While my guitar gently weeps, oder mehr als nur drei Akkorde

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While my guitar gently weeps, oder mehr als nur drei Akkorde

Frauen und Männerfragen rund um die Musik

(Vorzüglich nach 22:00 Uhr zu lesen und zu hören. Nicht wegen des Jugendschutzes, sondern ausdrücklich zum Erhalt und zur Beförderung der weichen Stimmung)

Dieses Blog ist eine Reaktion auf Verena Reygers Interview mit der Frontfrau der Band Clara Bows in ihrer wunderbaren, vierzehntägigen Kolumne. Die Band beschwerte sich über die männliche Wahrnehmung der Auftritte ( www.freitag.de/alltag/1045-kritik-von-frauen-ist-uns-wichtiger ), die herabsetzenden Kommentare bei Live-Auftritten.

Ein wenig altbacken feministisch klingen die Ausführungen Clara Bows (Frau Hesse) schon. Das Gerede, Gegröle oder Genöhle des männlichen Publikums, biertrunken und mehr, ist wohl kaum anders orientiert, als das Cocktail und Rotwein geschwängerte Rufen und Kreischen weiblicher Fans bei bestimmten Männerbands oder dem üblichen Gemischtwarenladen aus Männerband und Frontfrau. Dazu später und hoffentlich amüsant. - Ich hätte gedacht, die Damen sind etwas souveräner und ein wenig mehr mit Humor gesegnet. Ich hoffe, ich kann, passend zum Thema, ein bisschen beitragen.

Die Gitarre macht den Mann, wenn er Musik macht, weicher, während die Girls auf mehr harte Beats und Akkorde setzen. Harte Beats sollten dann aber auch hart angeschlagen werden und einfallsreich sein. Nicht immer straight herunter gezählt und geschlagen. Was ich meine, will ich nicht lange beschreiben, sondern an Beispielen aufzeigen.

Zum Thema, weicher Guitar man of the century, der hoffentlich doch auch einmal ein Frauenherz gewinnt und es nicht verhärtet, gleichzeitig ein wenig zum Thema Instrumente und spielen können beiträgt, lieferte George Harrison schon den passenden Titel, denn für die Popular-Kultur gilt der Beatles Song als einer der Besten. Nicht nur das gespielte Gitarrensolo, es gibt unzählige Coverversionen, von Toto, von und mit Clapton, von Santana, sondern auch der offene Text, es geht um die Gitarre und natürlich um das Bild der Frau und die Unbestimmtheit so manchen männlichen Selbst, das Girlies und Girls heute vielleicht weniger verstehen, böte hier den Damen an den E-Gitarren reichlich Anregung ( www.youtube.com/watch?v=F3RYvO2X0Oo&;;;;;feature=related ) .

Die Stimme geht hoch, durchaus elegisch, die Gitarren jammern,wimmern, weinen, und der Song läuft über vier Minuten, ohne ein jederzeit absehbares Ende. Das kommt weil das Stück auf das Weiße Album muss.

Ringo Starr, dem Schlagzeuger der Band, wurde immer wieder einmal vorgeworfen, er könne sein Instrument nicht spielen. Dabei macht er hier genau das, was ein guter Musiker (m/w) in einer Band tun muss, nämlich dem gemeinsamen Sound, dem Inhalt der Musik, dienlich sein. In der Euphorie wird von Kritikern und Fans gerne übertrieben und das Harrison-Solo daher als bestes in der Popwelt überhaupt gefeiert. Dabei ist es gar nicht nötig, solche dummen Punktelisten anzulegen.

Wer mag, der kann sich hier auch noch die Cover -Version Steve Lukathers (Toto) anhören

www.youtube.com/watch?v=GginWYf22rs&;;;;;feature=fvw , der sein Instrument beherrscht und singen kann, obwohl er keine Stimme hat. Stimme ist nämlich auch so ein Geschenk der Götter oder der Natur.

Ein wenig abseits der Musik, die heutzutage fleißig besprochen und wie Waschpulver oder Kartoffeln verkauft wird, kann der Nachweis auch geführt werden. - Kennen Sie den belgischen Jazz- Gitarristen Philip Catherine? Nein. Das macht zwar nicht wirklich was, aber ihm zu hören kann zufrieden, glücklich und weich stimmen. Der weiß auch, wie man die Gitarre „weepen“ lässt. Dazu ist dieser Jazzer genau so wohltuend wenig interessiert am Starimage, wie der späte George Harrison.

Performance gibt es hier nicht im Stil der getragenen Klamotten, der Ausleuchtung oder des wilden Auftritts, dafür aber bei der Musik. Zugleich zeigt Catherine, er ist ein großer Lehrer darin, wie und was man mit dem Overdubbing anfangen kann. - Overdubbing heißt, der Musiker überspielt seine eigene, vorher aufgenommene Tonspur. - Das Ergebnis folgt hier: www.youtube.com/watch?v=GfM84Ny8mY0&;;;;;feature=related . Wie es so zugeht, bei Philips Komponieren und Transkribieren, das kann man hier verfolgen: www.youtube.com/watch?v=6nDjoaspTuY&;;;;;feature=related

Bei einem Jazzfestival wurde er einmal erfurchtsvoll als der beste lebende Jazz-Gitarrist angesprochen und befragt, was ihm wichtiger sei, das Solo oder die Begleitung, und ob er noch viel übe (Ist das nicht eine seltsame Anfrage an eine Berufsmusiker?). Die Antwort kam simpel und ganz ohne irgend einen Dünkel. Dem Soloisten sei zu dienen und sonst gelte, üben, üben, üben.

Hier spielen Taylan Sengul, Tolgahan Cogulu and Cagatay Coker Erkan Oğurs & Philip Catherines Komposition „Ağırlama“, eine gepflegte Gitarrenunterhaltung: www.youtube.com/watch?v=H4pBQBtcm0c&;;;;;feature=related , die ganz ruhig und entspannt macht.

Nun zu Punkt zwei der musikalischen Mythen und Vorurteile bezüglich der Rollen von Männern und Frauen vor und auf der Bühne: Akzeptieren Männer im populären Musikgeschäft grundsätzlich keine Musikerinnen, sind die Männer als Publikum entweder feindlich oder sexistisch?

Philippe Katerine, eine hirnbefreiende, musikalische Witzperle, die es bei uns endlich zu entdecken gälte:

Hier liefert ein anderer Philippe den Zugang, Philippe Katerine. Der ist ein bisschen wie Helge Schneider bei uns. Ganz Frankreich kennt diesen Typen. Ich würde sagen er performt so, wie es Helge könnte, wenn er nicht immer in Talk-Shows und bei Galaveranstaltungen herum hinge und diese... Bücher schreiben müsste.

Was kann eine Frauenband leisten, wenn sie sich zu bierernst nimmt und wie enden Männer wenn sie schlafmantelweich wurden und es praktisch nur noch für die offene Zweierbeziehung zwischen Chansonier und Pianist reicht? Das sehen und hören sie in folgendem Clip:

www.youtube.com/watch?v=NGwvsseIFMc&;;;;;feature=related

Die Sächelchen sind so einfach zu verstehen, da schadet auch das viele Französisch nicht. -Hoffentlich!

Männer gehen Frauen auf den Wecker. So sieht es aus. In Zukunft wollen sie sich gar nur noch selbst befruchten und die Männer zum Spielen im Katalog aussuchen. Inverse Grausamkeit, nach tausenden von Jahren, in denen die Kataloge vornehmlich weiblich gefüllt waren.

Nicht jedoch, wenn der Auftritt gar nicht poetisch, sondern nur motorgetrieben-physikalisch ist. Deshalb drehen sie den Spieß um und lassen sich doch anmachen. Diesen Spaß wollte sich Philippe Katerine nicht entgehen lassen: www.youtube.com/watch?v=s24wrXlA7nU&;;;;;feature=related

International verständlich, kommen die letzten Kreationen des Musikers zum Publikum. - Mehr Weisheit über die Welt der Popularmedien und ihrer Musik kann man derzeit nicht erreichen, dazu noch von einem Musiker in Szene gesetzt, der sein Handwerk perfekt beherrscht!

Zunächst werden die Fugees nicht nur durch den Kakao gezogen, sondern ein ganz eigenes frankophones Rapping angedacht: www.youtube.com/watch?v=Qn6U0g7TMy8&;;;;;feature=related , und dann wird „Da,Da,Da“ (Trio), verarztet. - Die alte, neue deutsche Welle hat nämlich in Frankreich tiefe Spuren hinterlassen. - „Bla,Bla,Bla“ ist ein musikalischer Spaß bis in den Tod: www.youtube.com/watch?v=bpXxJCM4m3A&;;;;;feature=related

Zuletzt zum Thema Band und Frauen als Frontlead: www.youtube.com/watch?v=qaJk34dra1c&;;;;;feature=related . Philippe Katerine gibt die Transe. Dazu schreibe ich jetzt nichts mehr, teile aber noch die einfache Wahrheit Katerines mit: "Jedes Lied ist politisch".

Da wir in einer Hühnerwelt leben, hat Katerine dazu ein Chanson „Le poulet N°728120“ geschrieben (auch für radikale Tierschützer geeignet). All´ das, trotz der französischen Revolution und des ganzen Fortschritts, der nur so an uns vorbeirauscht. Das Liedchen ist ummalt mit einem genialen, kleinen Trickfilm: www.youtube.com/watch?v=4WbY1V-hnaw .

Zum Ende der gepflegten musikalischen Abendunterhaltung kehre ich zum Ausgangspunkt zurück.

Eine Mädchenband wird interviewt und wehrt sich gegen Kritik. Die Damen schimpfen ein wenig über beschickerte Männer und dünkelhafte Roadies.

Da fehlt nun also noch der Auftritt dreier lekkerer Jongens, die auch in einer Band spielen. - Zur Erklärung des Titels sollte hier der Chefkoch des „dF“ befragt werden. Er kennt das Titel-Gericht ganz bestimmt, aber gewiss noch nicht seine Dosenform. Das Hoch auf das neue savoiadische Nationalgericht kommt von der Band Les 3 Fromages, die ihre Gitarren krachen lassen und nie ins Fitnessstudio müssen:

www.youtube.com/watch?v=5SnOOI58ckA

Jeanne Cherhal und Diam´s :

Zur Ehrenrettung der Frauen, soll nun zwei Sängerinnen und Songwriterinnen das letzte Wort haben, die es ebenfalls bei uns zu entdecken gälte, während sie bei unseren musikalischen Nachbarn längst in allen Gassen bekannt sind: Jeanne Cherhal und Diam´s.

Jeanne Cherhal ist eine wunderbare Chanteuse und Chansoniere, geboren in Nantes, dort philosophisch ausgebildet (Departement Loire- Atlantique), in jener heute exterritorialen, bretonischen Stadt, im Land der sowiesop zarten und schönen, gallo-bretonischen Frauen. - Ich denke klischeehaft immer an Harfenistinnen, Bombardieusen, Sackpfeiferinnen und Kopfstimme. - Sie beherrscht aber auch das Piano, spielt Gitarre und ist in der Lage, die Musikstile auf höchtem Niveau zu wechseln.

Auf ihrem neuen Album, Charade, bekomme ich, Teil der Hälfte der Menschheit, mein Fett ab. Aber, wer genau hinschaut, der erkennt doch die Typen im Hintergrund. Genau! Das sind die „Männchen“, die sonst mit Philippe Katerine (s.o.) auftreten. - Oh Wunder der ausgleichende Gerechtigkeit!

www.arte.tv/de/Videos-auf-ARTE-TV/2151166,CmC=3154132.html

Was sie so vorher sang und sprach, dazu noch zwei Beispiele:

Douze fois par an“- „Zwölfmal im Jahr“ , mit einer langen Piano Einleitung, nicht ungeduldig werden, sondern genießen, beschreibt den Schmerz, der Männer von Frauen trennt. Bisher habe ich dazu nie etwas Tiefgründigeres und trotzdem Singbares gehört:

wn.com/Jeanne_Cherhal_Douze_fois_par_an

Und wenn so vom „Petit voisin“, aus Bambus oder Bakelit gesungen wird, könnte vielleicht doch der kleine Unterschied zwischen einem deutschen und einem französischen Publikum deutlich werden ( www.youtube.com/watch?v=DMHRWDMTjwM&;;;;;feature=related ).

So eine hat auch das Zeug, ohne Schwierigkeiten die Vagina Monologe der Eve Ensler vorzutragen (www.lesmonologuesduvagin.com/ ). Allerdings, liest man die mittlerweile lange Liste der Performerinnen, dann erkennt man auch das Modische daran, das aber bis Deutschland nicht wirklich vorgedrungen zu sein scheint (fr.wikipedia.org/wiki/Les_Monologues_du_vagin , de.wikipedia.org/wiki/Vagina-Monologe ).

Diam´s, das ist Mélanie Georgiades, eines von Millionen Boulettes (Fleischbällchen, weiblich; kein Klops oder Kloß, männlich) in Frankreich. Eine Französin mit griechisch-zypriotischen Wurzeln, was nach den Papieren und nach dem französichen Geist der Gesetze keine Rolle spielen sollte. 2009 trat sie zum Islam über.

Sie rappt, mit klugen Texten und Verve. Es geht um den Respekt für Leute, die es wirklich ernst meinen, und das merkt man selbst den witzigen Sachen Diam´s an.

Ma France a Moi“ von 2007 ist programmatisch: www.youtube.com/watch?v=hBooCSoXNMg&;feature=related , und mit „Jeune desmoiselles recherche un mec mortel“, www.youtube.com/watch?v=CC3wsB4-XJI&;;;;;feature=related , liefert sie einen Rap-Beitrag zu den modernen Körperwelten, die nur männliches Verhalten umdrehen und spiegeln. Kauf´ dir einen „Mec“-Mann und am Ende lass´ die Luft raus. - Jeanne Cherhal hat Diam´s gecovert. Das ist deshalb bemerkenswert, weil es ein liebevolles Anerkenntnis von Musikerin zu Musikerin, von Dichterin zu Dichterin ist:

Hier die Originalversion: www.youtube.com/watch?v=3d0xT7t2gZs&;;;;;feature=related

Hier Cherhals Version: www.youtube.com/watch?v=Jweaf0VaN98&;;;;;feature=related

(Zugabe: Jeanne Cherhal erklärt in der Sendung „Des Mots de minuit“, wie sie zu ihren Songs kommt und dann, wo ihr Platz ist, als Bürgerin. „Rock sans Papiers“ wendet sich gegen die rechtlose und unmenschliche Situation der Arbeitsimmigranten und gegen die Abschiebepolitik Sarkozys ( www.youtube.com/watch?v=VwbWRK1DMpA&;;;;;feature=related ). Zum politischen Teil, jede Musik ist politisch, entweder anpasserisch und feige, indem sie täglich stützt was faul und falsch ist, oder eben mutig und wahrhaftig, geht es ab ca. 7 Minuten und 15 Sekunden.)

Mit gutem Gewissen endet hier das Nachtprogramm.

Liebe Grüße

Christoph Leusch

13:10 18.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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