G20 und der Kaulstream

Medientagebuch Endlich hat einer vorgemacht, was mit Periscope gehen kann. Kundig, niemals polemisch und mit leisem Witz
G20 und der Kaulstream
Dienstagabend auf dem Neuen Pferdemarkt in Hamburg
Foto: Morris Mac Matzen/ Getty Images

Was bleibt von den Hamburger Riots, wenn die letzte Scherbe aus dem Kopfsteinpflaster am Schulterblatt gepult ist? Ein Loser und ein Held, die nichts eint, außer dass beide mit einem Smartphone zugange waren. Was 2017 in etwa so spezifisch ist, als würde man sagen: Beide trugen Socken. Der eine stellte sich Freitagnacht vor die brennenden Barrikaden und schoss ein vermutlich sehr schönes Foto von sich. Jedenfalls sieht er auf den Bildern, die andere von seinem Selfie machten, ausgesprochen zufrieden aus. Der Zustand hat vermutlich nicht lange gehalten. Mit dem Hashtag #Arschgeigen garniert, reist keiner gerne durchs Netz. Wobei die Empörung vielleicht auch etwas anachronistisch ist in Zeiten, in denen Trauergäste mit Politikern Selfies schießen, kaum dass der Sarg aus dem Saal ist (so geschehen am Wochenende davor beim Staatsakt für Helmut Kohl).

Wichtiger ist der Held des G20-Wochenendes, der taz-Reporter Martin Kaul, dessen Periscope-Livevideos sogar meine Mutter kennt, seit er im ARD-Brennpunkt vorgestellt wurde. Ich war mit Martin Kaul Dienstagabend beim Massencornern am Grünen Jäger und hörte, wie aus dem Wasserwerfer vermeldet wurde: „Dies war die erste Durchsage, 23 Uhr vier. Wir fangen jetzt an mit der Räumung.“ Und Kaul fragte uns, seine 887 Zuschauer an den Smartphones und Tablets, ob er in die Menge reingehen solle und sagte: „Mich würde interessieren, wie ihr das seht.“ Er erklärte, dass die Wasserwerfer in die Höhe spritzten, um die Leute nass zu machen. Und dass diese softe Taktik vor allem die Polizisten direkt vor dem Wasserwerfer einweicht: „Es gibt auch andere Einsätze, da schießt man direkt auf den Körper.“ Kaul hielt nie einfach nur drauf, er erklärte kundig, niemals polemisch aber mit leisem Witz die jeweilige Lage. Immer mit der Ansage: „Wenn es Leute gibt, die irgendwelche Wünsche haben, ich bin der basisdemokratischste Reporter aller Zeiten.“

Nur mit Satellitentelefon

Donnerstagabend saß Martin Kaul nach der „Welcome to Hell“-Demo in der Kneipe Zum Anker und zog Bilanz, während Atemlos durch die Nacht von Helene Fischer aus der Jukebox dröhnte. Weil live eben live ist. Oder wie der Reporter erklärte: „Im Anker kann man nicht einfach die Musik ausmachen.“ Erst setzten sich 25, dann 100 und schließlich 1.231 Leute zu ihm an den Kneipentisch. Vielleicht wird an den Journalistenschulen bald schon ein neues Genre gelehrt: Der Kaulstream. Weil endlich einer vorgemacht hat, was mit Periscope geht.

Als die App im Frühjahr 2015 gelauncht wurde, hoffte ich auf Livestreams von politischen Protesten in Athen und Istanbul. Doch wenn ich auf der Weltkarte der App an diese Orte zoomte, gab es nur ein paar verwackelte Bilder und viel fremdsprachiges Gelaber in privat wirkenden Innenräumen. Dann sah ich ein paar Sonntage lang Kai Diekmann dabei zu, wie er in Potsdam die Hühner fütterte oder mit seinen Ziegen spazieren ging. Bevor ich so sediert war, dass ich für Mäh und Bäh lilafarbene Herzchen ins Bild ballerte, verschob ich die App auf meinen dritten Screen.

Dass sich Periscope für die Berichterstattung von der Straße bisher nicht durchgesetzt hat, lag sicher auch an Schwächen bei der mobilen Datenübertragung. Ein zügiger Ausbau der mobilen Netze könnte dem Streaming mit Periscope deshalb einen echten Schub verschaffen. Kauls vorläufiges Fazit: „Beim nächsten Mal auf Randale-Demo nur mit Satellitentelefon.“

11:46 11.07.2017

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