Eine Reise nach Täbris

Krimi In „Das armenische Tor“ ermittelt ein altlinker Kleinstadtadvokat im Südkaukasus
Eine Reise nach Täbris
Dieses Bild entstammt der Serie „Fluss“ von Dorothee Waldenmaier, mehr Informationen im Kasten unten

In den bunten Quartieren der Metropolen mag die Migrationsgesellschaft ihren Glamour entfalten, ihre traurigen Geschichten jedoch werden in der Provinz geschrieben. Kaum jemand führt das so eindrücklich vor Augen wie der Jurist und Krimiautor Wilfried Eggers. Auch Das armenische Tor spielt im fiktiven Hemmstedt, das man sich als unbeschauliche Kleinstadt zwischen Elbe und Weser vorstellen muss. Hier tobt ein kalter Krieg zwischen Türken und Armeniern, dazwischen aufgerieben werden Kurden, Zaza und Aleviten. Hier wird die Armenierin Anahid Bedrosian vergewaltigt. Sie hat bei einer Veranstaltung der türkischen Gemeinde gegen die Leugnung des Völkermordes protestiert. Im Abschiebegefängnis nimmt sich der Armenier Jezekiel Hakobyan das Leben. Er erhängt sich mit dem Kabel seines Wasserkochers. Wahrscheinlich hätten diese beiden Vorkommnisse keinerlei Aufsehen erregt, wenn nicht ein Mord Polizei und Justiz auf den Plan gerufen hätte: Im Stadtpark wird ein Mann erstochen, der kurz zuvor noch den Rechtsanwalt Peter Schlüter um Hilfe angefleht hatte. Auf die Identität des Toten gibt es keinen Hinweis, seine Hand hält eine Liste armenischer Namen umklammert, in seiner Tasche steckt die Quittung aus einem Café in Täbris.

Schlüter ist ein altlinker Kleinstadtadvokat, der keine üblen Straftäter mehr verteidigen will. Er ist jetzt Notar, schlürft in Ruhe seinen Ostfriesentee auf seinem Hof im Hollenflether Moor. Der Mann ist ein bisschen old-fashioned, vielleicht auch ein bisschen depressiv: „Optimismus war etwas für Leute, die vor dem Bösen ihre Augen verschlossen, weil sie gemütlich leben wollten.“ Auf Schritt und Tritt stößt Schlüter auf Spuren der NS-Vergangenheit und provinzielle Spießigkeit.

Durch Basare und Teestuben

Schlüter überredet Anahid Bedrosian, ihre Vergewaltigung anzuzeigen. Dafür bringt sie ihn dazu, sich in die Ermittlungen einzuschalten: Um herauszufinden, wer der Tote war, begeben sich die beiden in den Iran, nach Täbris, in die legendäre Teppichhändler-Metropole im Nordosten des Landes. Anahid Bedrosian ist eine couragierte Frau: „Lügen macht paranoid“, lautet eine ihrer Devisen, eine andere: „Unvernunft und Feigheit, das sind Geschwister!“

Im südlichen Kaukasus, an der Grenze des Irans zu Armenien und Aserbaidschan, entfaltet Eggers’ Roman seine Wirkung: Er führt eine Region vor Augen, die in ihrem kulturellen Reichtum von umwerfender Schönheit ist und in ihren jahrhundertealten Konflikten von verstörender Grausamkeit. Der Völkermord der Türken an den Armeniern war nur der gewaltsame Höhepunkt in einer Reihe von Pogromen, von Massakern und Kriegen.

Schlüter und Anahid ziehen durch Basare, Teestuben und Karawansereien. Die Kunstfertigkeit der Teppiche überwältigt sie ebenso wie der Zauber der zimtfarbenen Berge. Sie treffen auf Bischöfe und Bohnenhändler, Lyrikliebhaber und Weintrinker. Sie werden von der iranischen Religionspolizei ebenso drangsaliert wie von aserischen Fanatikern. Und während sie nach und nach der Identität des getöteten Mannes auf die Spur kommen, rekonstruieren sie auch ein armenisches Leben, das von Mord und Vertreibung, Scham, Unterdrückung und Aufbegehren gekennzeichnet ist.

Der Roman ist durchzogen von einem humanistischen Geist, der sich bereits im Titel andeutet: Er bezieht sich auf die armenische Kirche in Täbris, zu der man nur durch ein schweres schmiedeeisernen Tor gelangt. Doch diese Verschanzung nützt nicht viel, als ein wütender Mob die Kirche stürmen will. Geschützt wird die Kirche von den iranischen Händlern der Shariati-Straße, die eine Menschenkette bilden, um Nachbarn und Freunde zu schützen.

Wer sich nicht auf Geschichte, Politik und Kultur dieser Region einlassen mag, wird wenig Freude an diesem Roman haben. Der Plot steht ganz im Dienste von Eggers’ Anliegen, Faszination und Verbrechen dieser Region vor Augen zu führen. Mitunter ächzen Figuren und Dialoge unter dieser Last. Aber der Roman ist eine hervorragende Übung im Aushalten von Ambivalenzen. Auch dadurch stehen Eggers’ Ermittlungen in Kultur und Geschichte quer zu den identitätspolitischen Diskursen dieser Tage.

Alles fließt

Dorothee Waldenmaier studierte als Meisterschülerin Bildende Kunst an der HGB Leipzig. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Für ihr Fotobuch Fluss erhielt sie den Förderpreis für junge Buchgestaltung der Stiftung Buchkunst und den Deutschen Fotobuchpreis. Waldenmaiers Arbeiten wurden unter anderem im Dortmunder U, Goethe-Institut Paris und im Printing Museum in Tokio ausgestellt.Alles fließt: Fluss ist eine bildnerische Abhandlung eines Flusses am Beispiel der Spree. Ein Manifest der Form. Die Bilder laden zur Reflexion über Wahrnehmung und den Mikro- und Makrokosmos der Naturformen ein. Sie zeigen die Schönheit des Formlosen und Beiläufigen.

Info

Das armenische Tor Wilfried Eggers Grafit Verlag 2020, 365 S., 14 €

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06:00 14.11.2020

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