Bloß keine Demokratie

Fußball Der Ärger um den FC-Bayern-Sponsor Katar zeigt, wie sich Sportvereine für den Kommerz verkaufen – gegen den Willen der eigenen Mitglieder
Protest in der Kurve von Bayern-Fans
Protest in der Kurve von Bayern-Fans

Foto: Catherine Ivill/Getty Images

Die Corona-Zeit hat den Profisport um erhebliche Einnahmen gebracht, ganz ungelegen kam sie einigen Clubs dennoch nicht. Denn die pandemische Lage entband sie von der Pflicht, die jährliche Mitgliederversammlung abhalten zu müssen. 2020 gab es also keine Verleihung von Goldenen Ehrennadeln, keine Rechenschaftsberichte der Nebenabteilungen, keinen Applaus für die Profimannschaft, die ihren Pflichtbesuch abstattete und Interesse am Vereinsleben vorgaukelte – und vor allem, und das wusste man in den Führungsgremien der Clubs zu schätzen: keine unangenehmen Anträge von der Mitgliederbasis.

2021 werden Mitglieder nun wieder geladen, und der Herbst ist traditionell die Jahreszeit dafür. Der FC Augsburg, Fußball-Bundesligist im elften Jahr, wollte der Kritik, die sich seit dem letzten Treffen von 2019 angestaut hatte, geschickt ausweichen: Man hielt die Jahreshauptversammlung einfach draußen im Stadion ab, abends, was in der zweiten Oktoberhälfte an die Substanz gehen kann. Das Pech des FCA war allerdings, dass er einen relativ milden Tag erwischte und die traditionell unbequemen Vereinsmitglieder, die sonst in der Fankurve stehen, alle Techniken dafür beherrschen, nicht auszukühlen. Als die fünfte Stunde begonnen hatte, waren sie immer noch da und penetrierten das Präsidium mit Wortmeldungen und Abstimmungsanträgen. Die Mehrheit der Stimmberechtigten im Stadion hatte sich da schon verabschiedet, es waren keine 400 mehr anwesend – und die Kräfteverhältnisse verschoben sich entsprechend. Das Präsidium auf einer am Spielfeldrand aufgebauten Bühne ließ Abstimmungen nicht mehr zur Beschlussfassung zu, sondern lediglich zu dem Zweck, ein Stimmungsbild zu bekommen.

Jahreshauptversammlungen von Vereinen sind merkwürdige Veranstaltungen. Einerseits sind sie grunddemokratisch, weil jedes Mitglied eine Stimme hat und der eingetragene Verein – gesichert durch die im deutschen Fußball geltende „50 + 1“-Regelung – im ausgegliederten Profibereich die Mehrheit hält. Andererseits: Wenn in Augsburg von über 19.000 Mitgliedern weniger als 1.000 zur Versammlung kommen oder beim FC Bayern von knapp 300.000, die über die ganze Welt verstreut sind, die paar tausend, die einen günstigen Anfahrtsweg nach München haben – ist es dann ein repräsentatives Bild, das bei Wahlen und Entscheidungen entsteht? Gerade bei den Bayern fürchtet man seit jeher einen Staatsstreich der meinungsstarken Fraktion aus der aktiven Fanszene, die schnell mal die Mehrheit haben könnte, wenn sich ansonsten nur die am Freibier interessierten gediegenen Mitglieder zum Termin bequemen. Daher versucht der FC Bayern, Ungemach schon im Vorfeld auszuschließen und Anträge, die eingehen, so zu durchleuchten, dass sie gar nicht erst auf die Tagesordnung geraten.

In München wird am 25. November zur Mitgliederversammlung geladen. Und einer, der hingehen wird, hat einen speziellen Antrag eingereicht und das auch die Medien wissen lassen: Es soll darüber abgestimmt werden, ob der FC Bayern sein Werbe-Engagement für Katar zu beenden hat. Das dürfte für feurige Diskussionen in echter Stadionkurvenatmosphäre sorgen, auch wenn man sich in einer bestuhlten Basketballhalle trifft.

Immerhin: Bayern-Fans, die dem eigenen Club nicht geheuer sind, haben schon Erfolge erzielt in den vergangenen Jahren. Immer wieder brachten sie ihren Wunsch zur Errichtung eines Museums vor – heute existiert es. Beim FC Augsburg ging es neulich darum, dass der Verein verpflichtet werden soll, für die Abschaffung des Videobeweises zu stimmen. Klare Mehrheit. Hatte er aber eh vor.

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