Herta Müllers Rede und „Ceauşescu n-a murit “

Literaturnobelpreis Herta Müller aus Siebenbürgen schreibt schon lange preiswürdig. Neben ihrer Kunstfertigkeit, besticht ihr widerständiges Bewusstsein. Derweil stirbt Ceauşescus Erbe zäh.
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Herta Müllers Nobelpreisrede und „Ceauşescu n-a murit “ von Ada Milea

Herta Müller hat eine fulminant literarische und trotzdem ergreifende Nobelpreisrede gehalten. Keiner soll sagen, das wäre einfach. Nein, das sind nämlich zwei Seinsweisen, die nicht eigentlich zusammen passen. Frau Müller kann das und bestätigt damit, was Kunst vermag die sich konzentriert und dabei fein beobachtend vorgeht.

Wie fast immer bei dieser Autorin, sind die Familie, das Heimatdorf, Ceauşescus Rumänien, Oskar Pastior , der Kreis enger literarischer und gegen das Regime anschreibender, manchmal verzweifelnder Dissidenten und Freunde, die thematischen Bezugspunkte für ihr Sprechen und Schreiben.

„Ceauşescu n-a murit “ singt derweil die eine Generation jüngere, rumänische Liedermacherin Ada Milea auf ihrem Album „Absurdistan“, mit großer Entschiedenheit, und Hertha Müller bestätigt immer wieder, wie die dauerhafte, kulturelle und moralische Brandspur und die stupid- dumpfen, weil täglich wirkende Gewaltsamkeitsrituale der Diktatur, die Täter täglich schlechter und noch abgestumpfter werden lies und die Opfer ebenfalls verbog und verzog.

Viele Täter sind heute in Rumänien Geschäftsleute, weiterhin beim Staat in Funktionen, in der Polizei und bei den sonstigen „Diensten“. Sie haben ihren „Übergang“ längst und gut organisiert, ganz ohne Reue und ohne allzu viel Rückschau. In Rumänien sind viele politisch und ideologisch motivierte Mörder und Spießgesellen sprichwörtlich immer noch "unter uns".

Manchmal stöbert sie wer von der Presse auf, dann bleiben Türen mürrisch verschlossen, dann wird das Telefongespräch nicht angenommen. Manchmal fallen Täter und Opfer in einer Person zusammen. Die meisten Schweiger und Lächler können jedoch breitbeing durch die Straßen gehen. Bilder und Begebenheiten, die auch in Deutschland mit der zweifachen Jahrhundertwende, dem "Jahrtausendschritt", zwar in anderer Sprache, aber mit gleichem Tonfall und mit gleicher wissender Abwehr, geschehen. - „ Ceauşescu n-a murit“.

Viel ist über Herta Müllers zerbrechliche Gestalt, die strenge Frisur und ihre Schüchternheit geredet und geschrieben worden. Ich finde, sie hat jegliches Recht, ihren Schutzmantel zu tragen, für sich Frau Müller zu sein und es zu bleiben. Gerade diese Frau, die schon lange die poetischste Prosa in deutscher Sprache schreibt, an schweren und engen Themen entlang, den Wunden der eigenen Biografie und Familiengeschichte abgerungen, knapp, sehr unbestechlich und manchmal, mit einer lakonischen, witzigen Distanz, hinter der aufscheint, wofür die Madonna auf der Mondsichel, die „Schutzmantelmadonna“ der Sprache, die einfache und die Metaphernsprache, gebraucht wird, darf das! - So kann man das grausam Unsagbare aussprechen, die Ausdauer haben und nicht am Strick enden.

Wer mit Herta Müller bekannt werden will, der lese die „Atemschaukel“. Ein außergewöhnliches Buch, gerade nicht wegen des Hauptthemas Diktatur, Lager, Überleben, um dessen formale Gestaltung, -darf man, darf man nicht, darf man so, darf man so nicht, dazu schreiben-, der Streit der Feuilletonisten kreist.

Mir ist das gelinde gesagt völlig egal. Gerade zu diesem Thema darf Herta Müller schreiben und reden, wie es ihrer Seele gut tut. - Mich fasziniert ihre Sprachkraft und Wortfindungsgabe, die Kleinteiligkeit der Beschreibungen, die Konzentration, die Wiederholungen, die zur Bedeutung werden. - Wer das liest, der kommt mit der Zeit in einen gewissen hellen Schwebezustand, in dem Wahrheiten aufblitzen, auch über die eigene Person, die man selbst nicht ausdrücken, aber empfinden kann. Das ist die Klarsichtigkeit, wie sie manches Mal für den Blick eintritt, geht der Wind von West und man schaut in ein weites, freies Tal. Das schmerzt ein wenig, ist aber auch sehr schön.

Zu den Anfängen Herta Müllers empfehle ich den Erzählungsband „Niederungen“. Ein Porträt ihres Heimatortes Nietzkydorf, in dem heute kaum noch Banater-Schwaben leben, gegen dessen Enge, gegen die Enge in der Familie dort, sie früh schon anschrieb, ohne je diese Herkunft zu verraten oder sie nieder zu machen. Eine Dulderin auf literarischer und geistiger Odysee, eine kluge Reisende durch Zeiten und Regime, die niemals aufgibt und dafür nicht mehr braucht als die Literatur, gute Freunde, ... und ein Taschentuch, das ist die aktuelle Nobelpreisträgerin.

Die „Niederungen“ ahnt man schon entlang der Titel der Kurzgeschichten: "Die Grabrede", "Das Schwäbische Bad", "Meine Familie", "Faule Birnen", "Dorfchronik", "Der deutsche Scheitel und der deutsche Schnurrbart", "Der Überlandbus"," Mutter", "Vater und der Kleine", "Arbeitstag". - Da kann das Gewöhnliche nicht gewöhnlich sein, denn es kommt schlicht lakonisch und dann doch ganz raffiniert in Sprachbildern daher, die aufdecken was dahinter verborgen liegt.

Wer schreibt schon als Eröffnung einer Kurzgeschichte, „Meine Mutter ist ein vermummtes Weib“? Dazu gehört der Mut und die Erkenntnis, dass Vermummungen innerlich sind. „Der Postmann bringt mir zu Neujahr immer hundert Lei in einem Umschlag und sagt, das ist vom Weihnachtsmann. Meine Mutter sagt aber, daß ich nicht von einem anderen Mann bin.

Die Leute sagen, daß meine Großmutter meinen Großvater wegen seinem Feld geheiratet hat und daß sie einen anderen Mann geliebt hat und daß sie besser den anderen Mann geheiratet hätte, weil sie mit meinem Großvater so nahe verwandt ist, das es die reinste Inzucht ist („Meine Familie“, aus Hertha Müller, Niederungen, Rotbuch, Berlin 1984, hier Rowohlt-TB, Reinbek, 2002, S.15)."

Das banatschwäbische Bad produziert „Hautnudeln“, die das Wasser am Familienbadetag schwarz färben. Nach einer ritualisierten Hierarchie und Choreografie steigen die „Nietzkydörfer“ ins Wasser. Am Ende: „Die schwäbische Familie sitzt frisch gebadet vor dem Bildschirm. Die schwäbische Familie wartet frisch gebadet auf den Samstagabendfilm („Das schwäbische Bad“, aus: Niederungen, s.o.,S.14).“

Wir warten, frischgebadet, jährlich auf die Friedenspreisrede. Jetzt konnte eine Familie in Nietzkydorf oder woanders, frisch gebadet, Obamas und dann Hertha Müllers Nobelpreisrede verfolgen, an einem Werktag!

Im „(Der) Überlandbus“ nimmt halb Rumänien Platz. Man ahnt an den Bildern des Verfalls, was die Diktatur, dieser graue Schlackestaub aus Ideologie, Macht und Kleinbürgerlichkeit, mit den Rumänen machte. „Gestern in der Nachtschicht wurden einem Jungen beide Hände abgeschnitten von der Fünf-Tonnen-Presse. (…) Im Umkleideraum haben sie den Schlosser ertappt, wie er dem Jungen den Schnaps einschüttete. Sie sind über den Schlosser hergefallen, er liegt im Spital.

Das dicke sprachlose Kind lehnte den Kopf an die Scheibe und lallte vor sich hin. Es biß sich, als der Bus über ein Schlagloch fuhr, auf die Zunge. Es lallte und weinte.

Der Mais liegt auf dem Feld und fault. Die großen Schweine haben den Ferkeln die Schwänze abgefressen. Es soll eine Krankheit oder Inzucht sein.

Im Frühjahr ist sehr viel Schnee geschmolzen, mehr als es geschneit hatte. Da sind alle Schafe krepiert, außer ein paar, die wurden vorher geschlachtet. Sie hatten Geschwülste am Hirn. Der Schafhirt ist an Überdruß gestorben („Der Überlandbus“, aus: „Niederungen“, s.o.,S.133,134).“ So geht das weiter und weiter, auf holpriger Strecke, und die Sprache folgt dem aufs Wort.

Die Haupterzählung „Niederungen“ beginnt so schön poetisch, wie ich es sonst nur noch bei Ivan Bunin im „Leben Arsenjews“ las:

„Die lila Blüten neben den Zäunen, das Ringelgras mit seiner grünen Frucht zwischen den Milchzähnen der Kinder.

Der Großvater, der sagte, vom Ringelgras wird man dumm, das darf man nicht essen. Und du willst doch nicht dumm werden.

Der Käfer, der mir ins Ohr kroch. Großvater schüttete mir Spiritus ins Ohr, damit der Käfer nicht in den Kopf kriecht. Ich weinte. In meinem Kopf summte es und wurde es heiß. Der ganze Hof drehte sich, und Großvater stand rießengroß mittendrin und drehte sich mit.

Das muß man tun, sagte Großvater, sonst wird dir der Käfer in den Kopf kriechen, und dann wirst du dumm („Niederungen“, aus: s.o., S.17)“

Wir können von Glück reden, dass Herta Müller, ein störrisches Kind mit ganz wachen Sinnen und einem Talent zu schreiben, die Käfer und „Grillen“ nicht aus ihrem Kopf verbannte. - Der Käfer im Kopf, mein Gott, Mensch, wohin führen nur solche Assoziationen? Das ist aber ein anderes Thema, gehört an einen anderen Platz, sich über die „Grilloi“ und andere kunstvolle Gemmen auszulassen.

Wo geht es weiter?:

Die Nobelpreisrede Herta Müllers:

nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/2009/muller-lecture_ty.html

Ada Milea, „Ceauşescu n-a murit“, Lied, von der CD „Absurdistan“ (Intercont,2003):

Hier ein mp3-Mitschnitt:

www.trilulilu.ro/de_ce/052262b2434c7d

hier ein Youtube:

www.youtube.com/watch?v=Rg2nUjKug30

Die Hinweise zu Ada Milea verdanke ich der klugen und sehr freundlichen Grit Friedrich, die sich in besonderer Weise bei Deutschlandfunk und Deutschlandradio für die schwindende Kultur um Hermannstadt/Sibiu verdient machte. Es ist schon Zeiten her. Diese Singer-Songwriterin hat es sehr verdient besser bekannt zu sein. Sie hat Witz und schreibt selbst, kann singen und beherrscht ihr Instrument. Es scheitert wohl an der Sprachbarriere.

Hier der rumänische Text:

www.allthelyrics.com/lyrics/ada_milea/ceausescu_na_murit-lyrics-1050922.html

Gerne fände ich jemanden, der den Song vollständig ins Deutsche übertragen könnte. Dann, bitte sehr, sofort hier eintragen!

Liebe Grüße

Christoph Leusch

15:55 12.12.2009
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Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig.Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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