Wo Pinas Gesellschaft 3-D tanzt

Auf ewig Wuppertal Macht euch auf die Suche nach städtischen Hoffnungszeichen. Pina Bausch, Wim Wenders und Tony Cragg stärken den Glauben an das ewige Wuppertal.
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Wo Pinas Gesellschaft „3-D“ tanzt

Eine Annäherung an das Weiche im Rauen

„And they hide their faces
And they hide their eyes
'Cause the city's dyin'
And they don't know why“

(Randy Newman, Baltimore, www.youtube.com/watch?v=yhdh8kSM7lY )

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Wilhlem Mundt, "Trashstone", der gar nicht trashig ist, im Skulpturenpark des Tony Cragg

Wuppertal- Nicht(s) über die Wupper

Randy Newman sang Baltimore in Maryland, dieser Stadt mit dem weichen Klangnamen, ein Untergangslied, als diese Stadt tatsächlich drohte an Arbeitslosigkeit und Kriminalität unter zu gehen. - Baltimore lebte weiter und ist heute vitaler den je, auch wenn die Kriminalität immer noch hoch ist.

So einfach sterben traditionelle Großstädte nicht. Sie lassen sich nicht ausknocken, nur weil sich Technik und Gewerbe fast sprunghaft änderten, oder Firmen weg zogen. Gerade stolze Industriestädte machen solche Häutungen häufiger mit. Wer das in Europa sehen will, der fahre einmal nach Cardiff, Glasgow, Liverpool oder ins mittelenglische Birmingham, genannt „Brummie“. - Wenn aber niemanden mehr interessiert, woran Städte und Regionen sterben könnten, und warum es wichtig ist, sich für mehr als nur Geschäfte zu interessieren, um sie wieder zu beleben, geschieht es trotzdem und die Stadt verkommt, selbst im großen Reichtum, zu einem Sammelsurium, zur reinen Siedlung oder Urbanisation.

So weit, wie mit Baltimore, ist es mit Wuppertal, der Stadtschlange im Flusstal, nie gekommen. Auch die anderen bergischen Industriestädten, das klingenschmiedende Solingen, die Maschinenbauer und Werkzeugmacherstadt Remscheid, diesen Konglomeratstädten auf den Hügeln und in den Tälern des bergischen Landes und die übergangslos anschließenden Nachbarkommunen im Ruhrgebiet, stehen heute besser da als noch vor ein zwei Jahrzehnten. - In Wahrheit ist Europa das Stadtland dieser Erde und die Nordrhein-westfälische Industrie- und Gewerberegion einer ihrer Kerne. Zugleich entwickelt sich hier ein Modell an der Realität, weil rechtzeitig nach den Gründen des Stadtuntergangs gesucht wurde und nun die Wiederentdeckung einsetzt. - Die ersten Erfolge sind sichtbar. Die Reise lohnt!

Nun glauben viele Leute, dies läge ausschließlich an einer klugen Industrie- und Gewerbepolitik. Neue Industrien und Dienstleister verdrängten die alten Schlote, Zechen und Kokereien. - Das ist nur ein Teil der Wahrheit. - Das bindende, Menschen anziehende Element, ist die Kultur, und ob es damit gelingt, die Identität einer Stadtlandschaft sichtbar zu machen.

Arbeiten kann man heute an jedem Ort. Die Wirtschaftsförderung ist vielerorts zu einem Konkurrenzinstrument geworden, bei dem öffentliches Geld als eine Art staatlicher Werbungskosten an Unternehmer und Investoren fließt, die solche Mitnahmeeffekte gerne nutzen und, -auch das ist eine Folge des beschleunigten Wirtschaftsgeschehens-, schnell wieder gehen, wenn anderswo für sie neue Zulagen, von Amts wegen, winken.

Wuppertal ist seit Jahrzehnten aber auch die Stadt Pina Bauschs, die, 1940 in Solingen geboren, 2009 hier starb. Ihr Name wird mit Wuppertal ewig verbunden bleiben, denn ihre Auffassung vom Ballett als „Tanztheater“ prägt weiterhin diese Kunstrichtung, nicht nur in Deutschland. Tanztheater meint, dass die Choreografie eine moderne und psychologisch tiefe Geschichte erzählen kann. Das ist eine Befreiung aus zu eng gewählten, klassischen Repertoires und Themen.

Selbst wenn sie nicht mehr ist, so hat ihr doch Wim Wenders in 3-D, durch den gefilmten Tanz ein adäquates Denkmal geschaffen. Das ist verdient und so anrührend, wie die Stücke der Choreografin.

Für die Stadt bleibt das Schweben ein ewiges Thema, denn es fährt die Schwebebahn tagein, tagaus, die Elektomotoren summen und brummen, die Bahnen jagen mit Tempo und Neigung weiter in die Kurve, und jedes Theaterjahr tanzt das Ballett mit neuen Ideen in ihrem Sinne weiter.

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Schwebebahn schwebt nicht!

Zugegeben, als ich das erste Mal in Wuppertal war, da kam mir die Schwebebahn wie ein reichlich rumpelndes Monstrum vor. Fuhr man mit ihr ein paar Haltestellen, dann ruckelte und schuckelte es einen gewaltig durch. Die Seitenneigung der Fahrzeuge in den Kurven ließ befürchten, es müsse unweigerlich einen fatalen Zusammenstoß mit dem Gegenverkehr geben, zumindest würde der hin-und her schwankende Passagier bald längs hinschlagen. - Einmal soll sogar ein Elefant aus der Schwebebahn in die Wupper gefallen sein! - Die Bahn entsprach also sehr wenig dem leichten und luftigen Wort, so wie der Name Schmetterling dem Tier, das besser Lindling hieße (Lindling und Schmetterwurm, Michael Ende), nicht recht angemessen ist.

Das Schweben fand keine Entsprechung in den massiven, geschraubten und genieteten Stahlträgern, die als gigantische Bügel die Straßen und vor allem die krank wirkende, dreckige und eingepferchte Wupper überspannten. - Wuppertals Stadtbahn ist auch heute noch ein eisernes Paradox, eine schwebende Schwere!

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Keine Sorge, die Schwebebahn wurde modernisiert, wurde leiser, wurde komfortabler und die Wupper dazu auch noch viel sauberer. Wiewohl sich an so manchem Uferstück immer noch kleine wilde Müllkippen und der Rattenstaat halten und ab und an ein Rohr in den Fluß ragt, von dem ich nicht wissen will was da an grauen Nebeltagen heraus läuft, kann man dort spazieren gehen.

Das Gelände unter der Schwebebahn, die Uferstrecke entlang des Flusses, bleibt ein schwer bespielbarer Bezirk. Aber die Stadt von Friedrich Engels, geboren in Barmen, und Johannes Rau, geboren in Elberfeld, gibt sich alle erdenkliche Mühe das zu ändern. - Heute geht es darum, die industrietechnische Monsterschlange auf Stahlstützen an jenen Stellen zu erhalten, die noch ein wenig wie ein Damals wirken, zum Beispiel an der Station Werther Brücke. Die Schwebebahn ist einmalig und das zieht Gäste aus der ganzen Welt an. Gelingt es der Stadt gar, die hängende Straßenbahn auszubauen, daran arbeiten die Wuppertaler, dann wäre das ein Zeichen weit in die Zukunft hinein.

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Direkt an der Wupper steht das Stammhaus des pharmazeutischen Teils der Bayer AG. Aus der Fabrik in Elberfeld, heute ein Stadtteil Wuppertals, traten das Aspirin, die Acetylsalicylsäure, das Prontosil, ein Sulfonamid, als erstes, gegen fast alle Bakterien und auch gegen Parasiten, wie Würmer oder Toxoplasmen (parasitäre Einzeller) wirksames Medikament, und das später fragwürdige Heroin, als Schmerzstiller und Stimmungsaufheller, ihren Weg in die Welt an. - Bayer baut derzeit seine Forschungseinrichtungen in der Stadt weiter aus. Das passt auch zur Hochschule, die als Gesamthochschule in brutalistischen und funktionalen Bauten am Hügel über der Stadt thront und heute Bergische Universität heißt.

Während der Stadtkern in Elberfeld fast wieder ein großstädisches Gepräge hat, kämpft Oberbarmen, -das Ostende der Schwebebahn liegt dort-, noch gewaltig, mit den vielen, wild strukturierten Gewerbe und Brachflächen rund um den Bahnhof, und dem doch sehr abgelebten Charme der alten Fußgängerzone. Im engen Stadttal fallen auch heute noch die Flachdachwüsten mancher Läger und Fabrikhallen auf, und leider haben auch die große neuen Einzelhandelshäuser der Republik dort nicht besser gebaut.

Mitten in der Stadt, in nächster Nähe zur Schwebebahn und zum Hauptbahnhof, hat das Wuppertal-Institut einen passenden Platz gefunden. Es gehört mit zu den ältesten Einrichtungen, die in Deutschland systematisch Umweltforschung und Technikfolgenabschätzung betreiben. Trendsetter war es 1981 und heute ist es fest etabliert, sowie weltweit vernetzt. Schön sind die Bauten nicht, sogar unscheinbar. Aber dafür wird hier in die Zukunft gedacht und Nachhaltigkeit kein Wort, mit dem niemand etwas anzufangen weiß.

Tanz der Skulpturen

Wim Wenders lässt in Pina-3D („Pina-Ein Film für Pina Bausch“) das Ensemble an Orten im Ruhrgebiet, z.B. auf dem Gelände der Zeche Zollverein und in Wuppertal tanzen, schreiten, sprechende Blicke senden und manchmal nur in die Landschaft schauen.

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Tony Cragg, Good face, dahinter Reclination

In Wuppertal nutzte der Regisseur einen erstaunlich kleinen Bau, der aber viel größer wirkt, weil er praktisch nur aus Glaswänden zwischen Stahlträgern besteht. Er befindet sich auf dem Gelände des Skulpturenparks Villa Waldfrieden.

Dort, am südlichen Talhang der Wupper, ziemlich genau auf der Grenze zwischen den Stadtteilen Barmen und Elberfeld, steht die, schon für sich interessante, ehemalige Villa Kurt Herberts´, mitterweile gut eingewachsen, in einem weitläufigen und hügeligen Parkgelände mit hochgewachsenen Buchenbeständen. Der britische Plastiker Anthony Cragg, kaufte 2005 das Haus Waldfrieden des 1989 verstorbenen Lackfabrikanten, samt dem dazu gehörigen Parkareal.

Seither gestaltet er, mit der eigens gegründeten Stiftung, das Gelände systematisch zu einem Austellungsort für seine Großplastiken und die Werke anderer Künstler um. Die Villa wurde zudem Veranstaltungsort für Musik (freie Improvisation, Jazz, Klangkunst und Weltmusik) und Tagungen. Für witterungsempfindliche Arbeiten bekam der Skulpturenpark jene kleine, feine Ergänzung, den gläsernen Schaukasten. - Schade, dass dort nicht jeden Tag getanzt wird! Es entspräche sicher den Intentionen des ehemaligen Besitzers, der seine nebenan stehende Villa, 1946-1949, nach Ideen und Vorstellungen der Anthroposophie, von dem Maler und Architekten Franz Krause bauen lies. - Innen und außen herrschen die Rundungen.

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Franz Krause, Villa Herbert, 1946-1949

Zwischen dem alten Villenbau und dem Glashaus steht Thomas Schüttes „Vater Staat“, eine monumentale Bronzeplastik. Obwohl der wohl bekannteste lebende deutsche Bildhauer und Plastiker keine politische Kunst schaffen will, regt die strenge und enigmatische Figur doch zu starken Gedanken an.

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Sicher haben dem seit über 30 Jahren in Wuppertal lebenden Anthony Cragg auch noch ein paar Sponsoren geholfen, die sich nun in der Cragg-Foundation zusammen finden. Über die Düsseldorfer Kunstakademie, deren Rektor Cragg ist, wird er die entsprechenden Kontakte zur politischen Spitze des Landes, zu Wirtschaftsleuten der Region und zur Kulturstiftung NRW bekommen haben. Aber eines ist sicher: Sein Skulpturenpark, das Geschenk eines Neuwuppertalers, macht ihn zum Teil der neuen Stadtkultur und Wuppertal auf ewig, mindestens zu seiner zweiten Heimat. - Das ist gut so!

Christoph Leusch

PS:

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Zum Zeitpunkt meines Besuchs, stellte die Stiftung gerade Werke des Schweizers Tinguely aus. Der hatte sich auf eine sehr witzige Art seine ganz eigenen Portraits, z.B. von Friedrich Engels oder Martin Heidegger geschaffen, und, als Hommage an seinen verstorbenen Freund Yves Klein, die „Derniére Collaboration avec Yves Klein“ zusammen gebaut. Alle Werke stammen aus der Spätphase seines Schaffens, zwischen 1987 und 1990. - Jean Tinguely starb 1991. Fotos dazu auf meiner Webseite.

Ein paar Links:

1

www.skulpturenpark-waldfrieden.de/

Haus Waldfrieden: Die umfassende Webseite der Stiftung Tony Craggs, auf der vor allem auch die Interieurs der Villa fotografisch gut dokumentiert sind. Hier alles Wissenswerte zu den Besuchsmöglichkeiten. Schlecht ist das Layout, weil es einen falschen Eindruck von der Farbigkeit der Skulpturen erzeugt. Die Lese-Ergonomie der Seite ist mies, ein völliger Murks.

2

Eine Freak-Seite für absolute Schwebebahn-Fans, im Stile des bergischen Internet-Barocks, und dazu ein Sammelsurium für Bahn-Enthusiasten. Das Portal führt über die Links zu Liebhabern und Historikern Wuppertals und seiner Schwebebahn, von skuril bis penibel genau.

www.schwebebahn-wtal.de/

3

Die Stadtwerke Wuppertal betreiben ein offizielles Portal zur Schwebebahn. Es sieht dezenter aus, als die vorherige Empfehlung, hat aber ein unsinniges Intro, das sich hoffentlich mit diesem Link überspringen lässt. Sonst muss man auf „Skip intro“ (sic!) klicken.

www.schwebebahn.de/html/fs_start.htm

Leider ist die informative Seite selbst nicht nutzerfreundlich. Von „Less is more“, keine Spur!

4

Zu „Tony“ Cragg:

Hier geht es zu den frei zugänglichen Abbildungen seines Werks und ein paar Portaits des Künstlers. Ich finde verblüffend, dass seine Arbeiten, trotz der Vielfalt, eine Handschrift zeigen.

Das kommt wohl von den vielen verdrehten Kordel- und Seilknoten, die Cragg während eines frühen, selbstgewählten zweijährigen Sabbaticals produziert haben soll. Den Rest und erläuternde Texte, kann sich jeder selbst suchen:

www.google.de/search?q=Tony+Cragg&;;;;hl=de&client=firefox-a&hs=cSS&rls=org.mozilla:de:official&prmd=ivnso&tbm=isch&tbo=u&source=univ&sa=X&ei=74f-Tbm4Eob4sgbeo73yDQ&ved=0CDYQsAQ&biw=954&bih=589

5

Ein paar mehr Fotos zum Text:

haendlerundheldenmbh.blogspot.com/2011/06/schwebebahn-und-waldfrieden.html

18:01 20.06.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Columbus

Profil nicht mehr nötig. Alles Gute, der dFC und dem dF.
Columbus

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