Hildegard von Bingen-CEO auf wissendem Weg I

Hildegard von Bingen Keine Nonne des Hochmittelalters ist bekannter, als die Visionärin Hildegard. Ein Zeitfenster der Geschichte, ermöglichte einige Jahrzehnte Frauen-Power in Männerwelten
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Hildegard von Bingen-CEO auf wissendem Weg I
Hildegard von Bingen (1098 - 1179) in einem Holzschnitt von W. Marshall, 1648

Foto: Hulton Archive/AFP/Getty Images

Devendra Banhart, "Für Hildegard von Bingen"( https://www.youtube.com/watch?v=xM_-uFDcutQ ), aus dem Album "Mala", 2013. Clip gestaltet von Isaiah Seret und D. Banhart.

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Der Disibodenberg heute. Hildegards Geist arbeitet im Verborgenen, auf dieser Station.

>>(...)Now she's working
At the station
As a VJ
On rotation<<(...)

Jeden Abend, jede Nacht Visionen, im Zwei- oder gar Dreischichtsystem, am Bahnhof der Abtänzer. Arbeit an Kundschaft und Freunden, Spice und andere Dröhnungen gibt es da, ganz ohne Klosterregeln, aber mit anderen Gesetzen, die nicht weniger einengen, geht die Schau tiefer. Auch Uptown bleibt irgendwann die Luft weg und Schönheit erstickt sich selbst.

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Klosterruine Disibodenberg

Hildegard von Bingen- CEO auf wissenden Wegen I

Wie wird man Äbtissin?

Hier soll es um eine Tapfere gehen, die seit mehr als 800 Jahren eine erstaunliche Zahl an Menschen, aus ganz unterschiedlichen Beweggründen, beschäftigt und zum Nachdenken bringt. In ihrem Geiste geschieht viel und noch vieles mehr nur mit ihrem Namen, bei dem Hildegard von Bingen eher weggeschaut oder Einspruch erhoben hätte.

„Vision“, Hildegard von Bingens filmreifes Leben

In Margarethe von Trottas sehenswertem Film „Vision – aus dem Leben der Hildegard von Bingen“, 2009, spielt Barbara Sukowa die berühmte Äbtissin. Das Chefnonnen- Porträt aus dem Mittelalter zeigt den Aufstieg einer erleuchteten Frau und Adeligen, die in einer Männerwelt was wird. - Diese Möglichkeit bestand vor ca. 850 Jahren, etwa mit jenem niedrigen Prozentanteil, der heute für weibliche CEOs und zum Beispiel Chefredakteurinnen erreicht wird.

Mächtige Klosterfrauen

Es gab weitere weibliche Führungsfiguren aus dem Hochmittelalter. Beispielsweise Hrosvit von Gandersheim, später die Wardistinnen der Mary aus Yorkshire und die heilige Katharina von Siena, die stets mit dem „Herren vom Kreuz“ im Herzen und im Geiste einschlief (Friedrich Prinz, Frauen in Politik und klösterlicher Bildung, in: Prinz, Grundlagen und Anfänge, Deutschland bis 1056, Seite 363ff, München, 2.Aufl.,1993).

Hildgard selbst besuchte, da war sie schon länger Äbtissin, das berühmte Frauenstift Essen-Werden (845-1803), das zur Zeit der Ottonen ein Zentrum kluger und mächtiger Damen geworden war. Liudolfinger Adelige und weltliche Reichsfürstinnen oder deren weibliche Verwandtschaft, fanden dort schon vor der Zeit der Ottonen Aufnahme. Ein solches Vorbild ermutigte die Klostergründerin, auch wegen der anziehenden Legendengeschichte der Gründung dieses Klosters: Das einfache Mädchen Amalburga wird von schwerer Krankheit durch den Glauben geheilt und nimmt daraufhin den Schleier. Gerade die gebildeten und höheren Stände der ottonischen Renaissance, bestanden auf solche Wundergeschichten (http://www.gelsenkirchener-geschichten.de/wiki/Stift_Essen ).

Kränklich war Hildegard, als Kind an der Grenze zur Jugend, im Gefolge der Jutta von Sponheim auf den Disibodenberg, jenen sanften Hügelrücken über dem Zusammenfluß von Glan und Nahe, gekommen. Merkwürdige „Krankheiten“ sollten die Novizin und spätere rechte Hand Juttas, immer dann befallen, wenn weltliche Konflikte, fast wie Krankheitsauslöser wirkend, zu neuen „Visionen“ führten. Der Glaube und die Visionen machen sie allerdings auch mutig und stark genug, eines Tages, nach schon recht langem Klosterleben unter männlicher Observanz, ganz eigene Wege einzuschlagen und damit erfolgreich zu sein.

Eines ist jedoch klar, aus niedriger sozialer Schicht stammte die spätere Magistra gewiss nicht!

Die Nonne Tengswich (Tenxwind) von Andernach, jene ebenso reformorientierte, aber in Askese lebende und auf die Ursprünge des Mönchswesens bezogene „Meisterin“ vom Rhein, kritisierte später den Aufwand und Schmuck der Nonnen um Hildegard auf dem Rupertsberg bei Bingen. Sie mochte nicht einsehen, warum die Äbtissin fast nur adelige und hochadelige Mädchen und Frauen aufnahm. Hildegard antwortete:

„>>Die Untersuchung (über die Standesunterschiede) steht bei Gott. Er hat acht, daß der geringe Stand sich nicht über den höheren erhebe, wie Satan und der erste Mensch getan, da sie höher fliegen wollten, als sie gestellt waren. Welcher Mensch sammelt seine ganze Herde in einen einzigen Stall, Ochsen, Esel, Schafe, Böcke, ohne daß sie auseinanderlaufen? Darum soll man auch hier den Unterschied wahren, damit nicht die, die aus verschiedenen Volksschichten kommen, wenn sie zu einer Herde zusamengeschlossen würden, in stolzer Überheblichkeit, beschämt über die Standesunterschiede, auseinandergersprengt werden...(...) So steht es geschrieben: > Gott verwirft nicht die Machthaber, da er selbst ein Machthaber ist...< << (Zitat aus Charlotte Kerner, „Hildegard von Bingen-Alle Schönheit des Himmels“, Weinheim, Basel, 1993,S.140/141)“

Diese Seite an Hildegards Blick auf die Welt, nämlich ihren festen Glauben, Gott persönlich habe die Ständeordnung genau so gewollt und diese natürliche Hierarchie müsse es nicht nur im realen Leben der Lehnsherrschaften, sondern auch in den Klostergemeinschaften selbst geben, spart Margarethe von Trotta in ihrem Film aus, auch wenn sie selbst in einem Interview zugibt, von diesem Zug der „Heiligen“ eher abgestoßen zu sein. - Charlotte Kerner nennt Hildegards Haltung treffend, einen Glauben an die „Geblüthsheiligkeit des Adels“.

Die wissende „Vision“ aus der Eingebung

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Die Eihäute des Kosmos

In dieser Beziehung war die reale Hildegard von Bingen wohl doch eine ganz andere Frauengestalt, als sie reine Apologeten gerne malen möchten. Ihre Bekanntheit und zugleich ihr persönliches Risiko, stammten aus der, von der höchsten kirchlichen Autorität anerkannten, Fähigkeit zur heilsmäßigen und christlichen Vision. Der Papst Eugen III hatte es ihr auf der europäischen Bischofssynode zu Trier, nach Begutachtung und Anhörung der „ungebildeten“, frommen Jungfrau durch eine Untersuchungskommission, im Jahre 1147 nach Christus bestätigt. Fortan drohte der Nonne nicht mehr der Kirchenbann oder gar Schlimmeres, auch wenn gegen Ende ihres Lebensweges der Mainzer Erzbischof, ihr Schutzherr und dann ihr Gegner in Personalunion, versuchte sie mit dem Interdikt zu treffen, weil sie einen exkommunizierten Adeligen in geweihter Erde bestatten ließ und dessen Exhumierung geschickt zu verhindern wusste.

Die eigentlichen Gründe für das Verhalten des Bischofs lagen aber ganz in weltlichen Gefilden. Mittlerweile waren die Äbtissin und ihre Probst, der theologische Magister und Mönch Volmar vom Disibodenberg, erfolgreiche Geschäftsführer und Verwalter mittelalterlicher Firmen.

Die Klostergüter jener Zeit florierten. Deren Pfründe hätte sich jeder Territorialherrscher nur allzu gerne angeeignet. Selbst der Ruf der Seherin Hildegard erwies sich als ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und zog scharenweise Gläubige an, die der, mit dem Atem Gottes (Pneuma) sprechenden Nonne nahe sein wollten.

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Paradiesische Zustände?

Hildegard schrieb, das ist gänzlich unüblich für das mönchische Mittelalter, weder ausgiebig aus den heiligen Schriften, noch von den verehrten Kirchenvätern ab. Sie kannte zwar die Bibel und die wesentlichen dogmatischen Schriften, auf die sich die Kirche und das Mönchtum iher Zeit beriefen, aber ihr persönlicher Stil brachte sie dazu, die Quellen eher dem Sinn nach in ihre visionären Texte und ihre sachlichen Abhandlungen zur Medizin und Naturkunde einzufügen. Sie handelte nicht nach der Art der gebildeten Kanoniker ihrer Zeit, die ellenlang abschrieben, so genannte Kompilationen komplett auswendig lernten und darauf mächtig stolz waren. Die Nonne erkannte die Realität an und flocht geschickt Alltagserfahrungen über Landwirtschaft, Heilwissen und Lebensumstände ein.

Selbst in dieser mühsam schriftgeneigten Zeit entstand kein neues Wissen, wenn immer nur die alten Koryphäen nachgebetet wurden! Die Zeit Hildegards lag noch vor den ersten Studenten- und Professoren- Universitätsgründungen in Italien und Paris, vor dem allgemeinen Anerkenntnis einer diskursiven Hohen Schule der Theologie, wie jener des Albertus Magnus in Köln.

Zum Ausgleich dafür, wurde sie „visionär“, das heißt, unbedingt von göttlichem Geist erleuchtet. Mit diese Gabe und Autorität zur „Weltschau“ trat sie an, gegen den ebenfalls weltlichen, aber gleichzeitig auch geistlich-adeligen Mainzer Bischof und die Benediktiner ihres Herkunftsklosters. Das war schon unerhört Aufsehen erregend zu Lebzeiten der Heiligen, ohne dieses letzte päpstliches Prädikat.

Die Magistra Hildegard wird sich durchsetzen und zwei Klöster unter ihrer Observanz gründen. Sie wird den Großen des Reiches, vom Kaiser Friedrich Barbarossa bis zum Papst, drastische Briefe schreiben um ihnen, ob ihrer Amtsführung, ins Gewissen zu reden. Sie wird gelesen, angehört, um Rat gefragt und verehert. - Jedoch, wirklichen Einfluss auf das politische Geschehen erlangte die weise Frau aus Bingen nie.

Vision von der Selbsttätigkeit als Werkzeug Gottes

Bis dahin, bis zum Ausbruch ihrer Berühmtheit, hatte sie schon mehr als vierzig Jahre gelebt. Mit acht Jahren kam sie auf den Disibodenberg, mit fast 42 Jahren zog sie von dort wieder fort. - Der Wegzug war ebenso von einer Vision vorher bestimmt, wie andere wichtige Entscheidungen der „Meisterin“ von Bingen.

Ganz auffällig stehen die drei visionären Schriften, von denen „Scivias“ nur die erste und bekannteste ist, mit längeren Krankheitsphasen in engem Zusammenhang. Hildegard schreibt selbst, sie sei, nach den Maßstäben der Zeit, schon über den Lebenskreis der normal Sterblichen hinaus. Ihr folgendes, langes Leben ab dem 42. Lebensjahr, als Klostergründerin, Ratgeberin für den Hochadel und den Klerus, ihre Chance, die „Visionen“ als geistliche Autorität von Weltrang zu verkünden, ihre Fähigkeiten die doch recht geringen Naturkenntnisse der mittelalterlichen Welt zusammenzutragen, müssten also, wie die gesamte Natur, Gottes Wille und Wunsch sein. Das glaubte Hildegard fest.

Sie, die „ungebildete“ Nonne, war nun ein Spachrohr, eine „Posaune“, der einzigen, kritiklos anerkannten Macht über Kaiser und Papst, eine Prophetin aus göttlicher Unterweisung. Ihr Auftrag stammte von Gott selbst und aus ihr sprach der Heilige Geist. Sie empfing die Visionen, das betonte sie immer wieder, nicht im Zustand einer Trance, im Schlaf, auch nicht in einer Verzückung oder Verzauberung. Ganz klar und voll bewusst, stehen ihr die Bilder vor Augen. Klar sind auch die Handlungen, die ihr aus der „Schau“ auferlegt sind.

Visionen, aber nichts Weltliches ist ihr fremd

Die spätere Chefnonne kannte aus der Bibel die Geschichte der Gesänge Davids und als Inkluse in einem Bendiktinerkloster die Gesänge der Lithurgie. Hier schließt sich der Kreis und Hildegard wird uns plötzlich so modern, wie uns die gestrenge Fassbinder „Mieze“, Barbara Sukowa, die Mönchin vom Rupertsberg schauspielerisch auslegt.

Leonhard Cohen hätte sie sicherlich, bei gelegentlicher Bekanntschaft, wohl auch angesungen: „ Well I heard there was a secret chord that David played, and it pleased the Lord.“ (Dazu sehr empfehlenswert, diese kurze Biografie http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Hildegard_von_Bingen , die das musikalische Schaffen im Auge hat; ebenso das, was Frau Filter von der „Emma“ schon 1997 klarsichtig zur Person Hildegards zu sagen wusste: http://www.emma.de/index.php?id=2218&type=1 ).

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Gefahren der Welt oder das Walten der göttlichen Natur?

Kein weltliches Thema wird in ihren Büchern ausgespart. Die Äbtissin beschäftigt sich erstaunlich pragmatisch und wenig durch komplizierte theologische Diskurse abgelenkt, mit den Aufgaben der Stände, mit dem Adel, der Armut und den Bauern. Sie erschafft sich eine spekulative Kosmologie und eine göttliche Teleologie, bei der das reale Leben, die mittlealterliche Ständeordnung, ein Propädeutikum sein sollen für das kommende Himmelreich. Der gläubige Mensch hat in dieser Welt, in der sich Gottes Wille, aber auch der des Teufels, Satan, als Versuchung und Verführung entfaltet, einen moralischen und religiösen Kampf zu bestehen. Dazu helfen die Weisungen und Weisheiten der Visionärin.

Beachtlich kenntnisreich schreibt die Nonne über Sexualität (http://www.hildegard.org/medizin/medizin2.html ). Der männliche Penis mit seinen Schwellkörpern hat es ihr angetan und er wird so genau beschrieben, wie es wohl damals nur möglich war. Sie ist dabei nicht prüde, aber völlig überzeugt, dass nur die Ehe vor Gott und die Fortpflanzung dem Sex einen tieferen Sinn verleihen. Sie, dem christlichen Denken von einer gottgewollten Weltordnung verbunden, kann sich keine bessere Welt als die ihre vorstellen.

Visionen von der allumfassenden Menschenliebe, in einer nie liebevollen historischen Zeit, lassen sich besser singen. So wird Hildegard von Bingen nicht nur eine theologische Berühmtheit, sondern auch eine veritable Komponistin. In der Tat gibt es aus ihrer Zeit keinen weiteren Musiker, schon gar nicht eine Musikerin, dem namentlich so viele geistliche und erbauliche Lieder, sogar ein umfängliches Singspiel persönlich zugeordnet werden können. Hier kennt sich Hildegard aus. Ob sie die Neumen (Notenschrift) der Gregorianik lernte, beherrschte und niederschrieb (diktierte) und ganz „modern“, nicht zu jeder Wortsilbe einen Notenwert hinsetzte, oder ob das gebildete Männer und Frauen aus ihrem Anhang taten, die Wissenschaftler streiten weiterhin.

Betrachtet man die Ergebnisse, dann verstand sie etwas von Phrasierung und komplizierter Melodieführung, befreite die Liedtexte vom Reimzwang und lockerte die Enge der Tonlagen, die bis dahin das lithurgische Lied bestimmten. Musik, auch weltliche, erfreuliche Musik, war keine Sünde mehr! Ein Gegensatz und Widerspruch der wissenden Nonne zu vielen Thelogen- und Klerikeraussagen aus ihrer Zeit (http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Hildegard_von_Bingen ; Musik und Gender im Internet, die Seite zu Hildegard bietet eine knappe Biografie, genaue Angaben zu ihrer kompositorischen Arbeit, eine ausgezeichnete Bibliografie und ein Hörbeispiel!)

Wenig später wurde nicht-liturgische Musik wieder zum weltlichen und damit teuflischen Machwerk erklärt. Die Zeit der singenden Nonnen und ihrer gebildeten Magistrae im Deutschen Reich war schnell wieder vorbei.

Scivias“ - Wisse die Wege

„Scivias“, das erste, die Nonne gleich „weltberühmt“ machende Werk der niedergeschriebenen Visionen, es ist zwischen 1141- 1152 enstanden, war, zusammen mit zwei Folgewerken, ein häufig abgeschriebener „Bestseller“ der Zeit. Die Schrift- und Sprachkundigen ließen es in den Schreibwerkstätten verschiedener Klöster vervielfältigen und ausschmücken. Die bekannte Rupertsberger Handschrift mit den schönsten Illustrationen verschwand zwar in den Wirren des Zweiten Weltkrieges spurlos, - zur Sicherung hatte man die Inkunabeln ausgerechnet nach Dresden ausgelagert -, doch die fleißigen Nonnen des Rheingauer Klosters Eibingen, der zweiten Gründung Hildegards, hatten rechtzeitig vorher eine Kopie, mitsamt der Illuminationen angelegt. Dieses Faksimile wird heute, vor allem wegen seines Bildschmuckes, gerne vorgezeigt ( http://familiadei.org/ordo-virtutum/miniaturen-hildegards/ , Webseite familiadei, von H.-J. Richter) .

Schon im Spätmittelealter und dann in der Zeit der Gutenberg- Revolution, war Hildegard als wichtige theologische Autorin wieder weitgehend vergessen, während ihre Naturkunde und Medizin durchaus beachtet, kopiert, abgeändert, ergänzt und weitergetragen wurde, bis zur sogenannten „Hildegard-Medizin" unserer Tage. - Das ist eine andere Geschichte, die Heinrich Schipperges oder Irmgard Müller medizinhistorisch untersuchten und brilliant beschrieben.

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Das Weltgericht

Sicher ist, Hildegard hat ihre Schriften nicht selbst verziert, sie hat auch keine Zeile eigenhändig geschrieben. Ihr Metier, die „Visionen“, und ihr ständiges Bemühen um das reale, sehr unsystematische und häufig spekulative Wissen der damaligen Zeit, dazu die für eine gelehrte Klerikerin eher mangelhafte Ausbildung, hätten zu viel Zeit gekostet. So machte sie sich wohl Notizen, vielleicht so, wie in der Rupertsberger Handschrift angedeutet, auf Ton- oder Wachstäfelchen. Später diktierte sie dann ihrem Probst oder andern Schriftkundigen, die die Sentenzen in „korrektem“ Latein niederschrieben.

Christoph Leusch

(Im zweiten Teil geht es vor allem um den Herkunftsberg der, an der Heiligsprechung glücklicherweise vorbeigeschrammten, Äbtissin Hildegard von Bingen )

Ergänzung und Korrektur, auf Anregung Pleifels, 07.04.15:

Tatsächlich wurde Hildegard von Bingen am 10. Mai 2012, durch Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger), per Dekret (Litterae decretales de peracta Canonizatione aequipollente Hildegardis Bingensis) heiliggesprochen. Wenige Monate später (07.10.2012) verlieh Benedikt ihr den Titel, Doctor (Doctrice) Ecclesiae universalis, KirchenlehrerIn der Weltkirche.

Benedikt XVI., Marienkundiger und vielwissender Theologe, stützte sich dabei auch auf eine Formulierung des vielleicht berühmtesten englischen Benediktinermönchs, Beda Venerablis ( "Venerable Bede"), der, -er selbst ist ebenfalls kanonisiert- , als Kirchenlehrer Männer und Frauen (doctores ac doctrices) anerkannte.

Ist das ein gangbarer Weg der katholischen Kirche, weg vom allein männlichen Priesteramt, hin zur gleichberechtigten Zulassung der Frauen? Wenn diese schon Kirchenlehrerinnen der Weltkirche sein können und es in der Frühkirche auch waren, böte sich hier doch eine Tür, die nur weiter aufgestoßen werden müsste.

Der Zölibat wäre dann eine Angelegenheit, die man ausklammern könnte, zumal er nicht zu den Ursprüngen der Glaubenlehre passt, sondern eher eine Art gelebte Selbstverpflichtung sein könnte, sich stärker zu konzentrieren, statt ein grundlegendes Dogma der Kirche sein zu müssen.

Das soll(t)en die Gläubigen und ihre Theologen aber untereinander regeln. (;-))

Christoph Leusch

Was kann ich zum Thema empfehlen, außer den oben eingebundenen Links und Büchern:

1) Zunächst Barbara Beuys gut geschriebene, sehr detailierte Biografie der Hildegard von Bingen, „Denn ich bin krank vor Liebe. Das Leben der Hildegard von Bingen“, München (Piper) 2001 (HC),2003 (TB). - Frau Beuys schreibt der Person zugewandt, wie es eine gute Biografin tun sollte. Ich mag ihre Wiederholungen und den Detailreichtum ihrer Texte, ebenso ihre Genauigkeit, wenn sie unbedingt notwendig ist. Frau Beuys ist auch in anderen Fällen eine Vitenschreiberin die sich nicht unbedingt auf die ewigen bürgerlichen Vorzeigepersönlichkeiten konzentriert, sondern meist bisher weniger gut beschriebene „Leben“ auswählt. Ich kann ihre Bücher zum vergessenen deutschen Widerstand, zu Luther, zu Theodor Haubach und zur chinesischen Dichterin Li Qingzhao, „Der Preis der Leidenschaft. Chinas große Zeit: das dramatische Leben der Li Qingzhao“, nur wärmstens empfehlen.

2) Die Webseite „Land der Hildegard“ ist wie ein Schlüssel zu benutzen. Fast jede Thema zu Hildegard, zu den Klöstern, zu den Texten und der Musik der Nonne wird abgehandelt. Dazu können hier Reisetipps und Informationen begutachtet werden, die die Neugierde steigern, einmal in die Nordpfalz, in das Nahe- und Glantal, an den Rhein und in den Hunsrück zu reisen, auf den Spuren der Hildegard von Bingen: http://www.landderhildegard.de/

3) Charlotte Kerner, ebenfalls Hildegard Biografin (siehe im Text), berichtet zur Authentizität und zum Verbleib der visionären Hildegardschriften und zu den Illuminationen. Mythen und Legenden werden ausgeräumt. Die Malereien des Rupertsberg- Codex stammen nicht von Hildegard selbst: http://www.zeit.de/1998/45/Ende_einer_Legende

4) Aktuell, zum Disibodenberg und der heiligen Hildegard, mit einer Vielzahl von Aufsätzen, „Als Hildegard noch nicht in Bingen war: Der Disibodenberg - Archäologie und Geschichte“, Antje Kluge-Pinsker, Falko Daim (Hg.), Mainz/Regensburg, 2009

5) Ganz besonders ans Herz legen, möchte ich die Webseite „Carolina´s Castle Collection“:

http://www.hic-sunt-dracones.de/CCC2/index.php

Frau Carolina ist im besten Sinne eine Liebhaberin der Burgen, Schlösser, Kirchen und Klöster, entlang des Mittelrheins und seiner Nebenflüsse. Sie schätzt zudem die Archäologie der Kelten und Römer. Was sie besonders auszeichnet: Sie kann mit dem Fotoapparat, sei der auch noch so klein, hervorragend umgehen. Sie hat, auch den Disibodenberg porträtiert. Zu vielen Sehenswürdigkeiten notierte sie die wichtigsten Hinweise zur Geschichte, kulturellen Bedeutung und zur Umgebung akribisch auf. - Ich bin jede Mal ein wenig neidisch auf ihr Können und auf ihre Muße, wenn ich ihre Webseite besuche und wieder ein gelungenes Kloster- Kirchen- oder Burgenporträt finde. Carolina macht reiselustig und schult den Blick.

6) „Hildegard von Bingen, 1098-1179“, Austellungskatalog, Hans-Jürgen Kotzzur (Hg.), bearbeitet von W. Wilhelmy und Ines Köring, Mainz 1998. Der erstaunlich günstige Katalog zur Binger Austellung aus dem Philipp Zabern Verlag Mainz liefert nicht nur sehr gute Einführungstexte zu jeglichem Aspekt um das Leben Hildegards, sondern auch gut dokumentierte und sachlich aufgenommene Fotografien, einige Urkundentexte und Planskizzen der Klöster. Besonders beeindruckend sind die guten Farbtafeln zu den Illuminationen des Rupertsberger „Scivias“- Faksimile aus dem Eibinger Kloster. Im Binger Museum werden sie als große Dioramen präsentiert, und im Katalog in ihrer Bedeutung ausführlich erläutert. Die meisten Fotos zu den beiden Artikelteilen fanden hier eine passende Erklärung. Ein Besuch im „Museum am Strom“ (am Rhein, im ehemaligen Elektrizitätswerk der Stadt Bingen) lohnt sich.

6) Die Herkunft des medizinischen und naturkundlichen Wissens der Hildegard von Bingen erschließt Peter Riehte, „Die Quellen Des Liber Simplicis Medicinae Hildegards von Bingen", Bingen, o. J.

23:54 06.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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