Angst vor einem neuen Großdeutschland

Antifa Gençlik Zwischen 1988 und 1994 agierte in Berlin-Kreuzberg die erste migrantisch organisierte Antifaschistengruppe

Da waren diese Parolen. „Ausländer raus!“ oder „Türken raus!“ schmierten sie auf den Stahlbeton. Die Mauer musste herhalten für den Hass. 1982 hatte die Bundesregierung angefangen, Pläne über Prämien für sogenannte Rückkehrwillige zu entwickeln. Die Immigranten sollten sich damit „Arbeitsmöglichkeiten“ in ihren Herkunftsländern schaffen. Dieses „Angebot“ nahmen nur wenige an, aber das politische Klima war mit Unterstützung der Medien schnell in die Richtung gelenkt, dass Immigranten in der BRD eigentlich nicht willkommen seien. Viele meiner Freunde wurden angepöbelt oder angegriffen, auch ich selbst – auf der Straße, in der U-Bahn, am Flughafen. Die Westberliner Linken hatten sich damals viel zu wenig mit diesem Thema beschäftigt.

Gleichzeitig gerieten in Kreuzberg immer mehr junge Immigranten der zweiten Gastarbeitergeneration in Kontakt mit Banden. Sie hatten keine Lust auf das Anpassertum ihrer Eltern und befanden sich in einer Identitätskrise. Verwurzelt waren sie in ihrer traditionell lebenden Familie, und auf der anderen Seite bewegten sie sich in einem sozialen Umfeld mit total verschiedenen Verlockungen. Uns kam deshalb 1988 die Idee, den Kampf gegen den Rassismus selbst zu organisieren.

Im „SO 36“ und an anderen Orten in Kreuzberg versammelten wir die Leute und machten allen klar, was ihnen als aktiven Antifaschisten bevorstehen könnte. Die sich zuspitzenden Konflikte erforderten Kämpfe mit Gefahren für Leib und Leben, brächten aber auch Probleme mit den Behörden, die für uns Immigranten zum Verlust des Arbeitsplatzes oder sogar zur Abschiebung führen könnten.

Rassismus der Mitte

Die „Antifa Gençlik“ war also eine Selbsthilfegruppe. Unser Grundsatz war, körperliche Gewalt nur zur Selbstverteidigung anzuwenden. Unsere Arbeit bestand aber nicht nur in der Abwehr rechter Attacken. Wir wollten viel mehr. Vom Taxifahrer über den Imam bis zu den Angestellten wollten wir alle einbinden. Wir wollten uns nicht mehr als „Ausländer“ bezeichnen lassen. Wir wollten keine Opfer mehr sein, kein Anhängsel der Gesellschaft, über das man herrschen kann. Wir wollten nicht nur Pflichten gegenüber dem Staat haben, sondern auch Rechte in Anspruch nehmen. Wir wollten diskutieren, publizieren und auf die Straße gehen.

Im Verhältnis zu den anderen Immigranten und den Ursprungsdeutschen ging es uns darum, das Schubladendenken zu überwinden. Zumal Politik und Wirtschaft noch immer die Logik des Gastarbeiters verbreiteten, die Menschen als Produktionsmaschinen begreift, die nach Gebrauch zurückzugeben oder durch andere ersetzbar sind.

Dann kam die Wiedervereinigung. Wir hatten damals wirklich Angst vor einem neuen Großdeutschland. Vor allem im Angesicht der Pogrome in Hoyerswerda, Solingen, Rostock-Lichtenhagen und Mölln. Die Politik hatte die DDR zuvor unter den westlichen Kapitalisten aufgeteilt. Viele Menschen wurden arbeitslos. Das Asylrecht wurde verschärft, überall war die „Das Boot ist voll“-Rhetorik zu hören. Da kamen manchem die „Ausländer“ als Sündenböcke gerade recht, die „den Deutschen“ angeblich Arbeitsplätze und Frauen wegnehmen. Der Rassismus rückte wieder in die Mitte der Gesellschaft.

Das führte auch innerhalb unserer Gruppe zu Auseinandersetzungen. Kollektive Entscheidungen wurden nicht eingehalten. Einige waren der Meinung, dass faschistische Aktionen, wenn nötig, mit Gewalt zu verhindern seien. Hinzu kam sexistisches Verhalten in der Gruppe, was den Frauen die Arbeit erschwerte. Statt den Rassismus in seiner Entwicklung in Europa und vor allem in Deutschland zu analysieren, um dagegen eine Politik zu entwerfen, haben wir kurzsichtige antifaschistische Arbeit geleistet. Uns fehlte das Bewusstsein für eine gemeinsame politische Haltung, der Spürsinn für das Verhältnis von Theorie und Praxis. Das lag zum Teil an den deutschen Antifa-Linken, die sich mit uns schmückten und nach einem Motto verfuhren: „Wir sind das Hirn, ihr seid die Muskeln.“

Als 1992 der rechtsextreme Gerhard Kaindl bei einer Auseinandersetzung mit Jugendlichen ums Leben kam und einige unserer Freunde damit in Verbindung gebracht wurden, begann eine Phase der Polizeirazzien. Es folgten Festnahmen, Leute tauchten unter. Unsere Gruppe zerbrach daran 1994. Die Idee aber, dass antifaschistische Arbeit auch Selbstverteidigung der Immigranten erfordert, ist heute so aktuell wie lange nicht mehr.

Ercan Yaşaroğlu, Jahrgang 1959, betreibt heute das Café Kotti in Berlin-Kreuzberg

Protokoll: Christian Baron

06:00 21.09.2018

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