Der kleine Löwe und der Schnellzug der Angst

Zwischen Durban und Dakar Andrea Jeska beobachtet, wie Kenia sich wegen chinesischem Bahnbau verschuldet
Der kleine Löwe und der Schnellzug der Angst
Antilopen unter einem Schienenbauprojekt im kenianischen Nationalpark Nairobi

Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP/Getty Images

Es war einmal ein kleiner Löwe im kenianischen Nationalpark, der dachte, sein größter Feind seien Wilderer. Doch eines Tages erschein ein Ungetüm, das weitaus schlimmer zu sein schien. So laut ratterte und donnerte es über dem Kopf des kleinen Löwen, dass er panisch davonlief.

Wir wissen nicht, ob und inwieweit ein Löwe reflektieren kann. Ob er nach einer Weile erkennen würde, dass dieser Schnellzug, der über ihm auf einer Brücke fährt, ihm nichts anhaben kann. Niemals aber wird er wissen, dass der Zug nicht nur ihm, sondern auch den menschlichen Bewohnern seines Landes Angst machen sollte. Nicht wegen seines Geratters, sondern wegen seiner Kosten und seiner Finanzierung. Denn die zehn Milliarden Dollar, die Kenia für den Ausbau seiner Bahntrassen und für den Einsatz moderner Schnellzüge aufwendet, sind ein Kredit aus China, mit dem sich das ostafrikanische Land weit über seine Kapazitäten hinaus verschuldet hat.

Am Anfang war da der vor zwei Jahren in Betrieb genommene Madaraka-Express. Dieser verbindet Nairobi mit der Hafenstadt Mombasa. Eine gute Sache, eigentlich, denn die Fahrzeit zwischen den beiden Städten beträgt jetzt nur noch fünf statt zehn Stunden, der Express beflügelt die Tourismusbranche und erleichtert den Transport von Waren aus Mombasa nach Nairobi. Denn dafür wurde der Zug hauptsächlich in Betrieb genommen.

Allerdings sind das größtenteils chinesische Waren. Und das ist dann schon wieder eine schlechtere Sache. Betrieben wird der Express von der halbstaatlichen China Road und Bridge Company (CRBC), die auch die Trasse erbaute, finanziert von einer chinesischen Bank. Verwendet wurden chinesische Baumaterialien, Gewinne gibt es bislang lediglich beim Transport chinesischer Güter. Der Express ist Teil des weltweiten chinesischen Großprojekts Belt and Road Initiative: der „Neuen Seidenstraße“. Mit dieser will China seine Häfen und Bahnhöfe mit dem Rest der Welt verbinden, um so seine Waren global exportieren zu können.

Weil China seit drei Jahren Kenias größter Handelspartner ist, erhielt die CRBC den Auftrag ohne Ausschreibung. Kenia importierte 2018 Waren im Wert von über vier Milliarden Euro, die Exporte brachten nur gut 100 Millionen Euro ein. Entsprechend groß ist das Handelsbilanzdefizit. Da China bereits seit Jahren Infrastrukturprojekte in Kenia finanziert, stehen die Kenianer mit über fünf Milliarden Euro bei Peking in der Kreide.

Die zweite Trasse, die durch den kenianischen Nationalpark verläuft, wird demnächst die kenianischen Städte Nairobi und Naivasha verbinden. Gegen den Bau haben Umwelt- und Tierschützer Klage eingereicht. Sie bemängeln fehlende Gutachten zum Schaden an der Natur. Während sie auf ein Urteil warten, schreitet der Bau munter voran.

Und der kleine Löwe? Vielleicht findet er Trost in der Geschichte, dass zwei seiner Artgenossen beim Bau der ersten kenianischen Eisenbahn vor 100 Jahren 30 Arbeiter auffraßen und als „man-eater“ gefürchtet waren. Oder er macht sich einfach aus dem Staub.

Andrea Jeska veröffentlicht u.a. im Freitag Reportagen aus aller Welt

06:00 01.10.2019
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