Ein Meilenstein

1954 Vor 60 Jahren erklärt der Oberste Gerichtshof in Washington die Rassentrennung an öffentlichen Schulen für verfassungswidrig. Aber es dauert lange, bis sich etwas ändert
Florian Beißwanger | Ausgabe 21/2014 2

Es gelingt nicht vielen Richtern, Rechtsgeschichte zu schreiben. Earl Warren, Oberster Richter des US-Supreme-Court, ist einer davon. Der gebürtige Kalifornier verkündet am 17. Mai 1954 ein Urteil, das die amerikanische Gesellschaft grundlegend verändern soll. Bis dahin hat das oberste Gericht dieses Landes noch nie ein Gesetz aufgehoben, wenn es dessen Rechtmäßigkeit zuvor selbst bestätigt hatte. Identifizierten sich die Richter am Supreme Court noch 1896 mit dem Prinzip „getrennt, aber gleich“, wird diese Haltung mit der Entscheidung von 1954 revidiert. Fortan soll die gesetzlich verankerte Rassentrennung an öffentlichen Schulen keinen Bestand mehr haben. Als Reaktion darauf feiern viele Afroamerikaner den Richterspruch als für sie bis dahin wichtigste Entscheidung des 20. Jahrhunderts. Ein Meilenstein in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung ist gesetzt.

Auslöser für das einstimmige Richtervotum ist die Klage des Kriegsveteranen Oliver Brown. Der gelernte Schweißer und seine vier Mitkläger wollen es nicht länger hinnehmen, dass ihre Kinder getrennt von weißen Altersgefährten unterrichtet werden. Besonders schwarze GIs, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, wehren sich gegen die fortgesetzte Diskriminierung. Sie stören sich daran, dass einerseits die Rassentrennung in der Armee 1948 aufgehoben wurde, sie aber an Schulen und in Bussen, im Kino und in Restaurant weiterhin als legitim gilt. Der gesellschaftliche Druck von Afroamerikanern auf Politik und Justiz, dies endlich zu ändern, wächst spürbar – das ist nicht zuletzt ein Verdienst der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

Unter diesen Umständen scheint eine Reaktion des Obersten Gerichts in Washington nur eine Frage der Zeit zu sein. Als es endlich so weit ist, bleibt allerdings offen, wann der gefasste Beschluss wirksam werden soll. Die Richter sprachen in ihrem Beschluss von einer „angemessenen Geschwindigkeit“. Für die Südstaaten ist das eine Einladung, sich allem so lange wie möglich zu widersetzen, was der bisherigen jahrzehntelangen Diskriminierungspolitik widerspricht. Besonders im rund 100.000 Einwohner zählenden Little Rock, der Hauptstadt von Arkansas, ist der rassistische Starrsinn ungebrochen. Erst im September 1957 wagen es dort neun afroamerikanische Schüler, ihr Recht einzufordern und eine öffentliche Schule zu betreten. Sie sehen sich einem Spießrutenlauf ausgesetzt. Sie werden bitter beschimpft und von einer wütenden Menge angespuckt. „Mein Körper war taub. Ich habe nur meinen Kopf gespürt und meine Gedanken“, schreibt später Melba PattilloBeals in ihren Erinnerungen.

In Little Rock hat sich ein Bürgerkomitee der Weißen gebildet, um zu verhindern, dass in der Stadt gemischte Schulklassen entstehen. Orval Eugene Faubus, der Gouverneur von Arkansas, weiß das. Und er kennt die Umfragen. Danach lehnen gut 85 Prozent der weißen Einwohner seines Bundesstaates Gemeinschaftsschulen ab. Bei diesem Meinungsbild dürfte es bleiben, wenn Faubus in ein paar Monaten seine Wiederwahl anstrebt. Also werden die afroamerikanischen Familien heftig unter Druck gesetzt, ihre Kinder mit Beginn des neuen Schuljahres nicht an die Central High School zu schicken. Das hinterlässt Wirkung, aber nicht wie gewünscht. Von den 17 Jugendlichen, die an jener Anstalt und nirgendwo sonst unterrichtet werden wollten, lassen sich neun nicht beirren und bleiben bei ihrem Entschuss. Melba Pattillo Beals Vater wird in seiner Firma gar die Kündigung angedroht. Auch er erweist sich als nicht erpressbar.

Gouverneur Faubus macht einfach weiter mit seiner Strategie von Einschüchterung und Nötigung: Wer unbelehrbar sei, dürfe keinen Schutz von der Nationalgarde erwarten, erklärt er. Der habe gewollt, was ihm unter Umständen passieren könne. Am 4. September 1957 stehen 300 Gardisten und ein weißer Mob aus gut 500 tobenden Menschen vor der Central High School, um zu verhindern, dass neun Afroamerikaner in diese Schule kommen. Es fliegen Steine. Melba Beals flüchtet mit ihrer Mutter vor Männern, die einen Strick nach ihr werfen. Die Polizei schaut tatenlos zu. Schließlich sehen sich die Behörden gezwungen, die Schulen von Little Rock für drei Wochen zu schließen, um einer weiteren Eskalation zu entgehen. Erst am 20. September 1957 wendet sich das Blatt. Die Ausgegrenzten erhalten rechtlichen Beistand. Gouverneur Faubus, so urteilt ein Gericht in Arkansas, habe den im Jahr 1954 ergangenen Beschluss zur Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen gebrochen. Er hätte die Nationalgarde zum Schutz der betroffenen Schüler einsetzen müssen und nicht gegen sie, rügen die Richter. Drei Tage nach diesem Urteil sitzen die neun Jugendlichen in den Klassenräumen der Central High School, auch wenn der Horror dort weitergeht. Melba Beals wird von ihren weißen Mitschülern geächtet. Niemand will neben ihr sitzen, für die Lehrer ist sie einfach Luft. In der Stadt kocht die Stimmung gegen die Bildungsintegration. Die Nationalgarde ist ein ohnmächtiger Beobachter.

Um die afroamerikanischen Schüler beschützen zu können, interveniert der Bürgermeister von Little Rock schließlich bei Präsident Dwight D. Eisenhower, der daraufhin entscheidet: Da es offenbar keine andere Möglichkeit gibt, muss die Armee zum Schutz der neun Teenager eingesetzt werden. Das erregt großes Aufsehen, denn seit der Zeit des Bürgerkrieges (1861 – 1865) hat es keinen Militäreinsatz im eigenen Land mehr gegeben. Doch die Maßnahme zeigt Wirkung: Erst jetzt entkrampft sich das Geschehen in Little Rock, die neun Jugendlichen können an der Schule bleiben. Bis heute werden sie von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung als „Little Rock Nine“ gefeiert.

In der Debatte unmittelbar nach den Ereignissen meldet sich eine Wissenschaftlerin zu Wort, die einst selbst unterdrückt worden ist. Hannah Arendt musste 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft aus Nazi-Deutschland in die USA emigrieren. Nun will sie über die Geschehnisse von Arkansas für die Zeitschrift Commentary schreiben, doch die Redaktion lehnt den Abdruck des Artikels ab. Schließlich springt das Magazin Dissent ein und veröffentlicht Arendts Aufsatz. Darin spricht sie sich gegen eine administrativ durchgesetzte Aufhebung der Segregation an US-Schulen aus. Es sei falsch, findet Arendt, einen solchen gesellschaftlichen Konflikt auf dem Rücken der Schüler auszutragen. Die sozialen und persönlichen Rechte von Jugendlichen könnten durch Aktionen wie in Little Rock allzu leicht verletzt werden.

Arendts Auffassung, dass Schule und Erziehung keine Bereiche seien, in denen ein fundamentales und politisches Menschenrecht auf dem Spiel stehe, stößt auf großen Widerspruch. Erst später, in einem Briefwechsel mit dem Schriftsteller Ralph Ellison, räumt Arendt ihr Fehlurteil ein. Sie habe, so schreibt sie, tatsächlich die politische Bedeutung des Opfers nicht richtig verstanden. Ellison hatte Arendt zu bedenken gegeben, dass es für Menschen, die ohne soziale Anerkennung in einer Gesellschaft leben, ein wichtiger politischer Akt sei, dieser Demütigung Ausdruck zu geben. Es sei entscheidend, die Fesseln der Unterdrückung sichtbar zu machen – selbst dann, wenn man dies von Kindern verlange.

Die Ereignisse an der Central High School in Little Rock sollten nicht nur die neun Schüler und ihre Familien prägen, sondern auch deren Freunde. Als Ernest Green, der Älteste der „Little Rock Nine“, im Frühjahr 1958 sein Abschlusszeugnis bei einer Feier an der Schule erhielt, gab es wieder massive Sicherheitsvorkehrungen. Seinen Freunden, die mit ihm zusammen für ihre Rechte gekämpft hatten, blieb der Zutritt zu der Feier verwehrt. Lediglich die Familie und ein Freund der Greens durften dabei sein. Dieser Freund sollte nicht nur im Jahr 1964 den Friedensnobelpreis erhalten, sondern er wurde wie die „Little Rock Nine“ zur Ikone der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Sein Name: Martin Luther King.

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06:00 28.05.2014

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