Der Brexodus

Großbritannien EU-Bürger brauchen ab sofort einen Niederlassungsstatus. Hunderttausende sind schon weg
Der Brexodus
Die Abwanderung aus Großbritannien – der „Brexodus“ – gerade der bestens qualifizierten, dringend benötigten Arbeitskräfte hat schon seit Langem Fahrt aufgenommen

Foto: Peter Summers/Getty Images

Eine Frist lief ab an diesem 1. Juli. Im Vereinigten Königreich lebende EU-Ausländer verlieren ihr Aufenthaltsrecht, wenn sie bis zu diesem Stichtag keinen Antrag auf einen Niederlassungsstatus nach dem EU-Settlement-Programm gestellt haben. Wie viele Bürger aus EU-Staaten davon betroffen sind, weiß niemand genau, da es in Großbritannien keine Meldepflicht gibt. Eine Hilfsorganisation, die sich für diese Klientel einsetzt, geht von etwa drei Millionen aus, doch sollen bisher mehr als fünf Millionen Anträge gestellt worden sein, von denen die meisten bereits bewilligt sind. Für diejenigen, die obdachlos, zu alt oder zu krank sind, ohne Computer- und Internet-Zugang auskommen, lassen sich die Antragshürden kaum bewältigen. Sie werden zu Illegalen, die jederzeit abgeschoben werden können. Ohne britischen Pass oder verbrieftes Aufenthaltsrecht wird das Leben auf der Insel schwierig bis unmöglich. Spätestens dann, wenn man eine Wohnung mieten, ein Bankkonto eröffnen will oder zum Arzt muss. Schweizer, Norweger, Liechtensteiner und Isländer genießen ebenfalls kein selbstverständliches Bleiberecht mehr.

Die britische Wirtschaft, das Gesundheitswesen, die Universitäten brauchen Ausländer und werden auch weiterhin auf Zuwanderung angewiesen sein. Die Abwanderung – der „Brexodus“ – gerade der bestens qualifizierten, dringend benötigten Arbeitskräfte hat schon seit Langem Fahrt aufgenommen und sich mit dem Vorjahr erkennbar beschleunigt. Für die Brexiteers genau das, was sie wollten. Der gravierende Personalmangel beim Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) stört sie wenig. Hauptsache, weniger Kontinentaleuropäer im Land. Wenn Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte der Insel den Rücken kehren, weil sie offiziell nicht mehr willkommen sind, nehmen das die Brexit-Hardliner als Erfolg. Ende 2020 lebten im Vereinigten Königreich mehr als eine Million im Ausland geborene Personen weniger als im Jahr zuvor. Allein die Metropole London hat gut 700.000 Einwohner verloren – Restaurantbesitzer, Hoteliers, Cafétiers, selbst die Wirte von Pubs klagen über den Verlust von italienischen, französischen, spanischen, portugiesischen Köchen, Kellnern, Barmännern und -frauen. Nicht zu vergessen die entbehrten Saisonarbeiter in der Landwirtschaft, die vorrangig aus Osteuropa kamen. Englische Gemüse- und Obstbauern jammern, wenn ihnen die Ernte auf den Feldern verrottet. Überdies fehlen etwa 100.000 Lastwagenfahrer, die seit dem Beginn des neuen Grenzregimes schlicht ferngeblieben sind. Sie stammten hauptsächlich aus Polen, Rumänien, Ungarn, Serbien und Kroatien.

Abscheu gegen das Festland

Die Regierung von Boris Johnson setzt die „Politik der feindseligen Umgebung“ fort, wie sie Theresa May als Innenministerin schon lange vor dem Brexit-Referendum zu einer Art Staatsräson erhoben hat. Seither haben sich die Ausländerbehörden auf unerwünschte EU-Ausländer eingeschossen, denen die Erfahrung nicht erspart bleibt, an der Grenze in Abschiebehaft genommen und abgeschoben zu werden, ganz gleich, mit welchen Papieren sie kommen. Im ersten Quartal 2021 waren es 3.294, sechsmal mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Innenministerin Priti Patel, eine Brexit-Hardlinerin, hält es mit Abschieberazzien, je unerwarteter, desto besser.

Belgier, Franzosen, Polen oder Deutsche müssen sich damit arrangieren, von den Behörden als Bürger zweiter Klasse gesehen zu werden. Wer in England lebt, kennt den urenglischen Hass auf die „bloody foreigners“. Schotten, Iren und Waliser, auch viele Bürger Londons verhalten sich anders, in England jedoch gehören Abneigung oder gar Abscheu gegenüber Fremden vom Festland zum Habitus. Viele Engländer wollen mental nicht Teil Europas, sondern der Anglosphäre sein, weshalb Zuwanderer aus den ehemaligen Kolonien nach wie vor willkommen sind. Gerade hat das Kabinett von Boris Johnson Hongkong-Chinesen britische Pässe angeboten, ein Affront gegenüber der chinesischen Regierung, doch ebenso Ausdruck der Überzeugung, dass diese Spezies so britisch sozialisiert ist, wie das für Inder und Pakistani gilt. Wer so denkt, dem steckt der Glaube an eine Überlegenheit der Angelsachsen bis heute in den Knochen.

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06:00 02.07.2021

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