Drinnen vor der Tür

Werkschau Eine Reihe in Berlin zeigt die Filme des transnationalen Künstlers Sohrab Shahid Saless
Madeleine Bernstorff | Ausgabe 22/2016

Zur Ausstellung Immer bunter - Einwanderungsland Deutschland, die derzeit im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen ist (siehe Freitag 21/2016), zeigt das dortige Zeughauskino als rigorose Erweiterung eine Filmreihe mit 13 Werken des großen Unbekannten Sohrab Shahid Saless. Der im Iran geborene Künstler war einer der wichtigsten transnationalen Filmemacher des deutschen Kinos, zwischen 1975 und 1992 drehte er hier Filme.

Die Bundesrepublik war sein erstes Exil, nachdem Saless einen dritten Film im Iran nicht hatte drehen können; in seinem zweiten Exil, den USA, starb er erschöpft 1998. Seine Produktionen erkämpfte sich Sohrab Shahid Saless an den Rändern des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in immer neuen Auseinandersetzungen mit der „Managementerei“ einer stickigen deutschen Film- und Fernsehlandschaft, mit Amtsträgern, die unfähig sind, optisch zu denken, mit einem, wie er es selbst beschreibt, wehleidigen Produzentenvolk.

Bei den Filmkollegen vermisste Saless Mut und Deutlichkeit. Die Abstoßungsbewegungen der BRD-Gesellschaft spürte und thematisierte er energisch und hartnäckig als der „ungemütliche ‚Aus‘-Länder“, auf den er immer wieder zurückgeworfen wurde. Seinen Lebenslauf füttert er polemisch mit Zahlen auf: „Über mich gibt es nicht viel zu sagen. Geboren bin ich 1944 in Teheran. Ich habe in Wien und Paris Film studiert. Ohne Geld. Habe Treppen geputzt und war Fensterputzer. Zweimal Tbc-krank. Einmal Magendurchbruch mit 24. Als Schah-Gegner verließ ich den Iran 1974. Ich bin ein politischer Mensch. Rauche manchmal 60 Zigaretten pro Tag. Schlafe immer schlecht. 13 Spielfilme sind die Bilanz meines Auf- und Ausatmens! Habe mehr als 18 internationale Filmpreise. In meiner Heimat durfte ich nur zwei Spielfilme machen, die restlichen elf habe ich in der BRD gesündigt. Lebe und wohne in Zügen.“

Anwerbestopp, Kohl-Wende

Die Filmreihe im Zeughauskino ist die ausführlichste Würdigung des Werks von Saless seit langem. Mit dabei: eine neue 35-Millimeter-Kopie des monumentalen, dreistündigen Films Utopia (1983). Manfred Zapatka spielt darin den grenzüberschreitend brutalen Zuhälter Heinz in der vom Regisseur extensiv recherchierten Westberliner Halbweltgegend um die Kantstraße. Der Film ist die Studie eines Herrschaftssystems ohne Rotlichtromantik.

Mit dem gleichen Team entstand gleich danach Empfänger unbekannt. Der Film beginnt wie ein dokumentarischer Essay über den „Fremdenhass“ eines Durchschnittsbürgers, der, finanziell gut gestellt und teuer eingerichtet, es sich leisten kann, Erich Fromm zur seelischen Innenausstattung zu lesen. Im Vorspann von In der Fremde (1975) hieß es: „Noch einen GASTARBEITERFILM, das wollte ich nicht, sondern einen Film über das Wort ELEND, das ursprünglich einfach IM ANDEREN LAND LEBEN bedeutete, dann IN DER FREMDE hieß und einen immer schlechteren Klang bekam.“

Die Filme von Sohrab Shahid Saless schildern Individuen in oppressiven Gesellschaften – mit metaphysischer Sachlichkeit, begründet in dem Vorbild Anton Tschechow und dessen Erzählrhythmus der tiefen Seufzer. „Ich mag nicht durch Technik, durch Travellings, Schwenks, Zooms den Zuschauer betrügen und verwirren“, beschreibt Saless seinen Stil, „ich will ganz einfache Szenen haben, und was darin passiert, ist das Wichtigste für mich.“

In langen planen Einstellungen erzählt Saless von verlorenen Söhnen, der Mumifizierung von Gefühlen, dem Einfrieren im Überflüssigwerden, schizophrenen Zuständen und grimmigen Sprachlosigkeiten. Kein mittlerer Realismus, kein Botentheater. Atmosphären der späten 70er und frühen 80er Jahre, das beredte Schweigen nach Anwerbestopp und Kohl-Wende, in dem das Nichteinwanderungsland noch lange behauptet wird.

Ein kleines Archiv in Oldenburg hütet den Nachlass und veröffentlicht Material zu Freundschaften etwa mit dem Regisseur Eberhard Fechner und der Autorin und langjährigen Chefkonservatorin der Cinémathèque française, Lotte Eisner, die die Intensität von Saless’ Arbeit so schätzte, dass sie mit ihm das Filmporträt Die langen Ferien der Lotte H. Eisner (1979) drehte. Im Exil fanden sich beide.

Info

Sohrab Shahid Saless – Eine Werkschau Bis 30. Juni, Zeughauskino Berlin

06:00 15.06.2016

Ausgabe 13/2020

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