Depressionen

Robert Enkes Suizid Depressive und andere psychisch Kranke passen weiterhin nicht in die Effizienzgesellschaft. Selbst Menschen mit sehr guten sozialen und ökonomischen Ressourcen scheitern.
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Depressionen – Für den Menschen Robert Enke und seine Brüder

Der Tod des Nationaltorhüters Robert Enke verweist, neben den Belastungen, die aus der Prominenz und daher zwangsläufigen, medialen Präsenz erwachsen, -also aus dem, was eine zusätzliche Erschwernis für jede öffentliche Person unter Beobachtungs- und Erfolgsdruck bedeutet-, auf eine Form der Schweigsamkeit und Verschwiegenheit der von seelischen Krankheiten oder schweren psychischen Belastungen Betroffenen hin, die fatale Folgen hat.

Tatsächlich ist es so, dass eine geregelte Arbeit, eine Karriere, ein substanzieller Beitrag in der Gesellschaft, von seelisch Kranken, aber auch von körperlich Behinderten, in unserem Gemeinwesen nicht nur nicht mehr erwartet wird, sondern durch die sozialen Umstände und aus ökonomischen Effizienzüberlegungen, gar nicht erwünscht ist. - Wer sich diesbezüglich outet, der gefährdete seine Position und seine berufliche Einbindung.

Welch´ erbarmungslos kleiner und geizig bescheidener Fortschritt ist da bisher eingetreten, seit jener berühmten Psychiatrie-Enquete von 1975!

Allerdings, die Haupteingänge der Kliniken, die vielen Verwaltungs- und Geschäftsführertrakte, die Vor- und Geschäftszimmer der ärztlichen Ordinarien, sehen heute genau so aus, wie die Eingangsportale und Repräsentanzen erfolgreicher mittelständischen Firmen in den bundesweiten Gewerbegebieten, so wie Behördeneingänge und Ministerialvorräume. Die Mitarbeiter sind sämtlich Dienstleister und treten genau so auch auf. Das hat man tatsächlich geschafft.

Der depressive Mensch

Depressive Menschen neigen dazu, die unausgesprochene Zurücksetzung gedanklich und emotional vorweg zu nehmen. Sie ziehen sich zurück, tarnen ihre Verfasstheit hinter Schroffheiten im Umgang oder mit dem genauen Gegenteil. Dann verbergen sie sich hinter Überangepasstheiten und dem Willen zur „Über-Leistung“. - Sie trauen sich nicht, trauen sich selbst nicht über den Weg, können sich selbst nicht vertrauen.

Noch viel weniger vertrauen sie dem Rat anderer Menschen, sofern sie überhaupt noch Ratende in ihrem Umfeld finden.

Selbst persönliche Erfolge und erstaunliche Kreativität können sie für sich nicht akzeptieren und nutzen. Ständig sehen sie sich der eigenen Anforderung ausgesetzt, unbedingt den vorgestellten sozialen und gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen, diese über das Maß erfüllen zu müssen. - Das ist ein Teufelskreis, aber einer, bezogen auf einen ganz realen, sozialen und sozialpsychologischen Hintergrund.

Etwa ein Prozent der Gesellschaft leidet an schweren Depressionen, ein weiteres Prozent an Manien oder manisch-depressiven Erkrankungen und ein weiteres, knappes Prozent an einer Schizophrenie. Circa 5-7% der Bevölkerung leidet an einer schweren Persönlichkeitsstörung. Ca. 5% Prozent kämpfen mit einer Suchterkrankung oder sind ihr bereits völlig ausgeliefert. - Das sind Fakten, mit denen die Bewegung „Neue soziale Marktwirtschaft“, mit denen Konservative- und Neokonservative, aber auch marktradikale Liberale wenig anfangen können. Es sei denn, es lässt sich damit im Heim- und Krankenhauswesen, in den Apotheken, also mit der ganzen Glückspillenindustrie, Gewinn erwirtschaften, bei Versicherungen und bei den ganzen juristischen Präliminarien Geld verdienen und gesellschaftlicher Einfluß verteilen. - Mittlerweile können wir getrost davon ausgehen, dass viele psychotrop wirkenden Medikamente nicht von Fachleuten an Erkrankte gelangen, sondern prophylaktisch und zum Zwecke der Erhaltung guter Stimmung und hoher Leistung, von ganz gesunden Menschen beschafft und konsumiert werden.

Einige Hintergründe

Bei all´ dem medialen Gerede über Höchstleister, Leistungseliten, Dauerleister, überhaupt „Leister“ jeglicher Art, bei allem, mittlerweile auch von Intellektuellen aus tiefen Talksesseln und Politikern auf einfachem Stimmenfang abgesonderten Sprachblasen („Leistung muss sich wieder lohnen“, „Wer will, der kann“, „Elitenförderung“, „Wettbewerb im globalen Maßstab“, „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“, „Familien-TÜV“, „Fordern und Fördern), bleiben solche Überlegungen selbstverständlich völlig ausgeklammert.

Abgesehen davon, dass TV- und Interview-Sprüche eher auf eine Persönlichkeitsstörung bei den entsprechenden „Blasen“-Bildnern und Thymotikern hindeuten, offenbaren sie doch auch, und die ersten Berichte aus Robert Enkes Umfeld erweisen es, wovor psychisch Kranke bei uns mittlerweile mehr Angst haben, als vor ihrer Krankheit.

Robert Enkes frei gewählter Tod wirft ein helles Licht auf diese Schattenwelt, die gutbürgerlich versteckt und geleugnet werden muss. Gerade weil der Torwart jemand war, der in der beruflichen Leistung und im persönlichen Verhalten heraus ragte, gerade weil er ein anerkanntes Vorbild war.

Alles an seinem sozialen Engagement, alles an seiner Neugierde, alles an seiner Bescheidenheit, kam aus ihm selbst. Enke betrieb keine systematische Image-Pflege in eigener Sache, er wollte nicht der Diener eines öffentlichen Bildes seiner Person sein, er wollte sich nicht verkaufen. Vielleicht, weil er wusste wie es um ihn stand, und er deshalb offener und ehrlicher, daher viel nüchterner, mit seiner Rolle als professioneller Fußballer umging, als so manche, die zwar dicke Limousinen bewegen, sich Gel ins Haar schmieren und schon für eine Autogrammstunde die Dankbarkeit des Publikums und der Medien selbstverständlich erwarten, oder sich mit Geld soziale Anerkennung erkaufen, oder aber, wie jene die sich in einer modephilosphischen Weiterung des „freiwilligen Gebens“ einüben oder sich übermäßig zur Produktivität und Effizienz von Menschen und Menschengruppen Gedanken machen.

Robert Enke wollte nicht mit seinen besonderen Fähigkeiten ins Abseits gestellt werden. Vor allem aber, wollte er privat nicht die Kontrolle über seine Selbstbestimmung verlieren.

Wer psychisch krank ist, der geht mit der Veröffentlichung und dem Bekenntnis in unserer Gesellschaft ein hohes Risiko ein. Im droht schnell und konsequent eine Beeinträchtigung seiner Rechte, eine Zurücksetzung, trotz großer Fähigkeiten. Dem oft geäußerten Mitleid und Mitfühlen am Anfang, folgt allzu leicht der Untergrund, „nur keine Störung im Betriebsablauf“.

Allein die höchst komplexe Verwaltungs- und Rechtspraxis bezüglich einer zunächst so nebensächlich erscheinenden Sache, wie die der „Fahrtüchtigkeit“ , die Folgen einer psychischen Erkrankung im Sorgerecht und in der Vertretung der eigenen rechtlichen und ökonomischen Interessen, sind weitläufig und schwerwiegend! Die entängstigenden Antworten aus der Arbeitswelt, der Politik, der Medizin und der Rechtspflege, bleiben, entgegen aller Rhetorik, marginal.

Bei Depressionen oder Schizophrenien droht ein Fahrverbot und Ärzte müssen ihre Patienten darauf hinweisen. Selbst die Medikamente zur Behandlung können ein Fahrverbot nach sich ziehen. Sie haben, wenn die Umwelt still hält, im Falle eines Unfalles, gravierende versicherungsrechtliche Konsequenzen. Das Alles ist geregelt und geordnet nach TÜV-Gutachten! Oftmals ist das Fahrverbot fast schon so etwas wie ein Berufsverbot.

Wer in jahrelanger Krankheit noch zusätzlich das Schicksal hat, anders als der Torwart Enke, sein Privatleben zu ruinieren, dem droht, neben Trennung und Scheidung sehr häufig auch eine Einschränkung des Sorge- und Umgangsrechtes mit den eigenen Kindern.

Für eine Adoption, hier trifft das Beispiel Enkes, bauen sich unüberwindliche erscheinende Hürden auf, selbst wenn alle Voraussetzungen gut sind, droht die Rücknahme des mühsam Erreichten - Ich bin mir sicher, es konnte kaum einen liebevolleren, zugewandteren Erzieher und Vater gegeben haben, als diesen depressiven Fußballer.

Wer gegenüber seinem Arbeitgeber schwere Krankheiten oder psychische Probleme einräumt, der muss mit hoher Wahrscheinlichkeit damit rechnen, als Hindernis eingeschätzt und genau so behandelt zu werden. Mit Glück bleibt wenigstens die Arbeit in anderer Funktion und neuer Aufgabenverteilung erhalten, mit Glück gibt es noch eine Restkarriere. Aber das Damoklesschwert von verantwortlichen Aufgaben, von intellektuell befriedigenden Tätigkeiten, von Aufgaben entsprechend der eigenen Fähigkeiten und entsprechend der Ausbildung, mit der salvatorischen Formulierung „in Ihrem Interesse und in dem des Betriebes“ entbunden zu werden, das schwebt beständig. - Viele Betroffene machen es den Institutionen, den Betrieben und Firmen leicht. Sie gehen von selbst, ziehen sich zurück, treten zurück. Still, stumm, leise.

Bei Prominenten heisst es hinterher öffentlich, „Wir haben das nicht gewusst.“, oder „Wir wussten es, aber wir nahmen Rücksicht.“ In den meisten, ganz normalen Fällen wird aber Erstaunen und Ratlosigkeit geheuchelt. - Geheuchelt deswegen, weil die Effizienz- und 24-Stunden Verfügbarkeits-Rituale der Wichtigkeit, von denen diese Gesellschaft mittlerweile regelrecht durchdrungen ist, die ihr als gleichsam naturgesetzliche Grundlage einer global herrschenden Wirtschaftsordnung erscheinen, oftmals den notwendigen Seiten- und Rundumblick unmöglich machen.

Kein Platz ist, für ernsthafte Überlegungen zur Mitkonkurrenz, zu den Mitarbeitern und Kollegen, zu den Vereinsmitgliedern und Kirchengliedern, zu den Nachbarn, zu den eigenen Angehörigen, zu den Fremden. Abwehr- und Selbstabwehr herrscht, wer will noch Hüter sein?

Christoph Leusch

21:52 11.11.2009
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Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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ungar75 | Community
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gerhardhm | Community
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