Der Bildaktivist

Nachruf Mit Harun Farocki ist einer der wichtigsten Dokumentarfilmer und Künstler der Gegenwart gestorben
Stefan Heidenreich | Ausgabe 32/2014

Im Hamburger Bahnhof in Berlin ist Harun Farockis große Ausstellung Ernste Spiele noch bis Januar 2015 zu sehen. Die vierteilige Videoinstallation zeigt, wie sich US-amerikanische Soldaten auf ihren Einsatz vorbereiten, erst in Computersimulationen, dann in gebauten Modellstädten. Farocki dokumentiert die Vorbereitung auf den Krieg als eine visuelle Erziehungsmaßnahme. Als eine Schule des Sehens und Handelns.

In den vergangenen Jahren konnte man beobachten, wie Farocki vom Dokumentarfilmer immer mehr zum Künstler wurde. Zunehmend hat er seine Werke für Ausstellungsräume und nicht fürs Fernsehen oder fürs Kino konzipiert. Mit der Präsenz im Raum gewinnt das Handeln im Bild einen größeren Stellenwert.

Gründe hat er vor einigen Jahren in einem Interview benannt. Es sei zusehends schwieriger geworden, in den Fernsehanstalten Unterstützung für seine Filme zu finden. Mit Kunst dagegen ließe sich zwar weniger Geld verdienen, aber die Freiheiten seien unvergleichlich viel größer. Seine Abkehr vom Fernsehen lässt sich auch bildlich nachvollziehen. Fürs heutige TV scheinen die Filme Farockis aus einer anderen Zeit zu kommen. Filme wie Erkennen und Verfolgen (2003), über die Manipulation der Bilder im Zweiten Golfkrieg,oder Die Schöpfer der Einkaufswelten (2001) sind zwar noch von Fernsehanstalten produziert, passen aber schon nicht mehr in ein TV-Programm, das sich vom Dokumentarischen abwendet.

Trotzdem hat er den Film nie vollkommen aufgegeben. Den Sound der Berliner Schule hat Farocki mit geprägt, wenn auch nicht als Regisseur. Die meisten Drehbücher zu Christian Petzolds Filmen sind in Zusammenarbeit mit ihm entstanden, so auch zu Phoenix, dem neusten Film, der im September in die Kinos kommt.

Blick hinter die Kulissen der Arbeitswelt

Filmemachen war für Farocki immer Aufklärung über den Umgang mit Bildern. Nach seinen frühen, noch agitatorisch geprägten Arbeiten beginnt die Konzentration auf den Umgang mit dem Visuellen 1983 mit einem Dokumentarfilm, der schlicht Ein Bild heißt. Eine in den Kulissen und hinter der Fotokamera umherschleichende Kamera zeigt, wie in einem Fotostudio das Bild eines nackten Mädchens aufgenommen wird. Sie zeichnet alles auf, vom Errichten der Kulisse, dem Arrangieren der Gegenstände, dem Make-up bis zu den Gesprächen der Fotografen und Auftraggeber. Die Fabrikation eines Softporno-Bildes wird als eine fremdbestimmte Arbeit am Bild gezeigt, die genauso professionell und gelangweilt abläuft wie andere Arbeitsverhältnisse auch. Farockis Blick führt hinter emotionalisierte Rituale des Konsums und hinter die Kulissen der Arbeitswelt.

Bei aller Faszination für das Visuelle hat Farocki die sozialen Dimensionen nie ausgeblendet, auch wenn sich die Haltung vom politischen Aktivismus der späten 60er zur aufklärerischen Dokumentation gewandelt hat. Wenn Farocki 14 Jahre später in dem Film Stilleben noch einmal auf die Arbeit der Fotografen zurückkommt, hat sich die kritische Distanz verschoben. Es geht nicht mehr nur darum, die Herstellung der Bilder zu desillusionieren. Nun sind die Betrachter selbst im Bild und sehen, wie es Schritt für Schritt in minutiösen Arrangements entsteht. Diese Anwesenheit des Betrachters im Machen der Bilder hat Farocki wie kein anderer darzustellen vermocht.

Ausschnitt aus Harun Farockis Ernste Spiele:

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 20.08.2014

Kommentare