Rassistische Vorurteile

Bildung Bundesbildungsministerin Johanna Wanka möchte, dass der Anteil von nichtdeutschen Kindern in Schulklassen nicht überhandnimmt. Das ist verantwortungslos
Rassistische Vorurteile
Früher wars auch nicht besser
Foto: Bernd Friedel/imago

Die richtige Mischung von Lerngruppen ist ein Thema, seit es Schulen gibt. Dürfen nur Männer Bildung genießen (antikes Athen) oder nur die Söhne und Töchter des Adels (Mittelalter)? Soll man Mädchen getrennt unterrichten (Mädchenschulen) oder müssen auch Kinder mit Handicap in die Regelschule gehen können (UN-Beschluss)? Das sind Fragen, die seit jeher die Menscheit beim Lernen bewegen. Johanna Wanka, ihres Zeichens Bundesbildungsministerin, hat dem nun eine Variante hinzugefügt. Sie möchte, dass der Anteil von nichtdeutschen Kindern in Schulklassen nicht überhandnimmt. Die Ministerin hat es natürlich ein bisschen anders ausgedrückt. „Es sollte keine Klassen geben, in denen der hohe Migrantenanteil dazu führt, dass die Schüler untereinander vorwiegend in ihrer Muttersprache sprechen und damit eine Integration erschwert wird“, sagte Wanka gewunden. Trotz der Geschraubtheit ist es in der Konsequenz verantwortungslos, was die Bildungsministerin sagte.

Es wäre nicht schlecht, wenn es eine Idealverteilung im Klassenzimmer von Schlauen und Langsamen, von Mädchen und Jungen, von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund, von Reichen und Armen gäbe. Leider gibt es das nicht, aber es finden sich immer wieder Zeitgenossen, die an der Schraube der Mischung drehen. Eltern entziehen dem öffentlichen Schulwesen ihre Kinder und schicken sie auf Privatschulen, andere wandern weg aus Kiezen, die sie als problematisch ansehen. Das ist nicht schön, aber deren gutes Recht. Denn die Verfassung kodifiziert die Gründung und den Besuch von Privatschulen als Grundrecht. Und an der Freizügigkeit wird ja wohl niemand rütteln wollen. Jedenfalls sind das autonome Entscheidungen von Privatpersonen. Eine auf die Verfassung vereidigte Bildungsministerin aber sollte sich genau überlegen, was sie zum Thema Exklusion und Schule sagt.

Wanka hat betont, sie wolle gar keine starre Quote für Migranten. Am besten hätte sie den Mund gehalten. Denn eine irgendwie geartete bessere Mischung von Zuwanderern und Einheimischen in Schulen ist politisch quasi nicht beeinflussbar. Wie möchte die Ministerin, bitte, in Dortmund-Nordstadt, Hamburg-Wilhelmsburg, Berlin-Kreuzberg oder München-Hasenbergl einen hohen Migrantenanteil verhindern? Indem sie Busladungen voller junger Türken, Araber und Russen nach Blankenese, Zehlendorf oder Essen-Kettwig fährt? Und umgekehrt deutsche Kinder in die Innenstadtghettos transportiert? Und wer ist heute eigentlich ein Kind mit Migrationshintergrund? Sind es die Kinder des Hugenotten Thomas de Maizière, der Nachwuchs von Ranga Yogeshwar oder die Zwillinge von Jérôme Boateng? Nein, Johanna Wanka hat sich gründlich verlaufen. Das Mindeste, was man ihr vorwerfen kann, ist, dass sie von ihrem Metier keine Ahnung hat. In Wahrheit liegt das Problem aber tiefer: Wanka bedient die Vorurteile von AfD-Wählern und Pegida-Marschierern. Sie hat im Grunde nur einen Satz variiert, der dem nationalkonservativen AfD-Politiker Alexander Gauland zugeschrieben wird: Unsere Kinder möchten die Töchter von Boateng nicht als Banknachbarn in der Schule haben!

Der Job einer Bildungsministerin besteht darin, allen Kindern, die in diesem Land die Schule besuchen, die besten Lernmöglichkeiten zu bieten. Aber er ist es nicht, rassistische Vorurteile zu schüren. Wenn sie diese Aufgabenbeschreibung nicht versteht, sollte sie besser zurücktreten.

06:00 10.05.2017
Geschrieben von

Christian Füller

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Christian Füller

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