„Sowas macht mein Opa immer mit mir“

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Missbrauchsopfer werden immer wieder missbraucht, selbst von der Justiz. Die untersagt ihnen aufgrund ihrer Zeugeneigenschaft medizinisch notwendige Therapien. Diesen Missstand enthüllte gestern eine Expertenrunde auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag. Mit dabei: Christine Bergmann, Bundesbeauftagte zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs.

Nachdenkliches von einem Kirchentagsblogger

Seit April arbeitet die Dienststelle der Bundesbeauftragten zur Missbrauchsbekämpfung. Man kann ihr schon Briefe und Mails schreiben, ab Ende Mai sogar anrufen. Missbrauchsopfer werden beraten, ihre Fälle erfasst und systematisiert. Daraus werden Empfehlungan an die Politik abgeleitet. Der runde Tisch von drei Ministerien unter Einbeziehung von Institutionsspitzen hat einmal getagt und sich dann in drei Arbeitsgruppen aufgeteilt: Recht, Prävention und Intervention, Forschung und Lehre. Diese Arbeitsteilung könnte die Ursache einer verantwortungslosen Verlängerung des Leidens von Betroffenen sein, weil deutsches Schubladen-Denken dabei das Dilemma konkurrierender Aufträge übersieht: Die Täter zu bestrafen oder den Opfern zu helfen muss nicht dasselbe sein.

Am Anfang der Diskussionsrunde ahnte die ehemalige Ministerin noch nicht, was ihr bevorstand. Eigentlich hatte Christine Bergmann in der kurzfristig angesetzten Talkrunde nur als eine von mehreren Missbrauchsexpertinnen mitdiskutieren wollen. Doch beim Frühstück des gestrigen Donnerstags konnte Moderatorin Ulrike Greim sie überzeugen, vorher den Hauptvortrag anstelle des forensischen Psychiater Prof. Dr. Norbert Leygraf von der Universität Duisburg-Essen zu halten.

Der hörte sich nach einer ersten Erfolgsbilanz an. Die Mauer des Schweigens ist durchbrochen. Ermutigt durch die Medienberichte, melden sich immer mehr Alt-Betroffene. Sie sind meistens etwa 60 Jahre alt. Dadurch werden nicht nur Schäden, sondern auch Folgeschäden deutlich, man weiß jetzt, wie ein früher Missbrauch ein ganzen Leben beeinflussen kann. Das doppelte Unrecht ist verstanden, Institutionen weigern sich nicht mehr, Betroffenen zu glauben und akzeptieren ihre Verantwortung, ziehen Konsequenzen und schulen ihre Mitarbeiter. Die Sensibilisierung für Missbrauch ist zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe geworden.

„Eine Lehrerin sprach mit ihrer Klasse über sexuellen Missbrauch. Danach kam eine Schülerin zu ihr und sagte: ‚Sowas macht mein Opa immer mit mir.’“ So schildert die Ex-Ministerin beispielhaft die Auswirkung der Sensibilisierung – ohne zu ahnen, dass jetzt an dieser der Leidensweg des Kindes mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht endet, sondern erst richtig beginnt.

Die Missbrauchs-Aufklärungs-Welle hat eine Rückseite, die der Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Politik bisher entging. Bei den Hilfs- und Beratungsstellen und den Betroffenen selbst kommt sie dafür umso schmerzlicher an.

Seit die Betroffenen kommen, geht den Trägern mehr und mehr das Geld aus. Sie kämpfen mit personellen und finanziellen Engpässen. Es gibt keine Traumatherapieplätze mehr. Berater und Therapeuten werden seit Jahren nur mit Zeitverträgen und geringer Bezahlung beschäftigt. Und wenn es Therapieplätze gibt, wird die Therapie von der Justiz untersagt, jedenfalls für die Zeit, die das Verfahren gegen die Täter dauert, was bis zu zwei Jahre dauern kann. Begründung: Therapie würde die Kinder als Zeugen unbrauchbar machen, weil man bei den wiederholten Befragungen nicht sicher unterscheiden kann, ob ihnen das Berichtete wirklich passiert oder nur vom Therapeuten zu Therapiezwecken suggeriert wurde.

Die Opfer bleiben auch in den folgenden Belastungen ohne nachhaltigen Beistand. Dazu gehören die mehrfach möglichen Vernehmungen und soziales sexuelles Mobbing, wenn sie nach Bekanntwerden des Missbrauchs geoutet sind. „Du hast es ja (auch) mit dem gemacht“ kommt von irgendeiner Seite dann unweigerlich auf viele zu. Die im Moment überall vertretene Forderung nach einer Strafanzeige wirkt deshalb „wie ein Knebel für die Opfer“, resümiert Ursula Enders, Traumatherapeutin und Sprecherin der Kölner Opferhilfeinitiative „Zartbitter“ aus Köln. Das Interesse konzentriere sich wieder einmal allein auf die Täter und opfere die Opfert erneut.

Dass es so nicht weitergehen kann, hat Ursula Enders schon Bundesfamilienministerin Kristina Schröder klarmachen wollen und sie deshalb zum Gespräch eingeladen. Nicht einmal eine Antwort sei gekommen. Auf dem Kirchentag konnte die Traumtherapeutin das ganze wenigstens ihrer Amtsvorgängerin und jetzigen Beauftragten zu Gehör bringen, auf dem Podium unterstützt von einem Kollegin, einem Kollegen und einer Familienrichterin.

Ob Christine Bergmann dafür die richtige Adresse ist? Menschenrechtsaktivisten werfen ihr vor, in ihrer Amtsperiode (1998-2002) auch Kindern als Opfern häuslicher Gewalt in bestimmten Fällen die Anerkennung verweigert zu haben. Immerhin versprach sie am Ende der Runde, sich dafür einzusetzen, dass künftig Kinderrechte in die Verfassung aufgenommen werden und dass Lehrer nicht mehr von der Verpflichtung ausgenommen werden, mehrmals während ihrer Laufbahn ein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen und nicht nur bei ihrer Einstellung.

Akut notwendig wäre aber, für die Opfer kompetenten juristischer Beistand gegen die Justiz zu organisieren. Wenn diese meint, individuelle medizinische Erfordernisse müssten hinter ihren Ermittlungen zurückstehen, stehen die Grundrechte offensichtlich Kopf. Das ganze scheint eher ein Kommunikationsproblem zu sein. Auch mehr Therapieplätze könnte es schon bald geben, wenn der politische Wille das dazu notwendige Geld in die Hand nimmt. Für beides müsste aber zuerst die Schwerfälligkeit der ministeriellen Bürokratie durchbrochen werden, in der jeder Hinweis an verantwortliche Minister auf Schwachstellen ihres Systems regelmäßig versandet. Bei der Griechen- und Bankenrettung ließen sich vorgeschriebene Dienst- und Verwaltungswege ja auch bei akuten Notlagen außer Kraft setzen, warum also nicht hier?

Der Verfasser bloggt für freitag.de und pfarrverein.com vom 2. ÖKT aus München. Bisher erschienen außerdem:

Der 2. Ökumenische Kirchentag - darf man da hin?

Die an den Hecken und Zäunen

Die Parallelgesellschaft des Mittelstandes

11:55 14.05.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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