Es klackert, blinkt, tropft

Vernissage Kinder zu Kunst mitnehmen, das geht heute erstaunlich gut
Es klackert, blinkt, tropft
Wenn man sieht, wie Kinder der Kunst begegnen, begegnet man ihr oft auch selbst anders

Foto: Jürgen Ritter/IMAGO

Besonders schlimm war es auf der Skulptur-Projekte-Ausstellung in Münster. Es war irgendwann Anfang der 90er. Die Wege zwischen den Kunstwerken waren zu weit, es war zu warm und die Skulpturen in der Erinnerung vor allem groß, ansonsten eherunderwhelming“, und ich wollte doch eigentlich nur ein Eis. Ein Eis! Und bekam es nicht. „Nicht schon wieder auf ’ne Ausstellung“, war ein oft gesagter Satz in meiner Kindheit. Kunst kostete Zeit. Bedeutete schwere Beine und ein Machtgefälle – zwischen denen, die verstanden, und denen, die nur guckten. Das war mir unangenehm. Und da dieses Machtgefälle auch zwischen meinen Eltern herrschte, wusste ich nie, auf welcher Seite ich wohl war und sein würde.

Kunst und Kinder habe ich mir also gemerkt, das passt nicht so gut zusammen. Aber jetzt bin ich kein Kind mehr, sondern so ein Kind (8) lebt mit mir zusammen. Und in letzter Zeit habe ich es öfter mit zur Kunst genommen und das klappte erstaunlich gut. Und deshalb frage ich mich, ob sich wohl die Kunst verändert hat oder einfach die Kinder und ihre Eltern.

Ich vermute, es ist die Kunst, die heute viel öfter kinderkompatibel ist, weil sie eventiger wurde. „More instagramable.“ Also Farbe in großen Flächen, Schlüsselreize ansprechend. Nehmen wir mal die Ausstellung im Rahmen der Berlin Art Week in den Wilhelm Hallen – ein Industrieobjekt am Rande von Berlin, klassisches Immobilienprojekt von Investoren, das mit Kunst zu mehr Wert geführt werden soll. Da spielte eine DJ gelangweilte Clubmusik an die Wand ihr gegenüber und Kinder fuhren mit ihren Laufrädern über den Dancefloor, da stand eine süße aufgeblasene Comic-Katze von Sylvie Fleury und putzte sich die Zähne, die Kinder am liebsten geknufft hätten, da war Julius von Bismarcks beeindruckende Video-Arbeit von brennenden Wäldern, vor denen Kinder staunend die zuckenden Flammen anstarrten, als wäre es ein Videogame, während die Eltern ein paar Tränchen verdrückten, weil ebendiese Kinder irgendwann nicht mehr in dieser Welt leben können.

Oder nehmen wir die Ausstellung Metabolic Rift, die gerade im alten Heizkraftwerk in Kreuzberg gezeigt wird, in dem sich auch der Club Tresor befindet. Eine große Freude für Kinder, sich durch die Gänge zu tasten. Denn das Projekt des Berlin Atonal Festivals ist eine Art Geisterbahn durch das riesige Gebäude, über Treppen, hinters DJ-Pult, in Schaltzentralen, geführt von Licht und Klang. Entlang von Performances, Videoinstallationen, Soundeffekten. Es klackert, blinkt, singt, tropft, fetzt. Große Maschinen, Bewegung, Dunkelheit und Nebel. Ein bisschen Grusel. „Ist das cool!“, sagt das Kind.

Die auffälligste Arbeit ist ebenfalls ein großer Kinderspaß: eine raumhohe tanzende Figur von Cyprien Gaillard, und beobachtet man die Reaktion des Kindes auf diese mit Luft aufgeblasene Skulptur, begegnet man ihr selbst auch anders. Wie das Kind den Raum begreift, wie es die Berührung scheut, wie es die Quelle der Musik sucht, wie es dann die Bewegungen nachmacht.

Auch die „HR Giger & Mire Lee“-Schau im Berliner Schinkel Pavillon ist fürs Kind nicht so langweilig wie für mich die Skulpturen in Münster. Langsam nähert es sich den Aliens des Schweizer Künstlers, betrachtet die sich wie Würmer bewegenden Objekte der Koreanerin, verfolgt die Ströme des Schleims in ihren Arbeiten, kniet sich vor Skulpturen der beiden Künstler und mutmaßt, dass Lees Skulptur das Herz aus dem Alien ist. Und ich stelle fest, dass ein Kind auf Ausstellungseröffnungen nicht nur ein cooleres Accessoire ist als jeder Balenciaga-Sneaker, man führt mit Kindern auch die besseren Gespräche. Sie stellen die Fragen, die alle in solchen Ausstellungen leise denken: „Was soll denn das sein?“ Und dann sind alle Machtgefälle ganz egal.

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06:00 06.10.2021

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