Erst kommt die Wohnung, dann der Sozialscore

Im Osten was Neues Fei schläft schlecht und sucht das Glück. China-Korrespondent Finn Mayer-Kuckuk über den Mietenwahnsinn in Peking
Erst kommt die Wohnung, dann der Sozialscore
Der Wohnungsmarkt bereitet vielen in China schlaflose Nächte

Foto: Wang Zhao/AFP/Getty Images

Fei starrt in sein Handy und verzieht das Gesicht. „Also, die da oben haben doch einen an der Waffel!“ Offenbar liest er gerade Nachrichten. „Geht es um die Einführung des Sozialpunktesystems für alle Chinesen?“, frage ich über den Café-Tisch hinweg. Als deutscher Journalist in Peking bin ich gerade ziemlich auf dieses Thema getrimmt. Vor Kurzem hat der Premier die Einführung eines ‚„Sozialkreditsystems“, das das Wohlverhalten aller Bürger bewerten soll, nach Jahren der Gerüchte offiziell angekündigt.

Doch Fei blickt mich nur irritiert an. „Quatsch. Der Kauf von Wohnungen in Peking wird erneut teurer!“ Fei ist in seinen Lebensträumen nicht gerade originell: Er will ein Apartment in guter Lage kaufen. Zwar hat er dafür schon mehr als 140.000 Euro gespart, aber das reicht in der Innenstadt von Peking nicht einmal mehr für die Anzahlung. Da bleibt ihm nur, weiterhin zur Miete zu wohnen. Doch auch die steigt jedes Jahr um mehr als zehn Prozent.

Der Wohnungsmarkt bereitet vielen in China schlaflose Nächte. Das Sozialpunktesystem – der große China-Aufreger in westlichen Medien – interessiert hier dagegen kein Schwein. Oder nur eine winzige Minderheit von Menschenrechtsaktivisten.

Die allermeisten Leute bekommen überhaupt nichts von der Einführung des Sozialkreditsystems mit, weil sie kaum Nachrichten verfolgen. Doch auch die meisten, die davon hören, lässt die Sache kalt. Der Staat weiß doch ohnehin alles über seine Bürger. Seit der Revolution 1911 sind die Bewohner Chinas Spielball von immer neuen Politikexperimenten: bürgerliche Republik, japanische Besatzung, Betonkommunismus, Turbokapitalis-mus, jetzt der digitale Überwachungsstaat – seit drei Generationen geht das Schlag auf Schlag.

Man konzentriert sich auf seine persönlichen Angelegenheiten und ist froh, wenn man in Ruhe gelassen wird. Wer versucht, etwas gegen den Staat auszurichten, zieht ohnehin den Kürzeren.

Wohnen dagegen wird in den Metropolen zunehmend zum Problem, vor allem weil privates Wohneigentum als einzig sichere Geldanlage gilt. Nachdem die erste Generation von Wohnungsbesitzern damit reich geworden ist, wollen heute alle dabei sein.

Fei arbeitet in der Werbebranche und hat ein mittleres Einkommen, doch er hadert mächtig mit den Mieten. Ein Blick in die Statistik zeigt: Eine Wohnung mit 85 Quadratmetern in der Gegend, in der er lebt, kostet derzeit gut 1700 Euro Miete im Monat, weiter draußen sind es immer noch 1000. In den Städten übersteigt die Durchschnittsmiete das durchschnittliche Nettoeinkommen um 20 Prozent.

Ich versuche es noch einmal und lasse eine Bombe platzen. „Ich habe gehört, dass es für Leute mit hohem Sozialscore auch eine Zuteilung günstiger Wohnungen geben soll.“ Für einen Moment leuchten Feis Augen auf, man kann sehen, wie er im Geiste Möglichkeiten abklopft, seinen Score zu erhöhen. Doch dann winkt er ab. „Das sind mit Sicherheit nur Sozialwohnungen, die es da gibt.“ Er selbst habe höhere Ansprüche. Also sucht er weiter nach der Abkürzung zum schnellen Reichtum. Egal, was das mit dem Score macht.

Finn Mayer-Kuckuk berichtet seit 2010 als Korrespondent aus China

06:00 23.07.2018

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