Costa Esmeralda
05.01.2013 | 14:13 50

Offener Brief an Jakob Augstein

"El Condor pasa" Vorschlag an Jakob Augstein und die "der Freitag"-Community zur Herausgabe einer Monatszeitschrift "El Condor pasa" als Print-Beilage zur Wochenzeitschrift

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Costa Esmeralda

Lieber Herr Jakob Augstein,

ich habe mir erlaubt, eine Antwort auf das Salon-Gespräch mit Oskar Negt hier noch einmal als eigenständigen Beitrag aufzugreifen, um den Vorschlag einer Monatszeitschrift mit dem vorgeschlagenen Titel "El Condor pasa" und dem vorgeschlagenen Untertitel "Monatszeitschrift für deutsche und europäische Identitätsstiftung" als Print-Beilage des "der Freitag" der Community vorzustellen, die diese Monatszeitschrift als ihr ureigenes Projekt gestalten sollte.

Offener Brief an Jakob Augstein:

Erst einmal Dank für die Übermittlung des Gespräches mit Oskar Negt! Er hat mir seit den 68er Tagen, ich war damals junger Student, einiges an Erkenntnis gegeben; dafür auch Dank an ihn zurück nach 45 Jahren. Ich bin positiv überrascht, dass er wie Wenige seine Unabhängigkeit im Denken und vor allem seinen Willen zur gesellschaftlichen Veränderung aufrecht erhalten hat.

Was Europa und die europäische Identitätsstiftung anbelangt, so bin ich auch der Meinung, dass diese eine herausragende politische Aufgabe unserer Zeit ist, in der sich die Welt in kontinentale Blöcke aufteilt, die um Einfluss und auch Überleben wettstreiten. Europa ist ein ganz besonderer Kontinent, der in Gefahr gerät, politisch und wirtschaftlich unter die Räder zu kommen, und damit auch die europäische einzigartige Kultur, der die gesamte Menschheit viel zu verdanken hat. Als Deutscher, seit Jahrzehnten im aussereuropäischen Ausland lebend, sehe ich mit äusserster Besorgnis, wie unsere mediokre Seilschaften-Republik mit Frau Merkel an der Spitze, dieses Europa mit Elefantenschritten (besser gesagt mit dem Merkelschen Totspardiktat) "durchpflügt" und eine gemeinsame Identitätsstiftung der europäischen Länder dem Herrschaftsanspruch der deutschen wirtschaftlichen Seilschaften opfert. Der deutsche Bürger, wie auch der Bürger unserer europäischen Nachbarländer, wird seine politische, wirtschaftliche und kulturelle Identität in Zukunft nur bewahren können, wenn es gelingt, die "Nationen-Bildung" (nation building) in Deutschland und den anderen Ländern zu vertiefen und darüber hinaus die europäische "Nationen-Bildung" in Angriff zu nehmen. Vor allem die deutsche Nationen-Bildung ist keineswegs abgeschlossen, weder politisch, ökonomisch noch kulturell; und wird es auch nicht, solange der Charakter unserer Seilschaften-Republik durch die Herrschaftsansprüche von hinter den Bundestagsparteien stehenden wirtschaftlichen Seilschaften bestimmt bleibt. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Bürger sind zumindest politisch und wirtschaftlich vom nationalen Identitätsbildungs-Prozess ausgeschlossen. Und grosse Teile unserer kulturellen Elite unterwerfen sich "freiwillig" dem Herschaftsanspruch der Seilschaften, um ihr materielles Lebensniveau nicht infrage zu stellen. Was für Deutschland und Europa, aber auch für die Welt, auf der Strecke bleibt, ist die erfolgreiche Fortsetzung der vor 250 Jahren begonnenen Aufklärung mit ihren Idealen, die wir alle im Munde führen, aber nicht in die Tat umsetzen, insbesondere der Schaffung eines Humanismus, der weit über Sozialismus und Kapitalismus hinausführt.

Nach langer Vorrede nun zum konkreten Vorschlag an "den Freitag":

Seit einigen Monaten trage ich die Idee mit mir herum, es müsste so etwas wie eine unabhängige, von der dFC selbst geschaffene, Monatszeitschrift als vierseitige Beilage zur Print Ausgabe erscheinen, die mögliche gesellschaftliche Systemänderungen und nationale und europäische Identitätsstiftung diskutiert und einem breitmöglichsten Publikum kostenlos zur Verfügung stellt.

Wie könnte das konkret aussehen?

Ich kann mir vier Themenbereiche auf vier Seiten (zu Beginn der Zeitschrift) vorstellen: 1. gesellschaftliche Systemanalyse, 2. Reform des gesellschaftlichen Systems, 3. gesellschaftliche Utopie und 4. Kultur.

Vorgeschlagener Titel: "El Condor pasa". Warum dieser Titel? Er assoziiert, der indianischen Mythologie der Anden entsprechend, den Freiheitsgedanken, das "Fliegen" in eine bessere Zukunft.

Vorgeschlagener Untertitel: "Monatszeitschrift für deutsche und europäische Identitätsstiftung"

Erstellung: Eine freiwillige Gruppe von dFC (etwa fünf) checken 20 Tage im Monat Vorschläge für die Publikation in den vier genannten Bereichen durch und stellen diese dann in den restlichen 10 Tagen als endgültigen Druckvorschlag zusammen (das geschieht kostenlos über Internetaustausch). Die Monatsbeilage von anfangs vier Seiten (bei Bedarf kann sie entsprechend erweitert werden) wird mit der vierten Wochenausgabe von "der Freitag" verteilt. Eventuell könnte man an einen geringen Kostenaufschlag denken (Papier und Druckkosten). Alle in der Community sind zur aktiven Mitarbeit aufgerufen. Die Monatszeitschrift sollte ihr kollektives Werk sein und so eine Wirkung aus der Community heraus in die Zivilgesellschaft möglich machen. Die dahintersteckende Zielvorstellung, aus der Mediokrität des gesellschaftlichen "Status quo" in Deutschland und Europa herauszukommen, wäre für die Community so etwas wie "Vom Wort zur Tat schreiten".

Verbreitung: Alle Community-Mitglieder wären aufgerufen, für kostenlosen Nachdruck und Verbreitung der Monatszeitschrift in alternativen Publikationen zu werben, bspw. in Universitäten, Gymnasien, Gewerkschafts- und Statteilzeitungen, usw. usf. Vor allem sollte durch eine "allgemein verständliche, nicht elitäre, Sprache" dafür geworben werden, dass auch die immer grösser werdende Gemeinde der "sozial Ausgegrenzten" in die Diskussion einbezogen wird. Für den Freitag sehe ich auch finanzielle Vorteile, wenn sich dadurch die Wochenzeitschrift mit der Monatszeitschrift als Wortführer im deutschen und europäischen Identitätsstiftungsprozess qualifiziert.

Dieses in aller Kürze zum deutschen - europäischen Projekt einer Überwindung der aktuellen gesellschaftlichen Situation, die durch unsere Seilschaften aus Selbsterhaltungsgründen nicht geleistet werden wird. Wir Unabhängigen der Zivilgesellschaft sollten uns jedoch dem Herrschaftsanspruch der Seilschaften verweigern, uns selbst "Flügel der Freiheit" verleihen und dort am Humanismus weiterarbeiten, wo er durch Sozialismus und Kapitalismus gestutzt wurde.

Liebe Grüsse aus Panamá, CE

Ziel der Monatszeitschrift "El Condor pasa" als Print-Beilage von dF: Zeitschrift für Gesellschafts-Reform und deutsche und europäische Identitätsstiftung

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (50)

Costa Esmeralda 05.01.2013 | 22:16

Danke Poor,

mal sehen, was JA dazu sagt. Es wäre doch etwas, wenn wir über die dFC hinaus praktisch etwas auf die Beine stellen können. Viele hier kritisieren unsere Zustände, mit Recht und mit Verstand und wären hilfreich, dieses Wissen und Erkenntnis einem grösseres Publikum weiterzugeben. Und da denke ich besonders an die Jugend, an die Ausgeschlossenen, die geistige Nahrung benötigen und auch Ermutigung zum Handeln.

Dir ein Frohes Neues Jahr mit Gesundheit und Schwung!

LG, CE

JR's China Blog 06.01.2013 | 08:24

Bezug: die unter "Salon": Oskar Negt begonnene Diskussion.

@ Pleifel / @ Costa

Gewalt ist - manchmal - die Folge von Unrecht, Pleifel. Aber nicht nur staatliche Gewalt kann Unrecht sein, sondern auch Gegengewalt. Ich verstehe, dass Sie Gewalt nicht befürworten. Soweit kein Missverständnis, und keine Differenz zwischen uns. Aber ebenso wie diejenigen, die den Staat "durch die Institutionen verändern" wollten, werden auch diejenigen, welche die "Gegengewalt" anführen, zunehmend zur Selbstherrlichkeit tendieren. Daraus wird keine "Gegengewalt" in dem Sinne, dass sie ein Gegengewicht - und damit mehr Gerechtigkeit - schaffen würde. Darum bin ich nicht nur gegen Gewalt gegen Menschen, sondern ich traue ihr auch keinen auch nur marginalen Nutzen zu.

Ich misstraue dem Zorn, weil er sich - auch auf diesen Seiten - häufig an Dingen festmacht, die mit unserem Land herzlich wenig zu tun haben. Zorn wird gerne projiziert. Vergleichen Sie einmal, wie viele Beiträge und Kommentare die - haltlosen und schlampig zusammengestellten - Vorwürfe des "Simon-Wiesenthal-Centers" gegen Jakob Augstein generiert haben, und wie viele sich zum Beispiel dafür interessieren, was die eigentlich geschrieben haben (danach hätte man eigentlich nur noch lachen müssen), wie häufig das "SWC" in Los Angeles (anscheinend) mit dem Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes in Wien gleichgesetzt wurde, wie wenig man sich für die Definition eines hegemonialen "Maulkorbs" interessiert, wenn man über den Vorwurf des Antisemtismus einmal hinausgeht, und wie wenig Interesse Steve Roses Bericht über Hausbesetzungen (und ihre Kriminalisierung) auf der anderen Seite des englischen Kanals gefunden hat (null Kommentare).

Selbst wenn wir Wut als "blind" und Zorn als "verständig" bezeichnen wollten (ich bin skeptisch, dass das gute Definitionen sind), überwiegt in den Äußerungen m. E. eher die Wut. Zorn ist auch dann deutlich wahrnehmbar, aber die blinde Wut ist groß genug, um sie als Bedrohung für den Humanismus wahrzunehmen, von der Costa geschrieben hat, und auf den sich, meiner Wahrnehmung nach und aus einer vielleicht anderen Weltsicht, auch Delloc einmal bezogen hat:

"Die Qualität aller organischen Kommunikationen hängt nicht von der intellektuellen Plausibilität des funktionalen Entwurfs ab, sondern liegt allein im wohlwollenden Umgang aller Beteiligten.

"Wenn der Wille zu einer gerechten Gesellschaft beginnt, "Koalitonen" mit denen zu bilden, denen dieses Wohlwollen fehlt, ist das, was dieser Wille anstrebt, für mich nicht besser als der Status Quo - nur anders. Unter diesen Umständen passiert vielleicht genau das, was Sie - nach meiner Wahrnehmung - befürchten: dass eine Mehrheit mit annehmbarer Politik von der politischen Klasse (wieder) kooptiert wird, während die politische Klasse und die Mehrheit sich ein Ei auf diejenigen pellen, die dann immer noch auf der Strecke bleiben.

Darum glaube ich, dass Wut (und vermutlich auch Zorn) nicht nachhaltig sind. Es geht zu sehr um das eigene Fressen, und zu wenig um das der "anderen".

JR's China Blog 06.01.2013 | 10:52

No se si tenemos esperar al Senor Augstein - si podemos escribir algo a la manera que Costa propone, tenemos que creer un blog nosotros mismos.

Ich glaube, das wäre auch entlang der Linie, wie sie hier von Mopperkop re Augstein dargestellt wurde. Ob wir dann wirklich nur "Resonanzverstärker" sind, oder wirklich eine Art Traktion entwickeln, hängt (auch) von uns ab.

Wie wäre es mit Wordpress? Daraus lässt sich auch optisch eine Menge machen. Ein Vorteil: es bestünde keine ausführliche Impressumspflicht, soweit es sich um wordpress.com als Plattform handelt.

Und verweisen können wir darauf immer mal wieder von der FC aus. Und umgekehrt.

pleifel 06.01.2013 | 14:15

Geschätzte Idealisten, werte Systemkritiker,

JA ist gerade dabei, "seinen Freitag" auf eine kleinere Ausgabe zu beschneiden. Ihr Vorschlag Costa Esmeralda wird da auf wenig fruchtbaren Boden fallen. Sollte es anders sein, würde es mich schon sehr überraschen. Die Realisierung ihres Vorschlags hängt also momentan voll von JA ab!

Andererseits ist ihr Vorschlag zum strukturierteren Vorgehen mit Übergang zur Praxis ein beachtenswerter Vorschlag.

Ich bin es aus meiner Berufsarbeit gewohnt, die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten, also z.B. die Schwachstellen zu analysieren oder die noch nicht gesehenen Perspektiven zu beleuchten/ aufzuzeigen.

1. Es gibt bereits viele Bewegungen/ Aktionen in Deutschland, von denen wir sicher nur einen kleineren Teil kennen. Ich möchte nur stellvertretend dafür auf die Nachdenkseiten verweisen, die auf ihren Seiten eine nach Postleitzahlen sortierte Liste führt, die alle Arbeitskreise enthält. Hier hat sich bereits etwas in Bewegung gesetzt, wo man sich mit einbringen könnte. Zumal die Nachdenkseiten bereits einen größeren Bekanntheitsgrad haben und eine Organisation vorhanden ist. Da ich in der Eifel wohne, möchte ich mir die Umsetzung des AK zunächst in Bonn anschauen.

2. Ohne bekannte Persönlichkeiten, ohne Einbindung einer größeren Organisation, wird es bei einem frustrierenden Erlebnis bleiben, wo man sich letztlich doch wieder mit sich selbst beschäftigen wird.

3. Wieviele FC-Mitglider bloggen überhaupt im Forum und wieviele davon würden sich beteiligen?

4. Ist man überhaupt bereit, Zeit und Geld für diesen Versuch aufzubringen? Es ist eines, am BS zu sitzen und zu schreiben, als sich aufzumachen und z.B. tagelang in D. unterwegs zu sein.

5. Wenn wir schon auf Breitenwirkung mit Einfluss aus sind, sollten wir das wichtigste Medium berücksichtigen, nämlich immer noch das Fernsehen. JA ist bereits mit seiner "Muppet-Show "Augstein und Blome" auf dem Sender. Hier wäre möglicherweise ein Ansatz, mit Ausweitung von Sendezeit eine größere Breitenwirkung mit anderen Inhalten und Konzepten zu erzielen.
Ich verstehe übrigens bis heute nicht, warum die Großorganisationen der Gewerkschaften das bis heute noch nicht auf die Reihe bekommen haben! Es müsste doch möglich sein, im TV ein Zeitfenster in der "Primetime" zu bekommen, wo ihre Ideen Costa Esmeralda realisiert werden könnten.

Mein konkreter Vorschlag wäre: Verbinden der kritischen Bewegungen/ Organisationen in Deutschland, um in der Angelegenheit zügig voranzukommen.



Costa Esmeralda 06.01.2013 | 16:35

Lieber Georg, gottseidank ist mir das Träumen aber auch das Handeln bisher nicht abhanden gekommen. Das liegt wohl an jahrzehntelanger Übung und der Verhinderung des Abrutschens in Zynismus und des passiven Sicheinfindens. Wenn man mit Erfolg die Anfeindungen und materielle Bestrafung des gesellschaftlichen Systems übersteht, wird man widerstandsfähig. Meine Kinder, meine Enkelkinder, Deutschland, Europa und die Welt sind mir Träumen und Handeln allemal wert. Grosse Worte, wirst Du sagen, vielleicht auch Don Quichotte-Verhalten. Aber wenn es denn so wäre, würden die Menschheit heute noch in Jäger- und Sammler-Gesellschaften leben. Letztes Beispiel: An die Wiedervereinigung hat so schnell keiner geglaubt, ebenso an den Zusammenbruch des Sozialismus. Jetzt sollten wir daran gehen, dem Kapitalismus, so wie er sich heute geriert, den Garaus zu bereiten und zu mehr gemeinwirtschaftlicher Produktion zu kommen.

Der Kapitalismus macht es uns jedenfalls vor: Träumen von noch mehr Akkumulation auf Kosten der Mehrheit und dann auch knallhart handeln. Warum können wir nicht von Humanismus und Realisierung der Aufklärung träumen und dann auch knallhart handeln?

Nicht zu vergessen: Frohes Neues Jahr!

Costa Esmeralda 06.01.2013 | 18:03

@POOR ON RUHR

@JR'S CHINA BLOG

@PLEIFEL

@TLACUACHE

@GEORG VON GROTE

Ich versuche, einmal auf alle gemeinsam zu antworten.

Die Idee zur Monatszeitschrift beruht auf Folgendem:

1. Die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland verlangen eine Korrektur. Über diese Notwendigkeit sind wir wohl alle einer Meinung.

2. Der Widerstand gegen, ich sage einmal bewusst, "Seilschaften- Republik" und "BT-Parteien-Diktatur" ist bisher zersplittert und ohne konkrete, wirksame Folgen, und das, obwohl wir heute das Internet zur Herstellung von Kommunikation unter Gleichgesinnten zur Verfügung haben. Deutschland übt als europäische Hegemonialmacht wieder einmal in der Geschichte, wenn auch mit "Samthandschuhen", eine verheerende, Herrschaft gebietende Rolle in Europa aus, die über den Weltmarkt auch auf andere Kontinente rücksichtslos einwirkt, vor allem dank Mme Merkel, die den Träumen der deutschen Plutokraten Flügel verleiht.

3. Warum ist der Widerstand zersplittert und wirkungslos? Bisher sehen wir durch die Schaffung des Billiglohnlandes Deutschland eine Zerschlagung des deutschen "social capital", oder sozialen Koherenz der verschiedenen sozialen Gruppen innerhalb der "Sozialen Marktwirtschaft" in der Weise, dass wir erst bei ungefähr 30% "Armen" angelangt sind, die bisher durch allerlei soziale Massnahmen ruhig gestellt werden und die Seilschaften-Republik noch nicht infrage stellen. Innerhalb der Mittelschicht beginnen sich die Jüngeren zu formieren (Piraten und verschiedenste Diskussionszusammenhänge). Aber auch deren Widerstandspotiential als homogene soziale Gruppe ist bisher gering. Was machen die "intellektuellen Kleinbürger"? Sie lehnen sich mehrheitlich zurück und ruhen sich auf finanziellen Polstern aus. Das "radikale" Wort genügt ihnen, denn die Tat würde sie den Seilschaften suspekt machen, und sie fürchten deren Keule. Und doch sind es gerade diese "intellektuellen Kleinbürger", die im Kontext des Widerstandes eine wichtige Rolle bei der Systemanalyse, der Ausarbeitung von Änderungsvorschlägen des Systems, der Formulierung von Utopie und der Einbettung in die Kultur spielen müssten. Ich hatte geglaubt, aus der Ferne in Panamá und nach jahrzehntelanger Abwesenheit in aussereuropäischen Realitäten (mit Ausnahme von Balkan), bei der nächsten Wahl könnten Unabhängige aus dieser "Intellektuellen-Schicht" antreten und mit Hilfe der von den Seilschaften Ausgeschlossenen wenigstens einige BT-Mandate auf direktem Wege erringen. Über diese Unabhängigen hätten, internetmässig, die Bürger direkten Zugang zum BT, um den Altparteien das "Fürchten" zu lehren und eine breite ausserparlamentarische Opposition direkt in die Reform unseres gesellschaftlichen Systems einzubinden. Ich wurde eines Besseren belehrt. "Progessive Unabhängige", die doch massenhaft unsere Unterstützung bekommen könnten, machen sich nicht auf den Weg. Bleiben die Piraten, die bisher auf die Erfahrung und das Wissen der "kleinbürgerlichen Intellektuellen" (bspw. der dF-Blogger) verzichten müssen.

4. Das Fehlen einer mehr oder weniger homogenen ausserparlamentarischen Bewegung liegt u. a. im Fehlen von Medien der Meinungsführerschaft (in Presse und TV), die Aufklärung und Synthese von Widerstand bewirken könnten. Deshalb meine Idee der Monatszeitschrift. Ich lasse hier einmal das Fernsehen ausser Betracht, da mir ein dortiger Einstieg, bis auf die eine oder andere Sendung, grosszügig genehmigt, äusserst schwierig erscheint. Eine Zeitschrift, online und print, müsste prinzipiell offen sein, eine "Marke" haben, und "universell" und kostenlos verbreitet werden, und zwar vornehmlich dort, wo ein Widerstand gegen das Seilschaften-System zu erwarten ist, d. h. bei den am gesellschaftlichen Entscheidungsprozess "Ausgeschlossenen", mehrheitlich bei den Jugendlichen. In einem solchen Presse-Organ müsste Aufklärung und Diskussion über praktischen Widerstand Hand in Hand diskutiert werden, in allgemein verständlicher Form und so, dass sich niemand ausgegrenzt fühlt. Ein solches Organ müsste Identifikation und Hoffnung ermöglichen können, um die Basis für eine Bewegung zu werden. Vor allem die Mitarbeiter, Verantwortlichen dieses Organs sollten "vorbildlich", d. h. solidarisch und ohne Macho-Gehabe, im umfassenden Sinne sein. Alle bisherigen Zirkel von denen Pleifel spricht, sollten mit eingebunden werden, z. B auch Vereine wie "Mehr Demokratie" u. a. Die Piraten könnten und sollten ebenfalls von dieser Monatszeitschrift profitieren.

5. Wenn JA, aus welchen Gründen auch immer, auf ein solches "Experiment" nicht eingeht, obwohl das schade wäre und dem dF sicher auch finanziell zugute käme, sollten wir uns Alternativen überlegen, wie JR'S bereits vorgeschlagen hat. Schade insoweit, als wir dann keine Print-Ausgabe verbreiten könnten, was enorme Vorteile hätte. Allerdings könnten und sollten alternative Zirkel animiert werden, Nachdrucke in Form von Flugblättern zu gestalten und an Unis, Schulen, in Stadtteilen und selbst Betrieben vertreiben.

Ich will meinen Beitrag erst einmal hier abbrechen. Schreibt mir, was Ihr denkt.

Mit lieben Grüssen an Euch alle, CE

PS: Ich könnte mir auch vorstellen, dass wir bei der Europäischen Kommission ein solches Projekt zur finanziellen Unterstützung beantragen könnten, da es ganz besonders dem nationalen und europäischen Identitätsstiftungs-Gedanken verpflichtet wäre.

Costa Esmeralda 06.01.2013 | 18:26

Lieber JR'S

habe mal bei dem Mopperkopp-Link nachgeschaut. Ich kannte diese Diskussion JA versus Blogger nicht.

Allerdings ist die Frage wichtig, wir wir als Community in die Gesellschaft hinein wirken können. Und deshalb ja auch mein Vorschlag.

Auch Deine Alternative sollte diskutiert werden. Wir können uns selbstverständlich von dem guten Willen von JA nicht abhängig machen lassen, wie ich bereits erwähnte.

LG, CE

JR's China Blog 06.01.2013 | 20:13

Mopperkopp nimmt als Blogger Anstoß an Augsteins Mediensicht; Schrupp als Feministin - wobei Schrupp zu Recht anmerkt, dass eine Tide nicht unbedingt als große Welle daherkommt (in meinen Worten, nicht in ihren), und von daher unter Umständen vom Establishment so lange ignoriert wird, bis die Etablierten nasse Füße kriegen.

Ebenfalls ein Vertreter der etablierten Medien, Deutsche-Welle-Intendant Erik Bettermann, scheint desillusioniert zu sein, was den Wirkungsgrad des bloggenden Internets in den Zielgebieten seines Auslandssenders angeht, von denen man dachte - oder denkt -, dass sie dort befreiend-revolutionär wirken könnten.

Inzwischen hat Bettermanns Begeisterung fürs Blogging und "social networking" anscheinend etwas nachgelassen, wobei das kalkuliert sein mag. Sein Sender soll schließlich die Deutungshoheit behalten - als Scout im Informationsdschungel. Im Grunde ein Dogma, das Augsteins zu ähneln scheint.

Und dann die Frage der Sachorientierung. Deutsche Welle, Spiegel Online usw. deuten die Welt vom mitteleuropäischen Bauchnabel aus, ob es um Libyen, Syrien, China oder Iran geht. SPON glaubt sogar, Signale für eine ganz große deutsche Rolle in der Liberalisierung Nordkoreas ausgemacht zu haben. CNN wittert dort so oder so revolutionäre Umbrüche, und zwei Akademiker amüsieren sich darüber.

Für mich ist letztere akademische "Polemik" bisher das einzig Gescheite, was ich zum Thema gelesen zu haben glaube. Nur: es ist ein langer Post mit vielen Insiderhinweisen, der viel Bereitschaft zum Sich-Einlesen voraussetzt. Und bei seinem Erscheinen war längst eine neue Sau im Dorf unterwegs.

Das ist auch ein (oder mein) Problem mit den "Nachdenkseiten". Sie treten mir jedenfalls mit einem strengen Gesichtsausdruck gegenüber und sagen mir: "Du hast noch viel zu lernen!" Ihr auch, denke ich dann nach, und: viel Erfolg dabei.

In dem Punkt scheint mir Augstein recht zu haben - auch wenn ich seinen diesbezüglichen Post inzwischen für einen Teil seiner von Mopperkopp kritisierten Gesamtsicht halte. Und natürlich fehlt dem "Freitag" oft die sachliche Tiefe, welche die Nachdenkseiten auf ihre Weise haben.

Würden sie jetzt noch in einer Form schreiben wie der Ökonom-Blogger Michael Pettis, den ich dem Thread dort anzuhelfen versuchte, wären sie für mich lesbarer.

Wir müssten - egal ob per Blog, TV usw. - unterhaltend sein, ohne unsere zu Beginn kaum vorhandene Relevanz zu untergraben. Aber unterhalten und belangreiche Sachen diskutieren muss sich nicht ausschließen. Vor allem aber lässt sich in einem Blog ausprobieren, welche Gemeinsamkeiten wir entwickeln können. Unterschiedlich genug für das Experiment sind wir, glaube ich.

Aber es braucht einen langen Atem. Ich blogge seit demnächst fünf Jahren auf Englisch, und erst in den letzten Jahren werde ich gelegentlich auf "Global Voices", "South China Morning Post" online oder auf akademischen Blogs - flüchtig - zitiert.

Kurz gesagt: es braucht einen langen Atem - einen längeren, als Augstein als kommerzieller Verleger ihn (vermutlich) akzeptieren würde. Den langen Atem - die Bereitschaft zum Aufnehmen, Posten und Kommentieren müssten vor allem erst einmal wir übernehmen. Je mehr von der FC dazu bereit sind, desto besser sind auch die Chancen.

Und dann wird es ganz kritisch: wenn wir von der FC "profitieren" wollen, geht das a) nur in einem ganz bestimmten Format und b) in einer Form, die dem FC als Teil des Freitag nicht schadet. Das heißt: wir müssen uns vom "Boulevard", der dem Freitag vorschwebt, mindestens so unterscheiden wie das Café oder auch die Kneipe, die irgendwo an dem Boulevard ihre Hausnummer hat, sich vom übrigen Boulevard unterscheidet.Darin sehe ich die eigentliche Chance zum sinnvollen Austausch mit der FC, wenn wir diesen Austausch wollen. Ein Blog darf kein Migrationsangebot an die FC, keine Konkurrenz zum Freitag sein - wir brauchen ein paar Standards, die "anders" sind. Das wäre - Erfolg vorausgesetzt - auch der beste Weg, tatsächlich interessant für den Freitag zu werden.Das war jetzt ein großer Kessel Buntes (wer mag, kann es auch unfreundlicher ausdrücken). Zur Auseinandersetzung mit einem Thread, der einen interessiert, gehört auch eine Textdatei, in die man das hineinkopiert, was einem selbst wichtig erscheint. Sonst wird der Thread zu unübersichtlich.

Costa Esmeralda 06.01.2013 | 22:39

Lieber JR'S,

ich habe, wie Du auch schreibst, Ideen, wie wir unabhängig von JA etwas machen können, sollte er nicht einverstanden sein.

Morgen blogge ich hier weiter, wie eine Implementierung des Projektes aussehen könnte. Ich bin mir sicher, mit gutem Willen und vor allem mit einem solidarischen freiwilligen Mitarbeiter-Team, das offen für alle zukünftigen Interessierten bleiben muss, stellen wir etwas auf die Beine. Und wie gesagt, wenn wir beitragen wollen, Identität und gesellschaftliche Wandlung nicht nur in Deutschland sondern auch in Europa zu stiften, und das ist bei der augenblicklichen Sinnkrise unseres Kontinents absolut wichtig, dann müssen wir auch "mehrsprachig" denken.

Auch wenn Du Dich erst Mittwoch wieder hier einklickst, bis dahin: Mach's gut, CE

Costa Esmeralda 08.01.2013 | 19:04

Lieber JR'S,

hoffe, Du bist wieder auf dem Damm.

Heute nacht oder Morgen werde ich die Idee in Offenen Brief II konkretisieren. Und wie Du sicherlich schon ahnst, mir schwebt etwas völlig anderes als "nachdenkseiten" vor. Wichtig ist eine Kerngruppe von Community-Bloggern, die sich nicht mit dem "status quo" abfinden will, und die, bei aller Bescheidenheit, eine Bewegung mit anzuschieben beabsichtigt. Wie gesagt, mit oder ohne JA werden wir etwas bewegen.

Mit lieben Grüssen aus Panamá, CE

silvio spottiswoode 13.01.2013 | 14:21

Verstehe ich das richtig? Es sitzt ein alter Herr in Kolumbien (!) - nicht auf Malle oder Ibiza, nein, in Panama! Der Hauptstadt des weltweiten Drogenhandels - und, und jetzt kommt's, meint er Jetztzeit aber mal den Deutschen ein wenig HUMANISMUS, DEMOKRATIE UND IDENTITAETSSTIFTUNG beibringen. "In Print": weil, man will ja mal endlich was bewegen! Und das Ganze heisst treffenderweise auch noch "El Condor Pasa". Ich lach mich schlapp! Das ist doch alles ein schlechter Witz.

Costa Esmeralda 13.01.2013 | 16:13

Lieber Silvio,

lach Dich nur schlapp, tut gut! Übrigens, Deutscher kann man auf der ganzen Welt sein. Die Zeit von A. v. Humboldt, wo man Monate damit zubrachte, die Ozeane zu überqueren, sind vorbei. Deutschland ist dort, wo sich Menschen mit diesem Land identifizieren.

Und die Stadt Panamá ist nichts gegen Berlin, von wo aus das "Merkelsche TOTSPARDIKTAT" über Europa geschwungen wird. Der Panamá-Kanal-Bau ist jedenfalls mit der Pleite des Hauptstadtsflughafens nicht zu vergleichen.

Dir noch einen schönen Sonntag!

silvio spottiswoode 13.01.2013 | 17:50

Ich will darauf hinaus, dass es in Panama sicher viel zu tun gibt. Um Dinge zu verändern sollte viel eher vor der eigenen Haustür begonnen werden, oder? Der grauenhafte, vielsagende Titel passt da auch besser hin, hat dort also zumindest einen Anflug an positiven Konnotationen. In Deutschland hingegen denkt einer da eher an ihr-Deutschtum-pflegende, kolonialistische Alt-Nazis im Exil. Nomen est Omen.

silvio spottiswoode 13.01.2013 | 21:00

¡Hola, amigos! ¡Perdóneme. Whatever gave me that idea, I wonder? Es stellen sich mir da einfach gewisse Fragen.

Goerge, danke. Wie immer hast Du natürlich vollkommen recht. Panama ist nicht Paraguay, Chile, Peru oder Argentinien. Nur sowas wie ein amerikanischer outpost, umgeben von Kolumbien, Nicaragua und Honduras ...

Also, ich frage mich einfach – wenn wir hier alle schon so schön weltverbesserisch links sind – warum schreibt man dann nicht auch z. B. mal über die FARC oder die krasse Einflussnahme der US-Regierung in Kolumbien? Diese Dinge passieren ja sozusagen direkt vor der Haustür. Da gäbe es garantiert spannendes zu erzählen. Kurz: Warum engagiert man sich nicht für die Menschen, vorort? Warum keine Zeile über die "counterinsurgency strategien" der US-Regierung? Immerhin ist es deren drittgrößter Ausgabeposten; "Military-Aid" / "Entwicklungshilfe" zur Stützung der konservativen Regierung. Und das nicht erst seit gestern.

Diese Dinge wollen sich mir einfach nicht erschliessen. Gelinde gesagt – ganz wertfrei –, es ist nicht stimmig. Ob die Antworten darauf ebenso unsympathisch sind wie der verkitschte Titel? "El Condor Pasa – Over the Cuckoo's Nest ." Aber: Nichts für ungut, man muss sich ja keine unbequemen Fragen stellen, Schuld sind immer die Anderen. Happy sunday und viel Spaß. Best and cheers.

Costa Esmeralda 13.01.2013 | 21:13

Silvio, über die FARC habe ich einmal einen Post losgelassen, im Zusammenhang mit den Verhandlungen. Wird sicher auch in Zukunft mehr kommen. Über Haiti hattest Du meinen direkten Beitrag heute morgen in dF. Über Honduras und Drogen in Mittelamerika sowie den Sozialismus des 21. Jahrhunderts habe ich mich ebenfalls geäussert, trotz der kurzen Zeit, die ich in dF poste. Du wirst also auf dem Laufenden gehalten. Auch in der Zeitschrift, die wir zu gründen beabsichtigen. Und Du wirst da sicher Analogien zwischen deutschen, europäischen und aussereuropäischen gesellschaftlichen Ereignissen finden. Gedulde Dich nur ein wenig. Aber Deine Hinweise nehme ich gern zur Kenntnis. CE

Costa Esmeralda 13.01.2013 | 21:22

Silvio, Zusatz: Auch der Sendero Luminoso und das ehemalige Fujimori-Montesinos-Regime wird ebenfalls in der einen oder anderen Weise zur Sprache kommen. Die gesellschaftlichen revolutionären oder reformerischen Prozesse in der Welt gleichen sich doch überall als Versuche, die Macht der Herrschenden zu durchbrechen. Dabei, leider, geraten fast immer die Interessen der Zivilgesellschaften unter die Räder. Auch unsere Zeitschrift soll mit beitragen, dass das nicht in der bisherigen Tiefe erfolgt. Der Versuch ist immer wieder wichtig, unabhängig vom Ausgang. CE