Löst die Unterschichtsfabriken auf!

Bildung Der Bund will den Schulen mit einer Milliardenspritze für moderne Medien unter die Arme greifen. Doch das Digitalisierungsgeschenk hat auch etwas Unsoziales
Löst die Unterschichtsfabriken auf!
Bei der der Digitalisierungsoffensive gibt es nicht nur Gewinner
Bild: imago/Westend61

Na endlich. Vor 15 Jahren hat eine Bildungsministerin erstmals jedem Schüler einen Laptop versprochen. Nun soll es so weit sein. Der Bund hat sich bereit erklärt, den Schulen mit einer Milliardenspritze für moderne Medien unter die Arme zu greifen. Das ist sinnvoll, denn die Bundesländer haben selbst nicht genug Geld, um Lehrer und Schulen aufs 21. Jahrhundert vorzubereiten. Medienkompetenz ist für Kinder und Jugendliche heute so wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Neun von zehn Jugendlichen tragen das Hosentascheninternet stets mit sich herum – aber an den Schulen wird häufig noch unterrichtet wie bei Lehrer Lämpel.

Die Möglichkeiten von Tablets im Unterricht sind enorm, sie werden das Lernen bereichern. Schüler könnten über Blogs und Wikis anders kooperieren. Pädagogen nutzen das Kreativitätspotenzial digitaler Medien noch zu wenig – etwa beim Herstellen digitaler Schulbücher, in die man Videos und Ton integrieren kann. Im Übrigen brauchen auch die Eltern Hilfe: Sie allein können ihre Kinder ganz offensichtlich nicht auf die konstruktiven Möglichkeiten, etwa von Smartphones, vorbereiten. Und schon gar nicht wissen sie ihren Nachwuchs wirksam vor den Risiken zu schützen, die in der anonymen Online-Kommunikation offener Kinder-Plattformen stecken. Bei alldem können die fünf Milliarden aus Berlin hilfreich sein.

Dennoch hat das Digitalisierungsgeschenk von Bildungsministerin Johanna Wanka auch etwas Unsoziales, ja Perverses. Die Nation wartet ja seit vielen Jahren nicht nur vergeblich auf Laptops, sondern auf Hilfen für die Zentren der Bildungsarmut in diesem Land. Die Rede ist von Risikoschulen, die in deutschen Banlieues wie Hamburg-Wilhelmsburg, Dortmund-Nord oder München-Hasenbergl lauern. Dort werden Sozialarbeiter, zusätzliche Lehrer und Schulpsychologen dringend benötigt – aber die Verfassung verbietet es dem Bund, zu helfen. So charmant es ist, dass die Bildungsministerin jetzt einen Artikel im Grundgesetz entdeckt hat, der Überweisungen für WLAN und Tablets erlauben soll. Am Ende bleibt der fade Beigeschmack, dass Milliardenprogramme, von denen die Internet-Industrie profitiert, möglich sind. Aber Bundesgelder für Ganztagsschulen, Sozialarbeit und Inklusion sollen weiter vom Grundgesetz verboten bleiben? Das darf nicht sein.

Viele Fans des digitalen Lernens argumentieren, dass digitale Teilhabe Chancengleichheit ermögliche. Sie suggerieren, dass man Bildungsarmut bekämpfen könne. Das ist eine freche Idee – auf die man nicht hereinfallen sollte. Man kann das nirgends besser sehen als in Bremen, wo die derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz für Schulen zuständig ist. Claudia Bogedan wird nicht müde zu behaupten, dass Laptops für Chancengleichheit gut sind.

Gleichzeitig aber hat die Schulsenatorin in ihrer bettelarmen Stadt nicht genug Geld, um die Inklusion behinderter Kinder zu finanzieren und ihre Unterschichtsfabriken aufzulösen. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen gilt als Risikoschüler. Das bedeutet, sie können Texte zwar entziffern – aber sie verstehen nicht, was sie bedeuten. In Stadtteilen wie Gröpelingen oder Neue Vahr, wo viele Kinder in der zweiten Generation von Hartz IV leben, liegt die Bildungsarmut bei50 Prozent. Es kann sein, dass diese Kinder auch in der Schule gerne daddeln wollen. Aber es ist ganz sicher, dass sie das nicht aus der Bildungsarmut holen wird. Dabei helfen Lehrer besser als Laptops.

06:00 21.10.2016
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

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