Dieses obskure Objekt der Verzierde

Sachlich richtig Literaturprofessor Schütz empfiehlt Bücher über Felicitas Hoppe und Robert Walser
Erhard Schütz | Ausgabe 02/2016

Da man gemeinhin das neue Jahr mit guten Vorsätzen anfängt, wollen wir kurz auf die Schwierigkeiten hinweisen. Da wäre jener, der jahrelang davon träumte, im Lotto zu gewinnen. Gott, den er in seiner Not schließlich anruft, rät ihm: Kauf dir erst mal ein Los! Gabriele Oettinger, international renommierte Psychologin, illustriert mit diesem Witzlein die Macke des positiven Denkens: Such deinen Traum, wünsche seine Erfüllung – und wupp, da kommt sie. Wie man inzwischen weiß, dass Dauerlächeln eher depressiv macht, so hat Oettinger experimentell herausgefunden, dass positiv Motivierte weniger erfolgreich sind als solche, die sich Schwierigkeiten und Widerstände klarmachen. Klar. Oder?

Schriftstellern muss man so etwas nicht sagen. Aber gute Literatur bietet dann doch einen ganz anderen, einen bunteren Trost, zumal, wenn sie von Felicitas Hoppe oder Robert Walser stammt. Die Stelle von Ratgebern nehmen hier die literaturwissenschaftlichen Erläuterungsbände ein. Nehmen wir durchaus nahliegend an, man sei von Felicitas Hoppe begeistert. Welche Stichworte fielen einem dann ein?

Nun: Wunderbares, Erfundenes, Fantasie, Ordnung und Rebellion, Spiel natürlich! Glück unbedingt auch. Das ist den Beitragenden zum Text-und-Kritik-Heft über sie auch eingefallen. Leider gelegentlich eher unter dem Raffinesse- wie Sprachniveau des Objekts der Anhaftung. Eine wohltuende Ausnahme: Claudia Stockinger über die Rolle von Religion (katholischer – so wie zum Beispiel bei Sibylle Lewitscharoff oder Martin Mosebach, nur anders). Das ist instruktiv und klug.

Dazu passt vorzüglich ein Gespräch der Büchner-Preisträgerin mit dem Redakteur am Kölner Dom-Radio, Johannes Schröer, das in einem parallel erschienenen Sammelband enthalten ist. Auch hier gibt es Querschnittsüberlegungen, etwa zum Reisen, zur Kleidung, zur Komik und – naturgemäß, in diesem Fall von Michaela Holdenried ebenfalls sehr anregend und fein geschrieben – zur biografischen Fiktion. Ein größerer Teil widmet sich den einzelnen Werken. Das ist oft verdienstvoll, öfter auch bloß brav seminaristisch. Inklusive No-go-Formulierungen wie „Es konnte gezeigt werden …“ und den obligaten „transgressions of boundaries“. Legt aber, wie es sich fürs Seminar gehört, auch allerlei Samenkorn. Zusammen konturieren die beiden Bände die ungemeine Verführungskraft dieser Autorin, ihre unnachahmliche Strategie des vermeintlichen Rückgangs vor die Pubertät: Entfaltung einer sanften Allmacht in Tagtraum, Umerzählung, Fabulierlust, Verkleidungsspiele (und Puppenhochzeiten), zugleich voller hintersinniger Gewitztheit, weltoffener, unbegrenzt scheinender Aufnahmefähigkeit – und lustvoller Sprachvirtuosität. Was will man mehr? Übrigens ist das Objekt der Verzierde derzeit auf den Spuren von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow unterwegs, die Anfang der 30er Jahre durch die USA reisten und deren Reisebericht sie in einer endlich deutschen Ausgabe 2011 bevorwortet hatte.

Und dann wäre mal wieder Robert Walser in Erinnerung zu bringen. Denn er wird nicht nur in näherer oder fernerer Demnächstheit gleich zwei neue Werkausgaben haben, sondern hat nun auch sein Handbuch. (Das Handbüchern liegt inzwischen gleichauf mit dem Sammelbändern.) Aber wenn’s einer guten Sache dient – und auch noch gut gemacht ist …

Leben, Werk, Wirkung – natürlich. Angenehm kurz gefasst und informativ zum Leben Robert Walsers. Kluger Einfall, die Wohnadressen des Schweizer Schriftstellers aufzulisten: 78 immerhin, dazu vier unbekannte Aufenthalte. (Literaturdetektive ran!) Folgen Zusammenarbeiten und Grundlagen, höchst informative wie kompakte Darstellungen zu Feuilleton, Literaturbetrieb und Publikationsorganen. Die Werke dann den einzelnen Phasen entlang, allesamt so präzise wie knapp. Einzelaspekte von den Masken des Ich über Mikrografie, Großstadt, Dichterporträts, Theatralität, Büro, Kindheit, Tiere, Dinge und Frauen. Fehlen eigentlich nur die Helden und sein Kampf gegen sie. Schließlich noch Wirkung, Nachlass, Edition, Rezeption in den Künsten und eine Skizze der Forschung. Alles höchst gediegen, was nicht verwundert, da durchweg Koryphäen wie Sabine Eickenrodt, Beatrice von Matt, Barbara von Reibnitz, Roman Bucheli, Bernhard Echte, Reto Sorg oder Peter Utz am Werk waren. Respekt!

Info

Die Psychologie des Gelingens Gabriele Oettinger Pattloch 2015, 272 S., 19,99 €

Text und Kritik, Heft 207: Felicitas Hoppe edition text und kritik 2015, 93 S., 24 €

Felicitas Hoppe: Das Werk Michaela Holdenried (Hg.) Erich-Schmidt-Verlag 2015, 342 S., 49 €

Robert-Walser-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung Lucas Marco Gisi J. B. Metzler 2015, 472 S., 69,95 €

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06:00 27.01.2016

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