Alles für Adele

Streaming Damit die Dramaturgie ihres neuen Albums aufgeht, bittet die britische Sängerin Spotify, die Zufallswiedergabe als Standard abzuschaffen – und hat Erfolg. Dabei verkennt sie, was Popmusik ausmacht
Alles für Adele
Mit der Schallplatte existiert das Problem nicht: Sie kennt nur eine Reihenfolge in der Wiedergabe

Foto: Tolga Akmen/AFP via Getty Images

Adele ist King. (Queen in ihrem Fall, der Spruch stammt aus einer anderen Zeit.) Adele macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt, und sie gefällt ihr selbstbestimmt: Wenn Adele Vinylplatten pressen lassen möchte, bucht sie (so maulte Kollege Ed Sheeran) vorab die weltweit einzigen beiden Fabriken für die Rohlinge aus. Und wenn sie möchte, dass man ihr neues Album „30“ als „Gesamtwerk“, und damit in der von ihr vorgesehenen Reihenfolge genießt, nimmt sie sich Spotify zur Brust, und bittet darum, den User:innen den „Shuffle“-Knopf, also die zufällige Wiedergabe, nicht mehr als Premiumfunktion anzubieten.

Auf Adeles freundliche Anfrage hat Spotify servil „Anything for you“ zurückgetwittert, seit Sonntag ist die Shuffle-Funktion nicht mehr Standard. Jedes Album startet jetzt mit dem vom Künstler designierten ersten Song, im Fall von „30“ dem soften F-Dur-Rhodesakkord von „Strangers by nature“, die Reise endet mit dem aufgewühlt-pompösen Orchesterarrangement von „Love is a game“. Denn die musikalisch dramaaffine Adele legt Wert auf Dramaturgie: Die „Kopplung“ eines Tonträgers, also die Songreihenfolge, spielt zwar nicht mehr die gleiche Rolle wie zu Schallplattenzeiten, als die mutmaßlichen Hits je nach Erscheinungsland an vorbestimmten Plätzen saßen (in den USA traditionell an dritter Stelle der A-Seite). Aber man hat sich als Pop-Künstler:in etwas dabei gedacht, egal ob Konzeptalbum oder Sammelsurium von Songideen aus dem letzten Jahr. Man möchte das Publikum bewusst durch einen musikalisch-emotionalen Spannungsbogen leiten.

Das ist absolut verständlich. Allerdings ist es weder zeitgemäß noch grundsätzlich sinnvoll: Jeder Song auf jedem Pop-Album, jede „Auskopplung“, jede Vorab-Single muss, sonst würden Künstler:innen noch brotloser sein, als sie sind, auch immer singulär funktionieren. Wenn einem nach dem gehaltvollen Pathos von „Love is a game“ ist, dann muss man ja auch nicht zwingend erst die elf vorherigen Songs anhören, um in die richtige Stimmung zu kommen. Wenn man Lust auf Playlists hat, dann sind das Song-Playlists, nicht Alben-Playlists. Dass Popmusik in Häppchen kommt und konsumiert wird, liegt an der ehemaligen Begrenztheit der Single, und hat sich kaum verändert: Die Konzentrationsspanne für Pop, vor allem für konventionelle Songstrukturen wie in Adeles Fall, ist auf Hörer:innenseite seit den 50ern gleich geblieben (bei Klassik ist es etwas anders). Denn ein Charakteristikum des Pop ist die Abwechslung. Ein Unterschied in der Rezeption bestand allerdings immer schon zwischen beinharten Fans, die Lust auf das ganze Album in all seiner vorausgewählten Glorie haben, und eifrig die Qualitäten der einzelnen Songs diskutieren, und denen, die sich ohnehin eher für Hits interessieren.

Und wenn, wie im Fall von Adele, nur vier Songs auf der Platte, nämlich die mit viel Geschick und Liebe orchestral arrangierten, richtig gut sind, dann könnte das Durchhören für beinharte Fans sogar abträglich sein: Ein Pop-Album ist, auch wenn der Produktionsprozess den Schaffenden so vorkommt, kein Film, und keine horizontal erzählte Serie. Sondern folgt einer Fallstruktur: Die gleichen Protagonist:innen (der/die Musiker:in, die Band) erleben unterschiedliche Abenteuer.

Dennoch ist Adeles Bemühung völlig okay, und schadet niemandem. Wer das Album partout nicht als Ganzes hören möchte, kann eh immer noch shuffeln. Schöner wäre allerdings gewesen, wenn sie Spotify um bessere Entlohnung der Künstler:innen gebeten hätte. Sozusagen ein königlicher Move in Richtung Royalties.

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15:37 23.11.2021

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