dame.von.welt
25.04.2011 | 16:23 16

'Unglückliche' Veröffentlichung

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied dame.von.welt

Wikileaks veröffentlichte als geheim eingestufte Files zu Guantanamo.

Sie befassen sich mit 758 der insgesamt 779 Insassen, aus den Dokumenten geht hervor, daß nur 220 Gefangene als gefährliche Extremisten galten. Etwa 380 wurden als unwichtige Fußsoldaten, mindestens 150 als unschuldig eingeschätzt, sie wurden falsch identifiziert oder waren zur falschen Zeit am falschen Ort.

Darunter ein 14jähriger, der wegen möglicher Information über örtliche Talibanführer inhaftiert wurde, ein demenzkranker 89jähriger zur Befragung über 'verdächtige Telefonnummern', ein Taxifahrer mit angeblichem 'generellen Wissen über die Aktivitäten in den Gegenden von Khost und Kabul', weil er Fahrgäste in der Gegend transportierte, ein Reporter von Al-Jazeera (6 Jahre Haft), um ihn über die Arbeitsweise des Senders zu befragen, mehrere britische Staatsbürger, obwohl die US-Behörden schnell sicher waren, daß sie weder den Taliban noch Al-Quaida angehörten. Einer von ihnen, Jamal al-Harith, wurde deswegen festgehalten, weil er zuvor in einem Gefängnis der Taliban saß und man sich über deren Verhörmethoden orientieren wollte.

Wir erinnern uns: Guantanamo wurde angeblich zum Schutz der Bürger der USA eröffnet. Spätestens jetzt wird der Eindruck überdeutlich, daß es nur um die Gewinnung nutzloser Informationen für schlecht arbeitende Geheimdienste geht (unter denen Schwanzmesserei üblich scheint - laut Guardian gilt den US-Behörden jeder mit Verbindung zum pakistanischen Geheimdienst ISI als potentieller Terrorist, eingestuft wie Al-Quaida, Hamas, Hisbollah).

Die Stellungnahme des Verteidigungsministeriums zu den Veröffentlichungen überrascht deswegen nicht. Die Veröffentlichungen seien 'unglücklich', man bevorzuge, wenn keine Geheiminformationen nach außen gelangten, weil 'per Definition Schaden für die nationale Sicherheit der USA zu erwarten' sei. Die Lage in Guantanamo sei sehr komplex, die Veröffentlichungen würde das weitere Vorgehen 'noch verkomplizieren'. Ach was.

Wunderbar aufbereitet hat's, wie bei den anderen Wikileaks auch, der Guardian. Lesenswert auch die NYT, auf Deutsch gibt's bislang nur osterbedingte Kurzmeldungen bei SPON, taz, SZ.

Es sitzen übrigens noch 170 Gefangene ein.


Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (16)

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Ehemaliger Nutzer 25.04.2011 | 21:21

Der nächste Skandal, den Wikilleaks enthüllen wollte, sollten meiner Erinnerung nach heikle "Geheimnisse" über eine große amerikanische Bank - möglicherweise die Bank of America - ans Licht bringen.
Abgetaucht, Schwamm vor Guantanamo gefunden und drüber.

Über Guantanamo nix wirklich Neues übrigens.

dame.von.welt 25.04.2011 | 21:43

Was soll ich sagen? Tut mir leid, Sie gelangweilt zu haben? ...;-)... Vielleicht interessiert Sie Glenn Greenwald zu Obama und Manning?http://www.salon.com/news/opinion/glenn_greenwald/2011/04/23/manning/index.html

Ich fand in erster Linie bemerkenswert, daß via Guardian viele der Gefangenen jetzt mal ein Gesicht haben und auch, daß englischsprachige Medien voll von den Guantanamo Files sind, während in D der See österlich still ruht. In Deutschland scheint mir Wikileaks (auch durch den Rosenkrieg mit Domscheit-Berg) irgendwie aus dem Medien-Interesse entschwunden. Und ja, leaks über Banken waren mir auch als geplanter nächster Schritt erinnerlich.

Columbus 25.04.2011 | 22:05

Wikileaks arbeitet das Material ab und pflegt seine Partnerschaften mit den prüfenden Journalisten. Das ist gut so und zeugt von Verlässlichkeit.

Angesichts des weiter bedrohten Assange, angesichts des Gefreiten Manning in grundlos einengender Haft, ein deutlicher Hinweis.

Was kommt aus Deutschland? Viel Häme und sonst nur Pustekuchen. Bisher gibt es lokal (unter dem Kennzeichen D) auch nicht den Ansatz eines freien germanischen Aufklärungskanals im Web, dafür aber viel Konsensus-Papiere, Kongresse und Grußbotschaften in den Feuilletons und viel journalistisch-feuilletonistische Zweit- und Drittverwertung der allgemeinen Aussage, "Ich war irgendwie als Person immer nahe anbei Wikileaks und Assanges" . - Diesen Kappes sollten Blogger und recherchierende Journalisten anprangern und ablehnen.

Es kommt auch nicht so sehr darauf an, unbedingt Neues zu verbreiten, sondern mit staatlichen oder privaten (Firmen, Banken) Dokumenten zu belegen, wie die US-Regierung tickte und unter welchen vorgeblichen Zwängen in einer Vorbilddemokratie das Recht gebeugt und zu einem Abgrund an Unrecht verformt wird, bzw. was die Banken so unternahmen, um sich die Finanzkrise von den Steuerzahlern und Staaten bezahlen zu lassen und eine praktisch ewige Garantie auf Deckung ihrer Geschätstätigkeit zu erlangen.

Das alte Unrecht wird so als absichtsvoll und planmäßig begreifbar. Guantanamo ist kein Ausrutscher der Exekutive und der Judikative, die bisher viele Praktiken als verfassungskonform durchwinkte und es ist ein dauerhaft schwärendes Mal auf dem politischen Sonntagsanzug des Präsidenten.

Das mit der systemrelevanten Bank (b2m), da bin ich mir beinahe sicher, kommt, wenn Manning und Assange wieder mehr Fairness und Rechtstaatlichkeit zugstanden bekommen.

Grüße
Christoph Leusch

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Ehemaliger Nutzer 25.04.2011 | 22:06

Danke, die skandalöse Behandlung Mannings durch US-amerikanische Behörden, die andererseits weltweit auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen, ist wesentlich dringlicher zu publizieren, als eine neuerlich koordinierte Wikileaksveröffentlichung von NYT, Spiegel, Guardian etc. diesmal zu Guantanamo.

j-ap 26.04.2011 | 01:39

Die Sache mit der BoA kann man wohl knicken:

Exclusive: Assange suggests bank documents are a snore (Reuters v. 09.02.11)

Wie ich dem Wortlaut des Berichts entnehme, hat WL erhebliche Probleme damit, die vorhandenen Daten überhaupt auf Relevanz hin zu überprüfen.

Wofür ich Assange et al. übrigens keinerlei Vorwurf machen möchte, denn nach meinem Wissen handelt es sich dabei vorwiegend um ABS- und CDS-Geschäfte aus den Jahren 2002-2006, aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Hause Coutrywide Financial, einer Hypo-Firma, die seit Mitte 2008 zur Bank of America gehört.

Das Problem mit solchen Geschäften ist, daß dabei kein Mensch mehr durchsteigt. Bei Countrywide selbst gab es mehrere Gerichtsverfahren in New York und Nebraska, unter anderem waren zwei ganze Distrikstaatsanwaltschaften (!) über ein Jahr lang damit beschäftigt, allein die bilanzwirksamen Geschäfte eines einzigen (!) Quartals gerichtsverwertbar aufzudröseln.

Wenn solche Leute schon kaum mehr Land gewinnen, wie soll es dann WL schaffen?

Ich gehe davon aus, daß wir von den BoA-Files nicht mehr viel hören werden.

dame.von.welt 26.04.2011 | 12:34

Zum Nachlesen: das Forbes-Interview mit Julian Assange Ende November, aus dem u.a. hervorging, daß sich die nächsten Leaks mit einer Bank beschäftigen könnten: '...it could take down a bank or two.' preview.tinyurl.com/23ozlzt
Schutzmaßnahmen der Bank of America (Mitte Januar) preview.tinyurl.com/66dpml3
und noch mal Forbes Anfang Februar preview.tinyurl.com/4swdhuc zur von Ihnen @j-ap, verlinkten Reutersmeldung 'Hear that? That’s Bank of America executives breathing a collective sigh of relief.'

Von Daniel Domscheit-Bergs Openleaks hörte man als Letztes (?), daß die Plattform Ende Januar online ging www.openleaks.org/content/news.shtml

An den Medienpartnerschaften von Wikileaks sind aus meiner Sicht leise Zweifel geboten - keine Ahnung, wie es @alle Ihnen ging - mir erschien die SPON-Performance bei z.B. Cablegate mäßig, El Pais und Le Monde kann ich mangels hinreichender Sprachkenntnisse nicht beurteilen, für mich halbwegs erfaßbar war die Fülle der geleakten Information eigentlich nur in der Aufarbeitung des Guardian.

Ein Artikel von Mangold (Ijoma Mangold? Der stellvertretende Feuilletonchef der Zeit? Der Artikel ist nicht in dessen Autorenregister zu finden) von Dezember, der Ihnen, lieber Josef, vermutlich gut gefällt 'Warten aufs Jüngste Gericht' www.zeit.de/2010/50/WikiLeaks-Enthuellungen?page=all Der fügt sich zwar nahtlos in die Langzähnig- und Abfälligkeit der allermeisten Zeit-Artikel zum Thema ein, hat aber einige nachdenkenswerte Punkte.

Mein Eindruck mancher Auftritte von Julian Assange und vor allem: der medialen Aufarbeitung war reine Popkultur - eine fast messianisch zu nennende Überhöhung seiner Person (die mich ein wenig an die Überhöhung von Obama erinnerte). Popkultur und Medien finde ich ein extrem schwieriges Kapitel, da der so erzeugte Hype sich ja ganz mühelos und mit der gleichen emotionalen Welle z.B. vom Tod von Neda weg dem Tod von Michael Jackson zuwandte.

Etwas Ähnliches scheint mir mittlerweile auch mit Wikileaks zu passieren - kaum noch eine Schlagzeile wert. Von Bradley Manning ganz zu schweigen.

Mit anderen Worten: Katerstimmung.

Fahad 26.04.2011 | 13:24

"Wunderbar aufbereitet hat's, wie bei den anderen Wikileaks auch, der Guardian. Lesenswert auch die NYT, ..."

Beide Zeitungen haben die Files von einer "anderen Quelle" erhalten (tinyurl.com/3thssan). WikiLeaks selbst geht von Domscheid-Berg aus (tinyurl.com/3rz78sf). Die plötzliche Veröffentlichung an Ostern auf der Platform (wikileaks.ch/gitmo/) wurde offenbar notwendig, weil Guardian und NYT selber veröffentlichen wollten.

j-ap 26.04.2011 | 22:55

Liebe Dame,

ohne jeden Zweifel wird das die BoA ganz ungemein gefreut haben, daß aus — wohl — aus schierer Unübersichtlichkeit wieder nichts zutage kommt.

Daß nun wieder die ganz falschen Leute aufseufzen ändert doch aber nichts an der Sache selbst, oder?

Überhöhung, Hype, Popkultur, Sensationsgier, Lustgewinn beim Enthüllen und gespannten Warten auf die nächste Enthüllung — da sagen Sie was! Es gibt dazu einen etwas älteren Artikel, der Sie vielleicht interessiert und in dem ich darstelle, welche psychokratischen Obertöne die Schauseite des Whistleblowings so an sich hat: Leakology.

Damit einen guten Abend!