Der „Führer“ ist nicht totzukriegen

Geschichte Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo auf einer Mattscheibe Hitler zu sehen ist. Aber ist Hitler wirklich ein lohnendes Thema für alle Zeiten?
Der „Führer“ ist nicht totzukriegen
Hund vermisst Herrchen

Bild: AFP/Getty Images

Bei dem Historikertag in Hamburg kam die Frage auf, ob nicht das Thema Hitler ausgeforscht sei. Das ist natürlich eine fachfremde Vorstellung. In der Geschichtsschreibung wie in Geschichtswissenschaft stellen sich spätestens alle drei Generationen zu den großen Themen der Historie neue Fragen. Das 18., das 19. und das 20. Jahrhundert haben den antiken Historiker Thukydides jeweils ganz anders studiert. Und wenn vor etwas mehr als hundert Jahren die Gebildeten Jacob Burckhardts Griechische Kulturgeschichte lasen, um etwas über griechische Geschichte zu lernen, so lesen sie dieses Werk heute, um noch mehr über Jacob Burckhardt zu lernen. Manchmal verdrängen eben auch große Historiker ihr Thema, wie Hegel, der befand, dass sich der Peloponnesische Krieg schon deshalb gelohnt habe, weil Thukydides einzigartig darüber geschrieben habe.

Aber ist Hitler ein lohnendes Thema für alle Zeiten? In Hamburg ließ denn auch der Freiburger Neuhistoriker Ulrich Herbert eine heftige Philippika gegen die mit viel Brimborium in die Öffentlichkeit gebrachte wissenschaftliche Edition von Hitlers Mein Kampf vom Stapel. Der ganze Aufwand an Kommentar und Stellennachweisen erwecke den Eindruck, als handele es sich bei Hitler um eine der großen Gestalten der Geschichte. Davon könne aber keine Rede sein. Das ist zweifellos richtig. Hitler war kein Alexander oder Caesar, kein Karl der Große oder Napoleon.

Der Vater des Publizisten Joachim Fest lehnte die Beschäftigung seines Sohnes mit der Führungsgarnitur des „Dritten Reiches“ schroff ab. Er sagte, die Leute kämen aus der Gosse und wer sich mit ihnen befasse, begebe sich selber in die Gosse. Joachim Fest tat es dennoch und wurde ein hervorragender Geschichtsschreiber. Er beging dann leider den Fehler, auf den Nazi hereinzufallen, der nicht aus der Gosse kam: Albert Speer. Er wirkte an dessen Legende vom „guten Nazi“ mit und beschädigte so sein eigenes Ansehen. Mit Blick auf andere Bücher von ihm – etwa das zum 20. Juli 1944 – ist zu hoffen, dass dies nicht für immer so sein wird.

Im Übrigen ist Hitler so lange nicht ausgeforscht wie Hitler sich bezahlt macht. Das gilt weltweit. Aber eben auch in Deutschland hat Hitler nach wie vor Konjunktur, vor allem in den Fernsehsendern. Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht irgendwo auf einer Mattscheibe Hitler zu sehen, oft auch in prächtigen Aufmärschen. Man stelle sich vor, in den Tages- und Wochenzeitungen würden mit ähnlicher Häufigkeit Hitlerbilder abgedruckt, so dass man kaum ein Blatt mehr aufschlagen könnte, ohne auf den Diktator zu stoßen. Es wäre zum Heulen.

06:00 04.10.2016
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