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Musik Wir und das Hologramm – ein Abend mit dem virtuellen Superstar Hatsune Miku
Jürgen Ziemer | Ausgabe 06/2016

Die Zukunft beginnt selten mit einem Knall. Langsam frisst sie sich von den Rändern her in die Mitte der Gesellschaft. Während in den westlichen Feuilletons noch die überhandnehmende Verklärung der Vergangenheit beklagt wird (Retromanie!), hat die japanische Popkultur schon den ersten virtuellen Superstar hervorgebracht: Hatsune Miku, einen weiblichen Avatar mit sehr kurzem Rock und sehr langen türkisfarbenen Zöpfen. Eines dieser Geschöpfe also, die Mangas und Animes bevölkern.

Hatsune Miku bedeutet „der erste Klang aus der Zukunft“ und war zunächst nur der Name einer Software, mit der sich die menschliche Stimme nahezu perfekt imitieren lässt. Weil die Verkäufe anfangs schlecht liefen, etablierte die Herstellerfirma Crypton Future Media 2007 den kulleräugigen Avatar als Gesicht und Werbeträger. Jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann seitdem Songs mit der Stimme (und dem Image) von Hatsune Miku produzieren und veröffentlichen. Unter strengen Copyright-Auflagen, versteht sich. Über 100.000 Songs finden sich inzwischen im Netz, einige eroberten sogar die japanischen Charts.

Vor kurzem war Hatsune Miku in Berlin der Star des Medienkunstfestivals transmediale. Als dreidimensionales Hologramm stand die ewig 16-Jährige für zwei Performances auf der Bühne im Haus der Kulturen der Welt. Der Titel Still Be Here betont die Verfügbarkeit der Figur, die Kristallisation kollektiver Sehnsüchte in Gestalt eines zuckersüßen virtuellen Idols. „I want you to re-make me. I sing and exist only for you“, heißt es in einem Hatsune-Miku-Song. Wie viele einsame Otakus (die japanische Spielart des Nerds) haben diese Zeilen wohl als Motto an ihr Notebook gepinnt?

In Berlin stammen Musik und Songs von Laurel Halo, die 29-Jährige ist eine der derzeit wichtigsten Produzentinnen zwischen Dubstep und abstraktem Electro. Der Choreograf Darren Johnston und die Videokünstler LaTurbo Avedon und Martin Sulzer haben auf drei riesigen Videoleinwänden eine rauschhafte Bilderflut dazu erschaffen. Das Hologramm des virtuellen Stars im Vordergrund wirkt dagegen fast ein wenig blass.

Prosumer-Sehnsüchte

In Japan toben und singen die Fans, wenn Hatsune Miku auftritt. In Berlin ging es eher um Dekonstruktion. Einspieler, die der Show gelegentlich den Charakter einer TV-Dokumentation gaben, machten das Publikum mit den strengen Copyright-Regeln vertraut – so ziemlich alles ist genehmigungspflichtig. Die Rollen verschwimmen weitgehend im gigantischen Pool des user-generated content. Die Songs, die Laurel Halo mit der Stimme von Hatsune Miku eingespielt hat, erinnern stärker an ihre eigenen, bei Hyperdub veröffentlichten Alben (insbesondere ihr Debüt Quarantine) als an den aufgekratzten J-Pop, der bei Youtube zu hören ist. Die Musik von Still Be Here wird nach dem Ende der Performances jedoch auch im Internet frei zugänglich sein.

Die Zukunft des Pop, das wird am Ende des Abends klar, liegt in der Abkehr vom realen, leibhaftigen Star und der Hinwendung zum Cyborg oder Engel. Auch Rihanna, Beyoncé oder Lady Gaga arbeiten längst mit Stimmbearbeitungs-Software wie Auto-Tune. Doch gegen die Sehnsüchte der Prosumer haben Künstler aus Fleisch und Blut kaum noch eine Chance. Die neuen kreativen Plattformen und Netzwerke bieten die Möglichkeit, individuelle Fantasien und Talente auszuleben. Doch letztlich sind es Zellen im Gefängnis des eigenen Egos.

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