„Der Frauenstreik tut uns gut“

Interview Petra Zahradka ist Feinmechanikerin bei Jenoptik und Gewerkschafterin, obwohl sie 1993 einmal im Zorn austrat

Für Petra Zahradka sahen die versprochenen blühenden Landschaften so aus: Arbeit als Feinmechanikerin weg, nächste Arbeit auch bald weg, einzige Alternative Leiharbeit. Also pendelt sie von Gera nach Bayern, bis ihre Ehe und ihre Gesundheit kaputtgehen. Aber sie kämpft sich zurück in ihren Job, wo sie jetzt als Frau fast allein unter Männern ist. Am 8. März wird sie in Jena am Frauenstreik teilnehmen.

der Freitag: Petra Zahradka, wie haben Sie das Ende der DDR erlebt?

Petra Zahradka: Ich war euphorisch, wie viele andere auch. Mein Vater konnte das gar nicht verstehen. Der war Kommunist. Er hat den Ersten und Zweiten Weltkrieg miterlebt, das hat ihn geprägt. Nun kam der Kapitalismus wieder. Für ihn ist eine Welt zusammengebrochen, er hatte damals Angst, dass damit auch das nationalsozialistische Gedankengut zurückkommt. Ich bin froh, dass er nicht mehr erleben muss, wie sehr er recht behalten hat.

Wie war Ihre Situation damals?

Anders als die von meinem Vater. Ich war verheiratet, Mitte 20, junge Mutter von einem dreijährigen Kind, und ich habe als Feinmechanikerin beim VEB Carl Zeiss Jena im Werk Gera gearbeitet. Tja, und dann bin ich Ende 1991 arbeitslos geworden. Die auf dem Arbeitsamt meinten, ich werde nie wieder einen technischen Beruf finden und solle auf Sachbearbeiterin oder Arzthelferin umschulen. Ich bekam dann schnell den Stempel „schwer vermittelbar“ aufgedrückt. Die Arbeitsämter waren überfordert mit den ganzen Arbeitslosen aus den abgewickelten Betrieben, das waren alleine in Gera Zehntausende. Ich habe erst in Altenheimen geputzt, dann drei Jahre in einem Motorenwerk gearbeitet, bis die auch Insolvenz anmelden mussten. Es gab keine Arbeit mehr, also habe ich Mitte der 90er bei einer Leiharbeitsfirma angeheuert. Dann bin ich ein paar Jahre nach Bayern gependelt. Jeden Sonntag bin ich hin, habe Mann und Kind alleine gelassen, immer in eine andere Stadt, hatte viele Nachtschichten, das war hart. Ende der 90er ging das nicht so weiter: Meine Ehe war kaputt, ich hatte Angst, dass meine Tochter bald nur noch Tante zu mir sagt, gesundheitlich ging es mir schlecht, ich hatte Magengeschwüre. Als ich mich krankgemeldet habe, bekam ich nach zwei Tagen die Kündigung von der Leiharbeitsfirma, so sind die drauf. Dann habe ich mir wieder was in Gera gesucht, als Aufsicht in einer Spielothek. Komplett was anderes.

Heute arbeiten Sie wieder in Ihrem alten Beruf.

Anfang der 2000er ging es hier in Thüringen langsam wieder aufwärts. 2001 hatte Jenoptik eine Stelle ausgeschrieben. Ich habe beim VEB Carl Zeiss Jena gelernt und Jenoptik ist einer der Nachfolger. Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Job bekomme. Mittlerweile arbeiten fast nur noch Männer als Industriemechaniker, anders als früher in der DDR, aber mein Chef suchte explizit eine Frau. Seit 2001 bin ich bei Jenoptik als Industriemechanikerin beschäftigt und das macht mir immer noch Spaß. Seit 2005 wohne ich jetzt in Jena.

Mittlerweile sind Sie dort auch Betriebsrätin.

Ich war in der DDR auch schon in der Gewerkschaft. Wir waren fast alle im FDGB organisiert. 1991 war ich plötzlich IG-Metall-Mitglied. Die haben mir gesagt, wir machen eine Kündigungsschutzklage, du bekommst deinen Job wieder. 1993 haben sie mir mitgeteilt, dass meine Kündigungsschutzklage keinen Sinn mehr hat, dass sie rechtliche Fehler gemacht haben. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr dran gedacht. Aber mein Frust über die Gewerkschaft war natürlich groß. Ich bin dann ausgetreten. 2001 bin ich dann aber wieder eingetreten. Die von der IG Metall waren schon überrascht, dass ich wieder da war, hatten aber Verständnis für den damaligen Austritt.

Zur Person

Petra Zahradka ist 55 Jahre alt. Sie lernte in der DDR Feinmechanikerin bei Carl Zeiss Jena. 1990 verlor sie ihre Arbeit, pendelte als Leiharbeiterin nach Bayern, ihre Ehe zerbrach. 2001 kämpfte sie sich zurück, beim Zeiss-Nachfolger Jenoptik. Heute ist sie Betriebsrätin und IG-Metall-Funktionärin

Warum sind Sie wieder in die Gewerkschaft eingetreten?

Ich hatte in der Zwischenzeit an_dere Erfahrungen in der Leiharbeit gemacht und wusste, was ich für ein Glück hatte, in Jena einen Job mit Anerkennungstarifvertrag zu bekommen. Das ist wie ein Sechser im Lotto! So was fällt nicht vom Himmel. 2007 war dann mein erster Arbeitskampf um den Flächentarifvertrag Thüringen. Ich wurde in die Tarifkommission gewählt. Und wenn du dich einmal bei der Gewerkschaft für eine Sache bereit erklärt hast, dann wirst du immer wieder gefragt. Seit 2010 bin ich Betriebsrätin und engagiere mich im IG-Metall-Ortsfrauenausschuss. 2014 ist die Vorsitzende in Rente gegangen. Drei Mal darfst du raten, wen sie dann gefragt haben?

Ist es schwierig, Frauenthemen bei der IG Metall unterzubringen?

Ja. Aber auch für die Frauen ist es schwierig. Sie leben in einer Blase aus Arbeit und Familie, politisch interessieren sie sich für wenig, nicht mal für ihre eigenen tariflichen Kämpfe. Wir Frauen sind nach der Wende in eine Rolle reingedrückt worden, in der wir uns nur noch um die Familie kümmern sollten. Die Frauen haben in der DDR ganz normal auch in der Industrie gearbeitet, so wie ich. Auf einmal sollten wir nur noch Hausfrau und Mutter sein, wenn arbeiten, dann nur Teilzeit und in den technischen Berufen überhaupt nicht mehr. Es gibt jetzt männlich dominierte Berufe, das gab es in der DDR kaum. Kranführerin, Stahlarbeiterin – wir haben damals auch industriell gearbeitet. Jetzt arbeiten die Frauen als Kindergärtnerin, Sachbearbeiterin oder studieren. Ich bin noch immer die einzige Frau in der Fertigung und musste mir die Anerkennung hart erarbeiten. Die BRD hat auch schnell Spuren bei den männlichen Kollegen hinterlassen. Ich muss immer beweisen, was ich kann. Beim Lohn ist es das Gleiche: Meine männlichen Kollegen bekommen mehr, wenn sie fragen. Ich bekomme gesagt: Wieso sollen wir dir mehr Geld geben, du machst es doch auch so. Da müssen wir Frauen uns aber auch ändern. Wir müssen erst wieder kämpfen lernen.

Mittlerweile sind die IG-Metall-Frauen auch beim Frauenstreikbündnis Jena aktiv. In anderen Städten ist das eher studentisch geprägt. Wie kam es dazu?

Die Mädels – ich sag immer Mädels, dabei sind die gar nicht mehr so jung – haben bei uns vor drei Jahren angefragt, ob wir uns mal treffen wollen. Da gab es bei unseren IG-Metall-Frauen viel Gegenwehr. „Meine Frauen“ hatten Angst, dass der Frauenstreik was Ultralinkes ist. Aber als wir uns kennengelernt haben, waren die Gemeinsamkeiten sehr groß. Wir Frauen dürfen uns nicht anzicken, wir müssen am gleichen Strang ziehen.

Bei der IG Metall dürfen Sie streiken, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Politische Streiks wie der Frauenstreik sind in Deutschland verboten. Wie gehen Sie damit um?

Wir müssen kreativ werden! Es gibt andere Mittel, zu zeigen, dass wir mit bestimmten Sachen nicht einverstanden sind. Zum Beispiel die kämpferische Mittagspause, dabei verbinden wir die mit einer gemeinsamen Protestaktion. Oder den Stuhlstreik, bei dem wir uns alle zusammen um eine bestimmte Uhrzeit zusammen draußen hinsetzen. Ich sage unseren Frauen immer: Geht doch mal von der Denkweise weg, dass wir die Arbeit komplett niederlegen. Viele haben aber Angst. Seit drei Jahren machen wir beim Frauenstreik mit und kommen mit anderen Frauen in Kontakt. Das tut uns gut und die Frauen bei der IG Metall in anderen Städten wollen so was am liebsten jetzt auch machen. Ich finde, die Frauen vom Frauenstreik sind eine ganz tolle Generation. Die sind sehr selbstbewusst, die greifen die Themen wieder auf. In der DDR waren wir auch selbstbewusste Frauen, die sich auch mal was trauten. Das ist uns irgendwann verloren gegangen.

Wie war eigentlich der Frauentag in der DDR?

Wir sind für eine Stunde von der Arbeit freigestellt, auf Kaffee und Kuchen eingeladen worden und der Betriebsleiter hat über die sozialistischen Errungenschaften erzählt. Das war für mich jetzt kein Tag, bei dem wir Frauen etwas zusammen machen. Wir haben unsere Nelke und auch ein kleines Präsent überreicht bekommen. Eigentlich genau wie nach 1990 auch. Deswegen bin ich so froh, dass es jetzt eine neue Generation gibt, von der wir lernen. Wir müssen selber gestalten und aktiv werden.

Was haben Sie dieses Jahr vor, mit Corona und so?

Wir wollen am 8. März eine kämpferische Mittagspause mit dem Frauenstreik Jena vor der Jenoptik machen. Wir rufen die Kolleginnen auf, um eine bestimmte Uhrzeit vor den Betrieb zu kommen. Manche wollen am Nachmittag an der Veranstaltung vom Frauenstreik in der Innenstadt teilnehmen. Bis jetzt sieht es gut aus, es wollen viele mitmachen.

Das muss Sie doch sehr motivieren!

Ach, ich kämpfe seit Januar schon wieder woanders. Bei Jenoptik soll das Produkt, das wir herstellen, an einen anderen Standort verlagert werden. Über die Hälfte der Mitarbeiter sollen entlassen werden. Bei uns geht es jetzt um Standorterhaltung, um Erhalt der Arbeitsplätze. Die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber gehen an die Substanz. Aber ich kann beim Frauenstreik auch mal kürzertreten, weil mittlerweile viele andere Frauen mitmachen. Sie halten mich auf dem Laufenden!

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06:00 07.03.2021

Ausgabe 18/2021

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