Hinze- Kunze, nichtlesende Klassiker

Volker Braun Aus der nicht fortgesetzten Serie, Romane der Zeit aus der Vergangenheit: Volker Brauns Hinze-Kunze-Roman, rattenscharf und aktuell. Ein Ossi als Globalwessiversteher.
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Hinze und Kunze sind Klassiker, sie lesen nicht

Lyapis Trubetskoy ( Ляпис Трубецкой ) , "Capital", mit einem genialen Videoclip von Aliaksei Tserakhau (Alexey TEREHOFF, Алексей Терехов): https://youtu.be/m5qDsOmz-Yk

In „Leipzsch“ war gerade Literatur ein Messethema, auch wenn es gleich danach um die „Lines of Beauty, pflegend, dekorativ und apparativ“, geht. Die Literatur als Apéritif der verschönerten Schönheit, S-shaped, nach Hogarth und Hollinghurst, wovon man allerdings bei Eyelinern und Gesichtsmasken nicht allzu viel ahnen kann und möchte.

Weil es also passt, soll es nun um Hinze und Kunze, diese beiden Buben gehen, die, als es noch Wessis und Ossis, real existierend und offiziell gab, nicht nur Berichte lieferten von einem sich rasch ändernden Dasein, sondern auch unzertrennliche Kleinheldenfreunde sein mussten, als Romanfiguren, die den epischen Text der ihnen gewidmet wurde, zugleich zersetzten, die sich selbst der hartnäckigen Befragung durch den Klassiker Volker Braun entzogen. - Dieser Roman ist Aufklärungsliteratur, französisch, nicht platter Realismus.

Die ZZ-Zwischenzeit, eine Stocherung

"Hinze-Kunze" liest sich so frisch, als sei es eine neue Erscheinung.

Dabei floss seitdem schon so viel Wasser die Weiße Elster, Pleiße, Parthe, Luppe und Nahle hinab, mit den unterschiedlichsten Wasserständen und zu jeglichen Zeiten, dass 1985, das Erscheinungsdatum Ost wie West, für die beiden Republiken schon reichlich Dekadenz und Zerfallserscheinungen offen legte. - Noch drei Jahre bis zur Wende, ein bisschen mehr bis zum Fall der Mauer und gleich, im Anschluss, die Deutsche Einheit in der Tagesschau aus Hamburg.

1982 war der Romancier und Mensch des Wortes aus dem Schriftstellerverband ausgetreten, 1988 wird er trotzdem noch einen Nationalpreis zu vielen anderen Körungen hinzu erhalten. Der untergehende Staatsapparat wollte am Ende noch einmal Geschmack beweisen.

1982 war aber auch das berüchtigte Lambsdorff-Genscher Wendejahr. Jenes endgültige Ende des Sozialliberalismus auf deutschem Boden und der Anfang vom Ende dessen, was noch uneingeschränkt Sozialstaat zu nennen gewesen wäre. Einschnitte mussten seither alternativlos sein, bei der Masse, weil die Schulden wuchsen und weiter wuchsen, bis heute, so wie die Kontostände und Besitztümer des einen Prozents weiter überproportional anstiegen und die soziale Ungleichheit ein stilles Ziel der heimlichen großen Koalition wurde.

Das war jene stille, geistig-moralische Wende, an der heute eine realexistierende, übergroße Koalition ehemaliger Ossis und alter Wessis, sich abarbeitet. -Vereint!- Sie hatte nichts mit Kohl zu tun, der am Mantel der Geschichte immer dranhing, wie Kunze, wir werden es lesen, an den Rockschößen und Fähnchen der Frauen.

Chauffieren in schwierigen Zeiten

Hinze lenkt den schwarzen Tatra der Hauptverwaltung. Er fährt Kunze, einen mittelprächtigen Chef, der Reden halten muss und Dinge, auf kurzen und längeren Dienstwegen zu regeln hat, von denen niemand mehr wirklich was wissen will. Der Roman erzählt es schon gleich gar nicht. Dafür treibt Kunze zuallermeist und zuallererst seine Sexsucht, die Lorenzo da Ponte einst für Mozart aufklärerisch auffrischte, als die eigentliche spanische Krankheit Don Juans. - Sie packt ihn regelmäßig, jenen Herrn aus dem mittleren Staatsmanagement der DDR.

Er wird, vor allem darum und wegen der zunehmenden Sinnfreiheit seiner offiziellen Aufgaben, ein werktätiges Erschöpfungssyndrom erleiden. >>Wir müssen den Wettbewerb orgasimieren, von Haus zu Haus.(...) Es lebe der Frieden, es lebe der Orgasmus in der Welt!<<, brüllt er noch vom Podium, bevor er zur Kur muss. Er verfällt dem Burnout der Jetztzeit, et cetera der Weltwirtschafter.

Anders als Ulrich Hoeneß, der süchtig zu sein nur kurzzeitig vorgab, als er dachte es bringt was, transzendiert die Schürzenjägerei das Leben Kunzes völlig. >>Wonach lechzte der? Er hatte eine Frau zuhaus; warum japste er, als wenn er verröcheln müsste?<<, fragt sich Hinze, der Fahrer, der sein Freund ist und bleibt, trotz aller Leporello-Tätigkeiten und der erwiesenen Fiesigkeit der Person im Tatra-Rückspiegel.

Selbst dünn wie ein Strich und Faltengesicht, dringt Hinze mit dem runden, dafür aber gesund glatthäutigen und dynamischen Kunze durch jede Dickung, auf der Frauenjagd.

Hinze geht sogar noch ein Stück weiter und bietet seinem Chef, nur so zum Spaß, die eigene Lebensabschnittsgefährtin an: Lisa. Unglaublich! - Die wird dann auch die heimliche Hauptstadt des Romans, eine plötzlich emanzipierte Festung und kein Kind von Traurigkeit, eine fortbildungsgeeignete, sozialistische, berlinische Arbeiterin. Doch davon später.

>>Bei Personen, die wie Kunze im Verborgenen, im Apparat arbeiten und ihr Gemüt nicht weiter ausbreiten, ist eine Beschreibung ratsam, die möglichst dicht am nackten Körper bleibt.“(...) Was hielt sie zusammen? Wie hielten sie es miteinander aus? Ich begreife es nicht, ich beschreibe es.<<, stöhnt der Ich-Erzähler gleich einleitend.

"Hinze-Kunze" ist unbedingt ein Roman auf der Höhe der Jetztzeit, auch wenn er als Materialhintergrund nur ein vergangenes Traumland und Mythenreich des real existierenden Sozialismus, das da schon schläfrig stumpf wirkte, ausgewaschen und rostig beschreibt.

Es gibt zu der Zeit auch noch eine Szene am Prenzlauer Berg. Vorwiegend ist es eine Wohnraumszene, mit der bekannten halben Treppe, die es dort einmal gegeben haben muss, bevor die Schwaben, Rhein-Mainländer und Sachsen kamen, denen im Grunde auch heute noch das Vorurteil anhaftet, sie seien im Prinzip alle aus ahnungslosen Tälern stammend, weil Killesberg, Feldberg und Borsberg höher ragen, als der Teufelsberg.

Dabei haben sie nur die Toiletten nach innen verlegt und schon damit ganze Solidargemeinschaften ausgerottet. Sie leben heute in "My home is my castle"- Fluchten.

Schreiben ist schwierig geworden, Veröffentlichen auch

Der >>persönliche Anfang<< des Romans, ironisiert Braun, ist >>mit der Hauptverwaltung abgesprochen...<< - Tatsächlich wurde das Buch in beiden deutschen Republiken veröffentlicht: Westlich mutwillig, östlich widerwillig.

Das passte, angesichts der fast automatischen Schreibweise, die den Zufall zur Notwendigkeit macht, angesichts der zahlreichen, heute zitierfähigen Stellen des Romans, angesichts seiner bewussten Geschichtsmächtigkeit und Traditionsbezogenheit, die bis in die Welt seines Vorbildes, Diderots „Jacques le fatalist et son mâitre“ zurückreicht und über diesen noch weiter in die Narrenwelt des Sterneschen Tristram Shandy.

Bei Volker Braun hat der Fuhrknecht Hinze sehr viel Eigenwillen und Eigensinn, trotzdem reicht es nie. Er sträubt sich in Gedanken und Widerworten gegen den Kunze- Chef. Er greift an, ohne ihn anzugreifen. Das ist sein Verhängnis.

Und Kunze lebt, nur von sich selbst gestört, eine eigenartig perverse Hauptabteilungsleiter-Freiheit, während seine eigentliche, wenig eigenwillige Tätigkeit am Aufbau des Sozialismus ihm selbst immer rätselhafter wird und zunehmend völlig unnötig vorkommt, während der Zwang der Eroskrankheit ihn freizügig, mutwillig und freisinnig handeln lässt.

Alles ist verdreht und so gerade richtig! Die Freiheit macht nicht frei, sie hat frei! Die Zwänge fordern beständig Akte der Freiheit, Aktivitäten des privaten Regelverstoßes, der persönlichen Verletzungen, in einer sozialistischen Gesellschaft, die in etwa genau so formiert daher kam, wie ihr freiheitlich- demokratisches Westpendant, nur weit weniger materiell erfolgreich, und sei es nur, den Staatstatra auf der Pirsch nach einer nagelneuen, gelben Rockweiblichkeit durch eine verkehrsberuhigte Zone zu befehlen. - Bonzenvorrechte sind heute global!

Lisa, die heimliche Heldin des Romans, eine absurde, gelbblonde Arbeiter- und Bauernstaatsprinzessin aller privaten Wunscherfüllungen, berlinert früh gegen Fahrer-Knecht Hinze, ihren Mann unter den Männern: >>Behandle mir wenigstens wie deinen Wagen (...) Da fängste ooch von oben an<<, als er ihr einmal unter die Kittelschürze langt, in der >>Lotterstraße<<, irgendwo in einem >>schwindsüchtigen Viertel<< der >>stehengebliebenen Stadt<<. - Ganz selbstverständlich heißt sie später Lottumstraße. Wandel durch Verlutherung!

Kunze, der Chef, lädt sich ein und es geschieht, was geschehen muss, >>im gesellschaftlichen Interesse<<.

Der real existierende, alltägliche Materialismus

Kunze berichtet: >>Ich brauche diese Frau, ich kann nicht sagen warum,(...). Ich starrte auf die wunderbare Basis, nicht imstande, den Überbau an Gedanken zu lesen.<< - Da ist die alte Krankheit des überschießenden, natürlichen Materialismus am Werk, der die Welt nun beherrscht, Sexzwang, - Immer an mehr denken!- , die Zurückgeworfenheit auf den Trieb, nicht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Die Frauen auf der Straße, denen Kunze nachchauffieren lässt, sie sträuben sich. Lisa aber, geht vor ihm in die Knie: >>Jenosse, wat kann ick for Sie tun?<<- Der Genosse der Bosse wird bleich und sucht zunächst das Weite, Aktivist ohne Aktiva. Dann steht er bei ihr auf Arbeit, in der Wäscherei, gerade sind die großen Laken dran und müssen durch die Mangel. >>Er griff die Dünne fröhlich mit dem Blick<<.

Später kommt es bedenkenswert: >>Een Mann, wenn ich den will, denn will ick allet. Aber det muß er ooch. Der muß aus sich raus mitn Kopp; wo er an sich denkt. Der muß mich sehn.(...)In Kunze trommelte der Kerl vor Freude, er zischte ihn bescheiden nieder. (…) Lisa fragte: Is dir nich gut? Das Du schockierte ihn, er stöhnte wieder, es ging etwas in ihm los, ein Hirsch wuchtete durchs Unterholz (…) Da brach seine Krankheit aus.(...) Er griff um ihren Körper ihr warmrer Rücken ihr Atem er befahl: Komm los hopp hopp! (…) Hinze war aufs Stichwort da, mit baumelnden Hosenträgern. Er schien nicht sonderlich erleichtert. Er belegte das Sofa mit einem schweren Blick, stand vor dem umgerissenen Tisch, die Faust am Hintern geballt. Man hielt eine Art Andacht. Lisa strich ihren Kittel glatt,...(...)Lisa Scheiße. Auf das Wort einigte man sich stumm,...<<

Auf der gefordeten, gesellschaftlich- realistischen Ebene geht es grobkörnig in Blockbuchstaben auf das Ende zu: >>MIT DER MIKROELEKTRONIK IN DEN KOMMUNISMUS<< nicht in den >>Luxemburgismus staatsgefährdender Umtriebe<< - >>Die Frage nach dem gesellschaftlichen Interesse ist zweifellos die fruchtbarste für die Literatur,...<<

Für den ewigen Grübler Hinze gibt es durchgängig und gratis, die Selbstzweifel, die sich die heutigen Hinzes schon völlig abgewöhnt haben, für Lisa, die Auserwählte, den Kaderlehrgang und ein unerkanntes Kind, für Kunze, eine andere Straße auf Westreisen, genannt Reeperbahn, mit einer urtümlichen Form der Völkerfreundschaft:

>>Hast du Lust? Soll ich dich verwöhnen? Diese dunkelhäutige Schönheit, kaum daß sie ein Deutsch sprach, er fragte nicht nach dem Preis.(...)Alles leicht, freundlich, bequem.(...)Der Kapitalismus, was sonst auch gegen ihn gesagt sein mußte, gab sich freier.(...)Eine arme Frau aus Afrika, die er zu unterstützen hatte. Die ihn erfreuen konnte in ihrer Not! Osten Westen Süden trafen sich hier in einem Punkt, über den man nicht reden konnte, eine haarige Sache. Eine internationale Verwicklung, man mußte halt nicht die Ständige Vertretung informieren. Man konnte es positiv sehn,..<<

Heute ist das Mittagspausen-Tagesgespräch und so gewöhnlich, wie der regelmäßige Eintritt der Jahreszeiten in unseren Breiten, aber am Materialismus der Sachen und ihren Besitzverhältnissen hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, die Verhältnisse verfestigten sich seither.

Gemeiner Kapitalosozialismus

>>Hinze Das muß man auch verlangen. Der Sozialismus muß der bessere Kapitalismus sein, wie Chruschtschow sagte: Wir werden alle leben wie die Minderheit im Kapitalismus. Dafür arbeiten wir. (…) Kunze Ich meine auch nur-(er verfolgte zwei nahe Fersen) wir sollten nicht hinter dem Kapitalismus zurückstehn.<<

Nach dem sozialistischen Ausbildungsgang, >>Ick lese det, sagte Lisa blaß. Jetzt wo ick entwickelt bin, sie schluckte, kann ick mir dazu äußern.<<, kommt ihr die Erkenntnis zum geliebten Hinze, >>Ick liebe einen Esel. Ick halt ihn fest, ik kralle mir in sein mageret Fell. Aba er stellt die Ohren auf und lauscht auf die Stimme von oben.<<

>>Hinzeundkunze<<, beide schickt Lisa in die Wüste. >>Die Anwohner der Lottumstraße sahen zwei stumme bleiche Männer kopfüber in den praktischen schwarzen Wagen klettern,...<< Der Staatstatra, ein Leichenwagen, wie einst der Lincoln des US-Präsidenten, heute sein Cadillac One, denke ich mir.

Der Ich-Erzähler nimmt Lisa, sein Figur, zu sich zurück, er ist verliebt: >>Ich trat hinter sie- es liegt in meiner Art des Schreibens, meiner zudringlichen, meiner hoffnungsvollen Art-, berührte sie aber nicht, dachte nur: ich nehme sie wieder zu mir, ich überlege mir was, ich gebe sie nicht her, nicht so, wir bleiben beieinander- Ach, Quatsch, du, sagt sie. Laß mir sinn. Ick erwarte nischt. Ick ha so jenuch vons Leben.(...)<<

Wir können an Hinze und Kunze, und Lisa drei lange Einschlafabende lesen oder ein ganzes Leseleben immer einmal wieder irgendwo aufblättern und ein paar Zeilen aufnehmen. Die müssen uns gar nichts im Zusammenhang bedeuten und einfach nur gelesen sein. Es lohnt sich und macht frei, auch die neue Leipziger Schulliteratur aus dem Creative writing- Studio mit Nachsicht, Verständnis und Vergnügen zu lesen. Am Ende ist es gar Frauenliteratur, geistige Kur des Ich-Erzählers auf Lesereise: >>Die Frau betrachtete meine Verwandlung, ohne zu erschrecken. Sie schien alles zu begreifen, was ich nicht begriff...was ich beschreibe.<< - So schreibt er auch noch zum Liebesleben eines deutschen Schriftstellers, die im Wegrennen so geübt sind, seine Liebesgeschichte mit Anna auf.

Christoph Leusch

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Volker Braun, "Hinze-Kunze-Roman",Frankfurt am Main, Halle und Leipzig,1985

Sehr empfehlenswert auch, die aphoristischen, im Stil an Brechts Keuner-Notate erinnernden "Berichte von Hinze und Kunze", F.a.M.,Halle und Leipzig,1983

23:02 17.03.2014
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