Entlassen auf Entzug

Was läuft Wir bürden ihnen eine Menge auf. Sie muten uns eine Menge zu: über Serienenden, „With or without you“ von U2 und „The Americans“. Spoiler-Anteil: 100 Prozent!
Entlassen auf Entzug
Die Rückkehr von Agent Cooper aus dem Roten Zimmer dauert erst 25 Jahre und 14 weitere Folgen – und dann ist sie schon wieder vorbei

Foto: Zuma Press/Imago

Jetzt ist auch der Kalte Krieg vorbei. Fast zumindest. Und Familie Jennings hat keine Aufgabe mehr. Als vor einigen Wochen The Americans, die Serie über ein sowjetisches Agentenpaar mit zwei Kindern, das verdeckt in den USA der 1980er Jahre operiert, nach sechs Staffeln zu Ende ging, war es Zeit, mal wieder über Serienenden nachzudenken. Und insbesondere über die Enden solcher Serien, die uns am Alltag von Figuren über viele Jahre teilhaben lassen. Serienenden können schließen, uns closure geben, öffnen, alles noch einmal wenden, spiegeln.

All das macht etwas mit unserem Zusammenleben mit ihnen, retroaktiv. Sie sind nicht nur Synchronisations-, sondern auch Projektionsmaschinen, sie sollen einfalten, ausrollen, ein- und auflösen. Wir bürden ihnen eine Menge auf. Sie muten uns eine Menge zu. Sie lassen uns nicht in Ruhe. Für unser Leben mit ihnen hatten die Serien selbst vorher eine ganze Menge aufgefahren, um uns mit ins Boot und vor den Screen zu holen.

Die Analytikerin, die von ihrem complicated Mob-Boss-Patienten so fasziniert wie angewidert ist (Die Sopranos). Die Crystal-Meth-Abhängigen, die immer blaueren synthetischen Stoff wollen (Breaking Bad). Das Themenparkpublikum, das sich am Leiden der Hosts weidet und für das narrative Komplexität nur ein Gimmick ist (Westworld). Die Beerdigungsgäste, die immer wieder eine schöne Leiche und wohltemperierte Trauerfeier vorgeführt bekommen, während sich dahinter das alltägliche Melo des Familienbestattungsbetriebs abspielt (Six Feet Under).

Entlassen werden sollen wir also auf Entzug, als Trauernde, mit Gegenübertragung und so weiter. Bryan Fullers Serienmord-Food-Porn-Avantgarde-Serie Hannibal hält, ganz am Ende, nach dem finalen Abspann, eine besonders schöne Spiegelung bereit. Bedelia, die Analytikern des Kannibalen, sitzt im Abendkleid am Dinnertisch in einer sicher nicht nur kulinarisch begründeten Erregung, vor sich einen Wadenbraten im Speckmantel, den ein langsamer Abwärtsschwenk als ganz besonderen cut, nämlich als Amputationsverarbeitung enthüllt. (Ein Opfer, das aus Kollegen Freunde macht.)

Und so wartet sie nun, unerlöst, und die Fannibals mit ihr, ob ihr Kannibale ein buchstäblicher Klippenhänger ist und doch wieder zum Essen kommt (wie von Fuller manchmal geteasert). Serien versuchen, das Ende aufzuhalten. Aber Serienschauen ist eben auch Selbstverzehrung. (Themen, Sätze, mit denen sich vielleicht auf Stehpartys reüssieren lässt.)

Auch der Spionagealltag der Jennings in Washington D. C. war ein solcher Fall, der im Jonglieren von Perücken und Deckidentitäten immer wieder auf die Frage zurück kommen ließ, wo denn eigentlich – ideologisch, geografisch, kulturell – sein Anker sei. Wo würden wir die Jennings verlassen, in welchem Land, in welchem Zustand, in welchem historischen Moment?

Wer würde das überleben? Und seit einiger Zeit fragten sie uns immer dringlicher zurück, in welchem historischen Moment (zum Beispiel russisch-amerikanischer Beziehungen) sie uns zurücklassen würden. Jedenfalls, so viel war sicher, würde Musik dazu laufen. In der Serientrope der finalen Montage mit Song hatten es The Americans zu einiger Meisterschaft gebracht. In der letzten Episode der Americans bekommen wir, Spoileranteil hier mal 100 Prozent, gleich zwei Montagen, zwei Songs, beide, auf Grundlage der Popsatisfaktionsfähigkeit des in sechs Jahren zuvor gehörten, merkwürdig populäre choices.

Dire Straits, Brothers in Arms, seriell schon gut besetzt durch ein trändendrüsedrückendes Staffelfinale einer anderen großen Washington-Serie. Und tatsächlich U2, With or without you: „And you give yourself away“. Selbstverzehrung eben.

Wem das dann doch zuviel closure ist, der muss, für eine andere Kunst des Ende(n)s, dann eben doch noch mal Twin Peaks schauen, The Return. Twin Peaks fängt dort nicht einmal mehr richtig an. Die Rückkehr von Agent Cooper aus dem Roten Zimmer der Schwarzen Hütte dauert erst 25 Jahre und 14 weitere Folgen – und dann ist sie auch schon wieder vorbei, reicht kaum für Coffee & Pie.

Und alles geht zurück auf Anfang, faltet sich in sich selbst zurück, noch mal von vorne, noch mal neu, mit einem Schrei und einem Flüstern. Da kann es auch keinen Song mehr geben. Die Vorhölle ist ein privilegierter Ort für Serienenden. Und die Hölle, das sind eh die anderen Serien.

06:00 21.07.2018

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