieht keinen Anlass, tarifvertragliche Verhandlungen zu führen“, schrieb 2013 Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts. Was der Goethe-Vormann sagt, hat Gewicht. Gerade hat Lehmann dem amerikanischen Präsidenten die Löffel langgezogen. Öffentlich, im Radio. „Man muss den Anfängen wehren“, sagte Lehmann über Donald Trump.

Vielleicht ist es Zeit, den Präsidenten des Instituts, das im Namen Johann Wolfgang von Goethes deutsche Kultur und Sprache vermittelt, nicht an seinen edlen Worten, sondern an seinen profanen Taten zu messen. Lehmann hatte mit dem Schreiben an die Gewerkschaft abgelehnt, die Honorarlehrkräfte seines Instituts angemessen zu beschäftigen. Rund 400 Lehrer arbeiten beim Goethe-Institut im Inland als Prekäre: Sie geben wie Vollzeitkräfte Unterricht mit wöchentlichen Stundenzahlen von 20 bis 29 – aber sie tun das als vogelfreie Selbstständige. Die Lehrerinnen und Lehrer haben keinen Urlaubsanspruch. Wenn sie krank werden, bekommen sie nichts. Darunter sind Lehrer, die seit 20 Jahren für Goethes arbeiten, gestückelt in Verträgen mit Mini-Laufzeiten von zwei bis maximal acht Wochen. Sie müssen ihre Sozialversicherung selbst bezahlen. Viele können nicht in Rente gehen – weil’s nicht reicht.

Goethe steht nun nicht mehr nur für Faust, sondern auch für andere Tragödien: Lohndrückerei und möglicherweise sogar Sozialbetrug.

Goethe steht nun nicht mehr nur für Faust, sondern auch für andere Tragödien: Lohndrückerei und möglicherweise sogar Sozialbetrug. Die Deutsche Rentenversicherung prüft das Institut seit 2014 mit dem Verdacht auf massenhafte Beschäftigung von Scheinselbstständigen – und hat das Goethe-Institut offenbar angezählt. Lehmann sieht derzeit, wie er dem Freitag schrieb, „von der Beauftragung freier Lehrkräfte an den Goethe-Instituten in Deutschland ab“. Anders gesagt: Er entlässt zwei Drittel seiner Lehrkräfte ins soziale Nichts. Sie verdienen plötzlich null. Anrecht auf Arbeitslosengeld haben sie in den seltensten Fällen.

Was sich beim bekanntesten deutschen Sprachkurs-Anbieter zuträgt, ist der Zusammenprall der Premiummarke Johann Wolfgang von Goethe mit dem Manchester-Kapitalismus. Nur dass der skrupellose Arbeitgeber in dieser Geschichte nicht etwa eine kleine private Sprachenschule ist, sondern das Goethe-Institut – in dessen Präsidium und Mitgliederversammlung angesehene Persönlichkeiten sowie hohe Beamte und Abgeordnete sitzen. Das soziale Unrecht, das hier begangen wird, geschieht in Kenntnis etwa von zwei Ministerialdirigenten aus dem Finanz- und dem Außenministerium. Spitzenbeamte des besten Sozialstaates der Welt schauen also zu, wie Hunderte De-facto-Vollzeitkräfte über Jahre ohne Lohnfortzahlung und bezahlten Urlaub arbeiten müssen.

Die Lehrer geben das Fach Deutsch als Fremdsprache. Im Moment gibt es wohl kein wichtigeres in Deutschland. Sie erfüllen eine Aufgabe, die in Sonntagsreden gerne gepriesen wird: Flüchtlingen, Arbeitsmigranten und ausländischen Studenten Deutsch beizubringen. Die vergreisende Republik braucht Zuwanderung – und Deutschlehrer. Aber Goethe-Institut und Regierung sind ganz offenkundig nicht bereit, für angemessene soziale Arbeitsbedingungen zu sorgen. „Mir will das nicht in den Kopf“, sagte eine der abgelegten Deutschlehrerinnen, „das ist nicht der Sozialstaat, den wir unseren Kursteilnehmern beibringen.“ Eine andere fragte: „Warum muss Lehmann eigentlich nicht zurücktreten?“ Die Antwort ist einfach: Er müsste – und mit ihm das gesamte Präsidium. Denn sie stehen nicht für Goethes Schöngeist, sondern für die soziale Ungerechtigkeit unserer Zeit.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/17.