Ein Fuchs, mitten in der Stadt!

Die Ratgeberin Unsere Kolumnistin sah sich in ihrem urbanen Habitat mit wilden Bestien konfrontiert. Zum Glück hat sie alles richtig gemacht
Susanne Berkenheger | Ausgabe 42/2016 1
Ein Fuchs, mitten in der Stadt!
Hartnäckig: der Fuchs
Bild: imago/Olaf Wagner

Früh um sechs brechen der Hund und ich zu unserer dunklen Runde um die Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg auf. Dort lebt im Kirchengebüsch ein Fuchs. Ich finde das toll. Kulturnachfolge liegt bei Wildtieren im Trend und ist ja auch besser, als einfach auszusterben. Gerade als ich mir wieder einmal vorstelle, wie ich den Gehsteig bald mit Wildschweinen, Wölfen und Bären teile, da raschelt es hinter uns. Im fahlen Laternenschein steht: der Fuchs! Gigantisch (für einen Fuchs), seine Schultern mindestens kniehoch. Was für ein schönes Tier!

Der Hund erkennt, dass er selbst etwas kleiner ist, und winselt. Der Fuchs fixiert uns. Ich fixiere zurück. So stehen wir alle komplett unbeweglich mehrere Minuten, bis ich mich geschlagen gebe und lächelnd weiterlaufe. Hinter uns her trottet: der Fuchs. Ist ja ulkig. Nur zur Vorsicht, damit der Hund nicht auf das scheue Wildtier losgeht, wechsle ich die Straßenseite. Auf dem Fuße folgt: der Fuchs. Ein früher Passant zieht sofort sein Handy raus, Fuchs knipsen. Ich laufe etwas schneller, noch schneller hinterher läuft: na, wer wohl?

Öhem. Nur noch eine Armlänge liegt zwischen uns. Ich scheuche ihn. Interessiert ihn nicht. Ich wechsle mehrmals die Straßenseite. Er ebenso. Ich mache einen beim Hundetraining gelernten Ausfallschritt auf ihn zu und zische ihn an. Zögerlich weicht er zurück – einige Zentimeter. Zwei Frauen, denen unsere lebensbedrohliche Situation total egal ist, stoßen begeistert „Ein Fuchs!“ aus. Für die interessiert sich der räudige Killerkojote aber auch gar nicht. Nur auf uns hat er es abgesehen. Jetzt schneidet er uns sogar den Weg ab, leckt sich die Lefzen, seine Augen glühen. Todesmutig schaffe ich es, ihn wieder über die Fahrbahn Richtung Kirche zu treiben. Da kommt das erste Auto des Tages, unser Retter. Die Bestie muss sich auf die andere Straßenseite zurückziehen. Ha! Wie die Verrückten rasen der Hund und ich nach Hause.

Kaum fällt die Haustür ins Schloss, kommen mir Zweifel: Habe ich das jetzt tatsächlich erlebt? Gleich mal das Internet befragen. Da gibt es immer welche, denen meine Erlebnisse schon zuvor passiert sind. Zum Beispiel Mrs. Brightside. Auch sie und ihr Hund wurden von einem Fuchs verfolgt. Ein Spaziergänger habe sie gar gefragt, ob das ihr Fuchs sei. Unfassbar. Zudem finde ich die Geschichte eines Rentners, dessen Sofa von einem Fuchs eingenommen und verteidigt wurde.

Ich rufe bei der Wildtierberatung des Naturschutzbunds an und schildere den Überfall, nicht ohne zu erwähnen, dass ich „pro Wildtiere in der Stadt“ bin, aber trotzdem überleben will. Ich werde gelobt: Alles richtig gemacht! Puh!

Andere dagegen haben alles falsch gemacht. Die haben den Fuchs vermutlich angefüttert und damit verdorben. Nie, nie, nie darf man das tun! Manche Füchse setzten sich schon zu Leuten an den Gartentisch und bettelten wie Hunde. Schnell würden sie so zum Problem, sprängen ungefragt auf Tische, an denen Leute essen, und rissen Kindern Brottüten aus den Händen.

Diesbezüglich mute das Verhalten des Gethsemanefuchses nicht so gut an. Der habe wohl gelernt: Mensch mit Hund, da gibt’s Leckerli. So. Ich werde jetzt – im Auftrag des Naturschutzbunds – ein mobiles Bootcamp für verzogene Stadtwildtiere starten. Bei unserer nächsten Begegnung ziehe ich dem Fuchs mit der Angelrute eins über! Sehe ich einen aufmüpfigen Spatz, schieße ich in die Luft, marodierende Eichhörnchen treibe ich mit donnernden Schritten auf die Bäume. So sieht zeitgemäße Tierliebe aus.

Von Susanne Berkenheger erschien zuletzt das Taschenbuch Ist bestimmt was Psychologisches. Für den Freitag verteilt sie gute Ratschläge

06:00 22.10.2016

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