Tim Slagman
15.08.2012 | 11:45 2

Echt und unecht und wie man sich fühlt

Im Kino "This Ain’t California" ist kein Film über das Skateboarden oder die DDR. Sondern ein Film über die Arbeit, aus Erinnerungen eine Variante der Vergangenheit zu formen

Das ist kein Film über das Skateboarden. Es ist auch kein Film über die DDR. Sicher, ein Stasi-Mitarbeiter erzählt erstaunlich offen von der Ratlosigkeit, mit der die Überwachungsbehörde der neuen Subkultur der „Rollbrettfahrer“ gegenüberstand, damals in den achtziger Jahren. Doch der Mann wollte nicht vor der Kamera sprechen. Deshalb hat Regisseur Marten Persiel dessen Worte einem Schauspieler in den Mund gelegt und diesen zum Interview in ein farb- wie trostloses Büro gesteckt. Von diesem Kniff verrät This Ain’t California nichts. Und auch nichts davon, dass einige der Bilder großer Emotionen, die der Film dem entgegensetzt, in einem Nachdreh künstlich neu erzeugt wurden.

Denn genau darum geht es eigentlich: um die Arbeit des Erinnerns, um das Mühselige, Lückenhafte, aus dem der Erinnernde sich genauso eine Variante der Vergangenheit formen muss wie der Dokumentarist einen Film. Alles beginnt damit, dass Denis stirbt. Denis, einer der Jungs, die sich damals in der Betonwüste von Magdeburg-Olvenstedt ein Holzbrett unter die Füße geschnallt haben. Denis, der zu einem der besten Skater auf dem Alexanderplatz heranwuchs, als ihm Olvenstedt zu eng geworden war. Denis, den manche, aber nicht alle seiner ganz alten Freunde, Panik nannten wegen seiner rauschhaften, chaotischen, wilden Art. Denis, der verhaftet wurde in den letzten Wochen der DDR. Denis, der als Soldat nach Afghanistan ging und dort ums Leben kam.

Haben wir Denis eigentlich jemals gekannt? Nach der Beerdigung, so jedenfalls suggeriert es die Montage, kommen einige Protagonisten zu einem Sit-in in einem alten Hinterhof zusammen, wo sie bei Bier und Zigaretten die gemeinsame Zeit rekonstruieren. Sie machen ihre Erinnerungen lebendig. Oder was sie dafür halten.

Echtes und scheinbares Archivmaterial hat Persiel zusammengefügt, vor allem Super-8-Filme aus Olvenstedt, vom Panorama des Alexanderplatzes oder von der gemeinsamen Reise zu einem Skater-Treffen in die Tschechoslowakei. Aber es gibt auch Intimeres, Momente auf dem Sofa mit Panik, an der Gitarre, über einem Buch, ein Bild, das er damals hätte geheim halten wollen, weil es nicht zum Image des impulsiven Rowdys passte.

Über diesen Bildern liegen mehrere Stimmen, die sich mal ergänzen, mal widersprechen: Niko, ein Skater aus dem Osten, und eine Journalistin aus dem Westen, die sich spontan in der Ostberliner-Clique zu Hause fühlte, steuern den Großteil des Kommentars bei. Und da, wo es keine Bilder vom Damals gibt und das Heute ihnen nicht nahe genug kommen würde, hat Sasa Zivkovic animierte Tableaus, kleine Kurzfilme erstellt, die die Aufgabe des Dokumentarischen auf den Punkt bringen: Denn es geht immer um einen Akt der Neuerschaffung, notwendig subjektiv und notwendig trügerisch.

Marten Persiel hat gegenüber der Empörung, die seiner Methode entgegengebracht wurde, versichert, es sei so passiert. Aber das ist eine Meta-Erzählung, die im Film nicht vorkommt. Gerade weil viele Gestaltungselemente ihre eigene Unzuverlässigkeit reflektieren, musste Persiel wissen, dass der Rest für bare Münze genommen werden würde. This Ain’t California ist ein Film über Denis, dessen Freunde und darüber, wie Menschen und ein visuelles Medium darum kämpfen, jemanden zurück ins Blickfeld zu holen, den man aus den Augen verloren hat. Vor seiner eigenen Courage schreckt der Regisseur dann aber leider doch zurück.

 

Beitrag zum Thema von ARTE TRACKS:

Kommentare (2)

klonkifanko 18.08.2012 | 14:11

Treffender Artikel, den man so recht erst verstehen kann, wenn man den Film selbst gesehen hat. Besonders beim zweiten Nachsinnen kommen viele Fragezeichen, die sich nicht allein um die Authentizität der Erzählung drehen, sondern vor allem die Rolle der vermeintlich über die "Redakteurin" ins Bild gerückte West-Szene betreffen. Es grenzt zwischenzeitlich an dummdreistes Product Placement einer Dailysoap, wenn dann noch "Titus" in Erscheinung tritt.

Diese Zweifel stören meine Bewertung des Werks viel mehr als die Frage nach der Echtheit der Figuren. Denn immerhin eines stimmt an der Geschichte: In der Rückschau in die Jugend entstehen leicht Heldensagen...

magno 30.05.2013 | 17:05

Für mich ist und bleibt der Film ein Highlight von 2012. Selten wurde ich so mitgerissen. Ein gutgemachter Film dessen Geschichte mich überzeugen konnte, denn sie ist so wahr wie meine Jugend und da bin ich nicht der einzige wie sich gezeigt hat. Ich kann den Film nur empfehlen, egal wie man zu der Kritik steht die es gab, denn wie man es dreht und wendet, er ist fabelhaft gemacht und verzichtet auf jeglichen Kitsch den man aus anderen Filmen kennt die in der DDR spielen. Einfach mal ansehen.