Der Tellerrand als Grenze zur Welt

Die Doytçe Wie halten es die Deutschen mit den Flüchtlingen auf ihren Facebook-Profilen? Da gibt es die Wohlwollenden und Wutwollenden. Unsere Kolumnistin? Irgendwo dazwischen
Hatice Akyün | Ausgabe 08/2016 9
Der Tellerrand als Grenze zur Welt
Es wird nach Stammtischmanier krakeelt in der Politik

Foto: Sven Simon/Imago

Entweder mag man Flüchtlinge, oder man hasst sie. Das gilt auch in meinem Kollegen-, Bekannten- und Freundeskreis. Ich muss erwähnen, dass diese Kreise zur relativ stabilen Mittelschicht gehören, es sind Menschen, die es sich zeitlich und finanziell leisten können, Gutes oder Gemeines zu tun. Meistens wird aber doch nichts getan, sondern nur geredet. Ein bisschen fühlt es sich an wie der Kampf „schöner wohnen“ gegen „schöner hetzen.“ Während die einen darüber nachdenken, ob ein rechtsdrehender oder linksdrehender Joghurt besser für den Flüchtling ist, ziehen die anderen jede gute Tat ins Lächerliche, hassen und beleidigen endlos. Da werden Nachrichten über Flüchtlinge verbreitet, dass einem schwindlig wird. Entweder vergewaltigt der Flüchtling massenhaft blonde Frauen, oder aber er gibt 100.000 Euro bei der Polizei ab, die er in der Bahn gefunden hat.

Entlang von Facebook-Profilen kann man die deutsche Psyche ganz gut studieren. Das sind die Wohlwollenden, die aus sicherer Distanz reagieren, sich in der eigenen Mitmenschlichkeit suhlen und virtuelle Hilfsbereitschaft im Übermaß simulieren. Ihnen gegenüber stehen die Wutwollenden, die ihre Überzeugungen in Burgmentalität kultivieren und längst im Stillstand, nein, im Rückschritt leben, immer entlang des eigenen Bauchnabels argumentierend. Mittelschichtsgeschwurbel, das nicht mal dazu reicht, Lösungsansätze zu erkennen.

Auf der politischen Bühne sieht es nicht viel anders aus. Da wird nach Stammtischmanier krakeelt, da werden prahlerische Bedingungen gestellt, die sofort Makulatur wären, trüge man die politische Verantwortung. Misstrauisch und ablehnend, aber sich immer überlegen gebend. Nennen wir diese Leute beim Namen. Es sind Rassisten, die ihre Macht durch Ressentiments und dumpfe Beleidigungen demonstrieren. Und dann sind da die selbst mandatierten Weltverbesserer, die gute Ratschläge für das Zusammenleben der Kulturen im Flüchtlingscontainerdorf erteilen. Mit Vermutungen, Witterungen, Mutmaßungen und Sprachbildern werden Diskussionen bestritten, während man nicht müde wird, von der Gegenseite Argumente einzufordern, die auf Evidenz und Erfahrung beruhen. Da bringt dann die plötzliche Erkenntnis, dass Fremde weder besser noch schlechter sind als „wir“, so manches Weltbild ins Wanken. Und oft wird dann am eigenen Tellerrand die einzig gültige Weltformel aufgestellt.

Um mich mal zu outen: Ich bin ein typischer „inbetweener“, womit ich mich vermutlich ausnahmsweise mal in der Mitte der Gesellschaft befinde. Vielleicht wünscht der eine oder andere Leser hier zu erfahren, was ich persönlich so konkret mache. Ich mag es nicht sagen, mich widert der Exhibitionismus des Helfens an. Was ich aber sagen kann: Ich habe Fragen. Helfe ich genug? Bin ich frei von Vorurteilen? Ist es mir egal, ob der Flüchtling aus Aleppo oder aus dem Kosovo stammt? Mit den Antworten quäle ich mich jeden Tag.

Ist das Thema gewaltig, weil es unbeherrschbar scheint? Oder ist es unbeherrschbar, weil es nur halbherzig angegangen wird? Jeder wird irgendwann mit etwas konfrontiert, das einen aus der Bahn wirft. Und was machen wir? Wir kommen irgendwie zurecht. Vielleicht nicht sofort, nicht über Nacht, aber irgendwann doch. In der Regel macht es uns stärker, verständnisvoller und reifer. Dieser Maxime sollten wir folgen. Ohne Lärm, ohne Besserwisserei und ohne geheuchelte Hilfsbereitschaft.

Hatice Akyün ist deutsche Schriftstellerin mit türkischen Wurzeln. Als Die Doytçe schreibt sie für den Freitag regelmäßig über ihr Leben mit zwei Kulturen

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