Charles, das Internet und die Baby-Blocker

Medientagebuch Alle Welt berichtete vergangene Woche über das royale Baby George Alexander Louis. Nur im offiziellen Youtube-Kanal des britischen Königshauses ist ein anderer der Star
Ausgabe 31/2013

An George Alexander Louis aka The Royal Baby aka seine Königliche Hoheit Prinz George von Cambridge vorbeizukommen, war in der vergangenen Woche nicht einfach. Ein Exempel statuierte unsere britische Partnerzeitung The Guardian, die auf ihrer Webseite einen Baby-Blocker installierte, der auf Wunsch („Not a royalist?“) sämtliche Baby-Updates unterdrückte. Ob Angela Merkel in ihrem Browser wohl einen Steinbrück-Blocker („Not a socialist?“), einen Drohnen-Blocker („Not your Euro Hawk?“) und einen NSA-Blocker („Not responsible?“) installiert hat, wird an anderer Stelle zu klären sein. Vor George Alexander Louis jedenfalls war man vergangene Woche ohne Baby-Blocker nur an zwei Orten im Internet sicher: auf der Webseite der Altsozialisten von Konkret und beim Royal Channel – dem offiziellen Youtube-Kanal des britischen Königshauses.

Was es dort zu sehen gab? Während die Kameras der anderen so lange auf die Tür zum Privattrakt der Geburtsklinik St. Mary stierten, bis die wartenden Moderatoren aus Langeweile darauf verfielen, sich gegenseitig zu interviewen, ging beim Royal Channel die Post ab: Charles und Camilla machten Ferien in Wales, und anstatt dort Schafe zu zählen oder Rebhühner zu schießen, wie es sich für Ferien in Wales im Allgemeinen und den britischen Thronfolger im Besonderen gehört, besuchten die beiden das Filmset der Science-Fiction-Serie Doctor Who. Im zugehörigen Video imitiert Prinz Charles mittels eines Spezialmikros einen sogenannten Dalek – ein kriegerisches Robotermonster aus dem All, das wie ein metallener Salzstreuer mit Schlagseite aussieht. Das, liebe Baby-Chaser, war königliches Entertainment!

645 Videos stehen im Youtube-Kanal der British Monarchy, und ein Blick auf die Startseite reicht aus, um zu sehen, dass Charles hier wenigstens einmal in seinem Leben unangefochten die Nummer eins ist. Als Moderator – und alles deutet darauf hin, dass Charles ein Moderator im Wickert’schen Sinne ist und kein Sprecher, der nur seinen Text abliest – beherrscht er so ziemlich jedes Register. Das Video, in dem er sich daran erinnert, welchen Eindruck die Gemälde in Windsor Castle auf ihn als Kind machten, vermittelt eine echte Liebe zur bildenden Kunst. Then again, wie der Brite sagt: Kunst hin, Daleks her, das eigentliche Faszinosum ist Charles Stimme. Eine Kommentatorin unter dem Video vergleicht sie mit schmelzender Schokolade. Dem ist nichts hinzuzufügen. Fraglich hingegen ist, warum Charles keine eigene Sendung bei der BBC hat. Oder mit Erfolg Einschlaf-Apps bespricht wie hierzulande Max Moor (The man formerly known as Dieter). Die Antwort weiß vermutlich allein die Queen.

Auf die andere drängende Frage – weshalb der Royal Channel denn nun babyfreie Zone ist – antwortet das Pressebüro des Buckingham Palace indes nur, es gebe keinen Grund. Vermutlich ist auch den Royals, wenngleich aus anderen Gründen als Konkret, daran gelegen, sich vom Mainstream abzuheben. Gelungen wäre es ihnen: Als sich die Tür des Lindo-Wings am 23. Juli öffnete und William, Kate und seine damals noch namenlose Königliche Hoheit der Prinz von Cambridge vor die Presse traten, stellte auch der Royal Channel ein neues Video ein: Die Gewinner des prinzlichen Garten-Wettbewerbs „Mygrove“ von der St. Alphege Grundschule aus Solihull besuchen Prinz Charles’ Garten „Highgrove“. Honi soit qui mal y pense.

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Geschrieben von

Christine Käppeler

Ressortleiterin „Kultur“

Christine Käppeler studierte Germanistik, Amerikanistik und Theaterwissenschaften in Mainz und arbeitete nebenbei als Autorin für Spex. Das Magazin für Popkultur. Im Anschluss führte sie das Journalismusstudium an der Hamburg Media School zum Freitag, wo sie ab 2010 als Onlineredakteurin arbeitete. 2012 wechselte sie ins Kulturressort, das sie seit 2018 leitet. Sie beschäftigt sich insbesondere mit Kunst und den damit verbundenen ästhetischen und politischen Debatten.

Christine Käppeler

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