Kirchentag in einer Welt aus den Fugen

Kirchentag In Stuttgart werden 20 % weniger Kirchentagsbesucher erwartet als vor 2 Jahren in Hamburg. Das kann am nur regionalen Feiertag liegen. Oder an einem Paradigmenwechsel.
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Generalsekretärin Ellen Ueberschär, Bundespräsident Joachim Gauck und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD, lauschen der Predigt von Renate Höppner beim Eröffnungsgottesdienst. (Foto: Alasdair Jardine)

Was diesmal auf dem Kirchentag anders ist, genauer gesagt, warum es anders ist, kam durch eine Spitze des Bundespräsidenten ans Licht. Gleich im ersten Hauptvortrag zum Thema "Gutes Leben. Kluges Leben" hatte Ex-Pastor Jochen Gauck als "Problem des Kirchentages" benannt, dass sich dort "die Sehnsucht nach Frieden oft in allzu banalen Forderungen an die Politik entlädt". Bei der mittäglichen Pressekonferenz bekannte Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär dann Farbe: Genau das soll in Zukunft nicht mehr sein.

"‘Frieden‘ kommt als Thema mit einer neuen Wucht zurück und beinhaltet neue Dimensionen. Wir haben als Reaktion auf diese Herausforderung bewusst nicht Weg der 80er gewählt, wo lila Tücher für eine klare Antwort standen, wo es die Block-Konfrontation gab und Wege, wie in diesem Rahmen Konflikte zu regeln waren. Heute ist die Welt aus den Fugen, wir stecken in einer ganzen Reihe von politischen Dilemmata, aus denen die früheren Antworten nicht mehr herausführen, sodass wir insgesamt wegkommen müssen von einfachen Antworten auf komplizierte Fragen." Der Kirchentag ist für Ellen Ueberschär das Forum, das Fragen der Zivilgesellschaft und Politik realistisch aufgreift und nicht einem realitätsfernen "Ghetto", "in einem 'Zentrum Frieden' mal eben 'keine Rüstungsexporte' fordern" kann. Der Kirchentag würde die veränderte Weltlage statt dessen als Ansporn nehmen, "nach Antworten zu suchen, die kompatibel sind mit den Dilemmata, die Politik zu lösen hat."

Mit ihrer eigenen Spitze gegen das „Ghetto“ eines „Zentrum Frieden“ spielte die Generalsekretärin auf den Exodus der u.a. in der Aktionsgemeinschaft Dienst und Frieden kirchlicher (AGDF) und der Ev. Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) organisierten kirchlichen Friedensgruppen an, die, statt wie sonst dabei zu sein, unter diesem Namen eine eigene Parallelveranstaltung mit dem Untertitel "Krieg überwinden – gewaltfrei leben und handeln“ in der Friedenskirche am Stuttgarter Friedensplatz organisiert haben. Eine bunte Mischung von bisher pro Tag etwa 500 Teilnehmenden, von ganz jung bis ganz alt, mit und ohne Kirchentagskarte werten die Veranstaltenden als guten Erfolg.

Dem Statement von Generalsekretärin Ueberschär zufolge ging es im Vorgeld nicht nur um die Anzahl der Veranstaltungen zum Thema Frieden, sondern auch um deren inhaltliche Ausrichtung. Wie die erstmalige Absegnung von Waffenlieferungen in Spannungsgebiete durch die Bundesregierung und den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) steht das neue Kirchentagskonzept zum Thema Frieden für einen Paradigmenwechsel, der vor allem beim Hauptvortrag: „Die Welt ist aus den Fugen“ am morgigen Samstag sichbar werden wird.

"Die Welt ist aus den Fugen" war ursprünglich nur ein Arbeitstitel. Unter der nicht veränderten Überschrift werden morgen von 11 bis 13 Uhr Bischof Nick Baines aus Leeds, Dr. Kofi Anan und Dr. Frank-Walter Steinmeier über Aspekte zu den gegenwärtigen Krisen und Konflikten diskutieren, allerdings nicht mehr zu der Frage, wie man Frieden schafft, sondern nur noch, wer „Verantwortung übernimmt“. Durch die viel offenere Fragestellung und nichtzuletzt durch eine hohe Zahl kooptierter Politiker im Kirchentagspräsidium - von Steinmeier bis De Maizière - bleibt die Diskussion auf dem Kirchentag immer mit der Politik kompatibel. Aber löst sie deren Dilemmata?

Zweifel daran haben neben den christlichen Friedensgruppen auch internationale Menschenrechtsorganisationen geäußert. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) sieht im Kirchentagsprogramm selbst den Beweis, dass das politikkompatible Abbilden der zweifellos komplexer gewordenen Realität zu einer großen Nebelkerze wird, durch die man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.

„Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland hat am 12. November 2014 im Interview mit dem Deutschlandfunk zum Thema Völkermord geäußert: ‚Ich habe mir geschworen nie zu schweigen, wenn ich eine Situation sehe, wo so was wieder zu passieren droht, und ich sehe im Nordirak diese Situation.‘ Ein halbes Jahr später ist im gesamten Programm des Deutschen Evangelischen Kirchentages dennoch keine einzige Veranstaltung zum Völkermord an Yeziden und orientalischen Christen, der bis heute weitergeht, zu finden“ schrieb Tilman Zülch, Präsident der GfbV international, am 29. Mai an Kirchentagspräsident Prof. Dr. Andreas Barner.

Wie die Menschenrechtler sehr wohl wissen, ist der Ratsvorsitzende kein Kirchentagspräsidiumsmitglied, aber doch ein Mann, der mit seinen Worten eine christliche Messlatte aufgezeigt hat, unter der das von Regierungspolitikern durchsetzte Laienpräsidium hier unter durch gelaufen ist. Wie aus Insider-Kreisen zu erfahren war, soll es darüber bei der Vorbereitung des Kirchentages heftige Diskussionen gegeben haben, eine Mehrheit sei aber schließlich dagegen gewesen, die Vertreibung und Ermordung von Christen und Yeziden zu einem zentralen Thema des Kirchentages zu machen.

Tilman Zülch erhebt solche Klagen nicht zum ersten Mal. Seit der Veteran 1968 aus Anlass des Völkermordes während des Biafra-Krieges Deutschlands zweitgrößte Menschenrechtsorganisation gründete, hat sie auf 5 Kirchentagen mit „qualifizierten Störungen“ das Schweigen zu aktuellen Genoziden zu übertönen versucht. In Stuttgart zelteten gestern Aktivistinnen und Aktivisten vor Halle 7 in einem illegalen symbolischen Flüchtlingscamp mit Yeziden und orientalischen Christen.

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Das illegale Flüchtlingskamp auf dem Kirchentag. Die Leitung ließ Yeziden und orientalischen Mitchristen gewähren, mit denen zusammen die GfbV die Großveranstaltung zu stören versuchte.

Was allerdings kaum auffiel, weil der Kirchentag auf den Canstätter Wasen diesmal selbst in Zelten haust. Gemeinsam mit der Internationalen Gesellschaft für Menschrechte (IGFM) will die GfbV deshalb morgen Vormittag ihre Forderungen beim „Thementag arabischer Raum“ als Resolution einbringen, wobei die beiden Gesellschaften von Aktivisten der ebenfalls auf dem Kirchentag vertretenen Menschenrechtsorganisation amnesty international unterstützt werden.

Neben den Friedensgruppen und ihrem immer noch klaren Nein ohne jedes Ja zu allen Waffen und dem von Zülch angemahnten Genozid-Thema fehlen in Stuttgart auch gerade jene Gruppen, mit denen man dort am meisten gerechnet hätte.

Die "Theologen gegen Stuttgart 21" durften ebenfalls nicht mitmachen. Statt dessen laden sie – unterstützt von Attac – seit Donnerstag unter dem Motto "Kann denn Bahnhof Sünde sein?" zu Ausstellungen und Veranstaltungen in, darunter am Samstag eine Großkundgebung mit Franz Alt, zu der etwa 20.000 Teilnehmende erwartet werden.

Am pietistischen Ende des Spektrums luden die Lebendige Gemeinde - ChristusBewegung in Württemberg Christinnen und Christen am gestrigen Donnerstag zum Christustag ein, wodurch sich diesmal eine beabsichtigte räumlich-zeitliche und thematische Verzahnung der beiden sonst eher konkurrierenden Veranstaltungen Kirchentag und Christustag ergab. Von den ca. 10.000 Teilnehmenden waren nach Schätzung der Veranstaltenden gut die Hälfte auch Kirchentagsbesucherinnen oder –besucher.

Rechnet man die geschätzten Besucherinnen allein dieser drei Parallelveranstaltungen – Christustag, Zentrum Frieden, Kann den Bahnhof Sünde sein? - zusammen, und schätzt ein, welcher Anteil der dort Teilnehmenden sich die 98 Euro für eine reguläre Dauerkarte erspart, dann ergäbe das vielleicht auch eine Erklärung, wo zumindest ein nicht ganz unerheblicher Teil der rund 20.000 Dauerbesuchenden geblieben ist, die vor 2 Jahren in Hamburg noch dabei waren.

Quantität sollte nie auf Kosten der Qualität gehen. Aber hätte die gelitten, wenn diese ganzen durchaus relevanten Akteure sich nicht neben dem Kirchentag, sondern auf ihm hätten einbringen können?

23:05 05.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ChristianBerlin

Theologe (Pastor) und Journalist, Berlin. Mitglied im Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) und im Pfarrverein-EKBO. Singt im Straßenchor.
ChristianBerlin

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