„Dann gibt es keine Kühe auf der Weide mehr“

Interview Milchvieh im Stall zu halten ist klimaschädlicher, lohnt sich aber mehr als Weidehaltung. Zwei Bauern erklären, warum – und was helfen würde, um dies in Europa zu ändern
„Dann gibt es keine Kühe auf der Weide mehr“
Almabtrieb nahe Schönau am Königssee. Die Weidehaltung von Kühen ist aufwändig, aber auch nachhaltiger

Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Wenn die Agrarminister aus Bund und Ländern in diesen Tagen zu ihrer Herbst-Konferenz zusammenkommen, steht auch die Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) in Europa auf der Tagesordnung. Diese sieht bislang keine Förderung vor, um Milchkühen auf der Weide eine Chance zu geben. Genau das, eine Weideprämie für Milchkühe, fordern die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter sowie die Organisation Land schafft Verbindung, denn: Tiere auf der Weide sind gut fürs Klima, für den Boden- und Trinkwasserschutz, für Tiere und Menschen, also nachhaltig im Sinne des European Green Deal.

Im Freitag-Gespräch erklären Ottmar Ilchmann, Milchbauer aus Ostfriesland und Landesvorsitzender der AbL Niedersachsen/Bremen sowie Jann-Harro Petersen, Milchbauer aus Nordfriesland und Sprecher der AG Milch von Land schafft Verbindung, ihre Forderung nach einer Weideprämie für Milchkühe. Nicht weit genug geht das Nicolas Schoof, Wissenschaftler am Lehrstuhl für Vegetationskunde der Universität Freiburg.

der Freitag: Herr Ilchmann, Ihre 60 Milchkühe grasen im Sommer auf den Weiden rund um Ihren Hof im ostfriesischen Rhauderfehn. Dafür fordern Sie eine Weideprämie von der EU. Warum?

Ottmar Ilchmann: Die Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union wird ja zur Zeit reformiert, sie soll grüner und nachhaltiger werden, und bei den Verhandlungen über die nationale Umsetzung in Deutschland stellt sich heraus, dass bei den sogenannte Eco-Schemes – so heißen die neuen zusätzlichen Fördergelder für Gemeinwohlleistungen, die die EU den Landwirten zahlt – keine Angebote für Milchbauern gibt, die ihre Kühe auf die Weide lassen. Das wollen wir ändern.

Herr Petersen, Sie sind Landwirt auf der Halbinsel Eiderstedt in Schleswig-Holstein und Sprecher der AG Milch von Land schafft Verbindung – zusammen mit Ihren Kollegen vom BDM und von der AbL haben Sie jetzt Vorschläge für eine Weideprämie ausgearbeitet. Warum brauchen Sie diese Prämie?

Jann-Harro Petersen: Die neue Agrarpolitik läuft nicht parallel zu den Nachhaltigkeitszielen, die der European Green Deal vorgibt. Es ist ein großes Manko, dass die ambitionierten Ziele des Green Deal politisch nicht flankiert werden. Auf meinem Betrieb haben wir 90 Prozent Dauergrünland, zum Teil sind das Weiden mit 200 Jahre alten Grasnarben, was von Wissenschaftlern immer wieder als besonders wertvoll bezeichnet wird, aber ich habe keine Möglichkeit, dafür eine Förderung zu bekommen.

Auf Ihren Böden wäre Ackerbau ohnehin nicht möglich, und auch in anderen Gebieten, wo Milchkühe noch auf die Weide kommen, wären diese Flächen kaum anders zu nutzen, weil sie zu hoch liegen, wie etwa die Almen, oder zu steil sind, wie manche Weiden in den Mittelgebirgen. Warum soll die EU also Geld dafür ausgeben?

Jann-Harro Petersen: Wir Weidemilchbauern haben deutliche wirtschaftliche Nachteile im Vergleich zur Stallhaltung, obwohl unsere Gemeinwohlleistung offensichtlich ist. Im Stall bekommen die Hochleistungskühe das ganze Jahr über permanent gleichmäßige Rationen. Dadurch haben sie eine höhere Milchleistung – die aber mit einem höheren Ressourcenaufwand erkauft wird. Die neue Agrarförderung verstärkt die ohnehin vorhandenen wirtschaftlichen Nachteile. Auf den Punkt gesagt: Wer vom Acker füttert, kann Eco-Schemes nutzen, zum Beispiel für Blühstreifen. Wenn ich aber die Kühe grasen lasse, kann ich das nicht. Eigentlich ein klarer politischer Anreiz, Ackerfutter zu füttern, zum Beispiel Maissilage.

Dabei ist großflächiger Maisanbau ökologisch bedenklich, weil er erst so spät ausgesät wird, es dauert sehr lange, bis er den Boden bedeckt, das macht ihn erosionsanfällig. Und der biologischen Vielfalt nutzt er auch nichts.

Jann-Harro Petersen: Für den Futteranbau generell ist auch viel Maschineneinsatz nötig. Das Gras muss geschnitten werden, von der Weide geholt und in Folie gepresst und schließlich in kleinen Portionen auf den Futtertisch im Stall gefahren werden. Weidekühe pflücken sich ihr Futter im Sommer selbst, das verbraucht also weniger Ressourcen. Aber weil das Gras auf der Weide das ganze Jahr über nicht gleichmäßig wächst, geben Weidekühe in der Regel weniger Milch. Weidehaltung ist ein Stück weit ein Abrücken von der Turbokuh.

Dann hat die EU das Grünland vergessen?

Ottmar Ilchmann: Nicht ganz. Geplant sind Eco-Schemes, also zusätzliche Fördermöglichkeiten, für extensives Grünland, also für Flächen, die ganz wenig gedüngt werden und auf den ganz wenig Tiere grasen. Das passt aber nur für Mutterkuhhalter mit großen Flächen, Milchbauern können diese Anforderungen nicht erfüllen.

Jann-Harro Petersen: Der Deutsche Bauernverband hatte einen pauschalen Klimabonus vorgeschlagen, der für alle Grünflächen bezahlt werden soll, auch für intensiv gedüngtes Ackergras, das fünf, sechs Mal im Jahr geschnitten und als Futter in den Stall gefahren wird. Aber dieser Vorschlag wird im Bundesumweltministerium keine Zustimmung bekommen.

„Weidehaltung ist aus Sicht des Tierwohls unbedingt zu begrüßen“

Land schafft Verbindung ist die neue Bauernorganisation, die aus den Bauernprotesten der vergangenen Jahre hervorgegangen ist. Auf vielen Ihrer Demos wurde Bundesumweltministerin Svenja Schulze als Feindin der Landwirte regelrecht beschimpft, als sei sie Schuld an deren schwieriger ökonomischer Lage.

Jann-Harro Petersen: Da müssen wir weiterkommen. Klar kann man sagen: „Wir wollten ja was erreichen, eine Klimaprämie nämlich, aber Frau Schulze und ihr Staatssekretär, Herr Flasbarth, sind schuld, dass wir das nicht bekommen.“ Aber wir versuchen stattdessen, etwas zu finden, das konsensfähig ist. Eben eine Weideprämie für Milchbauern.

Herr Schoof, Sie forschen am Lehrstuhl für Vegetationskunde an der Uni Freiburg und warnen immer wieder vor den desaströsen Auswirkungen des aktuellen Agrarsystems. Kann die Weideprämie helfen?

Nicolas Schoof: Milchviehhalter*innen, die ihre Tiere noch weiden lassen, sind im Vergleich zu anderen Landwirt*innen Verlierer der anstehenden Agrarreform. Und Weidetierhaltung ist aus Sicht des Tierwohls unbedingt zu begrüßen, die Weideprämie würde das unterstützen. Außerdem gehören Weidetiere zu unserer Kulturlandschaft einfach dazu. Aber das EU-Recht fordert für derartige Maßnahmen immer zwei positive Effekte für das Allgemeinwohl. Sofern dies der Biodiversitäts- oder Klimaschutz sein soll, reicht das noch nicht aus.

Warum nicht? Studien zeigen immer wieder, dass Dauergrünland, also alte Weiden, positive Effekte haben – auf Boden, Wasser, Biodiversität und Klima.

Nicolas Schoof: Das gilt aber nicht voraussetzungslos. Die Verbände könnten zum Beispiel eine Obergrenze der Tieranzahl pro Flächeneinheit vorschlagen. Ist der Tierbesatz nach oben offen, lässt sich nur schwer mit positiven Effekten für die biologische Vielfalt und den Klimaschutz argumentieren. Zu viele Tiere auf einer Fläche können die Grasnarbe zerstören, was sich wiederum negativ auf die Ökosystemleistungen der Weide auswirken würde.

Herr Ilchmann, Herr Petersen, was halten Sie davon? Wenn Weideprämie, dann richtig?

Ottmar Ilchmann: Die Weidehaltung ist durch die wirtschaftliche Benachteiligung gegenüber der Stallhaltung in ihrem Bestand gefährdet. Hat ein Betrieb sie einmal aufgegeben, gibt es meistens keinen Weg zurück. Wir plädieren deshalb dafür, die Weidehaltung durch ein vergleichsweise niedrigschwelliges Eco-Scheme erst einmal zu retten. Sehr gut vorstellen können wir uns dann ergänzende regionale Programme, die darauf aufbauen und deutlich anspruchsvollere Kriterien beinhalten, zum Beispiel auch eine Obergrenze für die Zahl der Tiere pro Fläche.

Herr Schoof, Ihre Forderungen sind im aktuellen System nicht zu finanzieren, was haben Sie für Vorschläge?

Nicolas Schoof: Viele Betriebe müssen heute überhöhte Pachtpreise zahlen. Die Pachtpreise wurden von den Flächeneigentümer*innen in den vergangenen Jahren vielerorts an die Auszahlungshöhe der Agrarförderung angepasst, die ja immer noch größtenteils pauschal pro Hektar ausgezahlt wird. Die Agrarförderung ist daher in vielen Regionen zum Förderprogramm für Flächeneigentümer*innen geworden – statt für alle Höfe. Mit anderen Worten: Auch auf die Pachtpreise müsste steuernd eingewirkt werden, um eine Vielzahl der Betriebe zu entlasten und eine gerechtere Verteilung der Agrarförderung zu garantieren.

Wie groß sind denn die Chancen, dass Sie mit Ihrer Forderung nach einer Weideprämie Erfolg haben werden?

Ottmar Ilchmann: Ökoförderung der Weidehaltung könnte nach meiner Überzeugung ein gemeinsamer Nenner sein, auf den sich sowohl Bauern- als auch Umweltschutzorganisationen einigen können. Ein großer Vorteil sind das gute Image und die hohe Unterstützung von Kühen auf der Weide auch in der Bevölkerung. Außerdem haben Milchviehbetriebe mit Weidehaltung viel weniger Tiere pro Fläche – das schützt unter anderem auch das Grundwasser. Die vielen weiteren Vorteile für Klima, Artenvielfalt, Landschaftserhalt, Umweltschutz und Tierwohl liegen so sehr auf der Hand, dass auch die Politik daran nicht vorbei kann.

Herr Petersen, wie erklären Sie sich, dass die Weidemilchbauern bisher nicht berücksichtigt wurden, wenn sie doch alle Argumente auf Ihrer Seite haben?

Jann-Harro Petersen: Da gibt es auch wirtschaftliche Interessen: Ein hoher Anteil an Weidegang bedeutet Umsatzrückgang im vor- und nachgelagerten Bereich, zum Beispiel kaufe ich weniger Kraftfutter ein und liefere weniger Milch ab.

Herr Schoof, ist die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik überhaupt noch zu retten?

Nicolas Schoof: Ich bedauere es sehr, dass viele Landwirt*innen in einer solch katastrophalen Lage sind. Ich finde es bewunderns- und unterstützenswert, dass sich viele von ihnen immer noch konstruktiv einbringen, obwohl ihre Arbeitsleistung seit vielen Jahren definitiv nicht im Verhältnis zu ihrem Einkommen steht. Gleichzeitig brauchen wir unbedingt eine nachhaltigere Landnutzung. Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass die jetzige Förderstruktur dazu insgesamt nicht die erforderlichen Anreize gibt.

Und was dann?

Nicolas Schoof: Der Deutsche Verband für Landschaftspflege und die AbL haben eine meiner Meinung nach gerechtere Agrarförderung ausgearbeitet: ein Prämiensystem, das ausschließlich die Gemeinwohlleistungen der Höfe bezahlt. Mit ihr könnte ein Mehr an Tierwohl und Umweltschutz nicht nur erreicht, sondern auch besser honoriert werden.

Tanja Busse ist Journalistin, Moderatorin und Autorin, unter anderem des Buches Die Wegwerfkuh. Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können (2015). Zuletzt erschienen: Fleischkonsum. 33 Fragen – 33 Antworten (2021) und Das Sterben der anderen. Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können (2019)

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06:00 04.10.2021

Ausgabe 42/2021

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