Feminismus ist nicht gleich Macht

AKK und VdL Mit zwei Frauen in Führungspositionen ändert sich am Patriarchat überhaupt gar nichts
Feminismus ist nicht gleich Macht
Zwei Frauen stehen händchenhaltend vor Bundeswehrsoldaten und lächeln. Wer sollte da nicht meinen, die Ästhetik der Politik hätte sich verändert, vielleicht sogar die Politik selbst?

Foto: Imago Images/Photothek

Beim Blick auf die Fotos und Kommentare zur beeindruckenden Macht-Rochade um Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer kam manch eine auf die Idee, das Ende des Patriarchats sei eingeläutet. Zwei Frauen stehen händchenhaltend vor Bundeswehrsoldaten und lächeln, wer sollte da nicht meinen, die Ästhetik der Politik hätte sich verändert, vielleicht sogar die Politik selbst?

Die Kommentare erinnern sehr an die Reaktionen auf die Bilder von Hillary Clinton, als Osama bin Laden aufgefunden und getötet wurde: die sichtbar emotionale Reaktion, die Hände vor dem Mund, erschrockene Augen. Auch damals sprachen einige davon, dass weibliche Reaktionen auf Krieg ganz und gar andere seien und sich damit auch etwas in der Art, wie Außenpolitik gemacht würde, ändere. Tat es das?

Zurück zu von der Leyen. Ihr „Feminismus“ ist einer der christdemokratischen Art: am Rollenbild der Familie festhaltend bei gleichzeitigem Zugeständnis an reale Anforderungen der Familienpolitik. Als Familienministerin tat sie genau das und verkörperte die Mutter von sieben Kindern, während sie gleichzeitig das Elterngeld auch für Männer einführte. Was auch immer ihre Überzeugungen dahinter gewesen sein mögen: Das Geschäft der Politik besteht aus Kompromissen. Dafür müssen die richtigen Bilder erzeugt und eine Sprache gefunden werden, die Probleme möglichst gut kaschiert. Etwa Probleme mit der Ausrüstung oder einem rechtsextremen Untergrund in der Bundeswehr. Wer hätte es schöner weglächeln können als sie?

Wenn also von der Leyen in ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament, kurz bevor sie mit knapper Mehrheit gewählt wurde, von Gleichberechtigung der Geschlechter spricht und sich selbst oft in der Rolle als Frau, Mutter und Europäerin stilisiert, passiert genau das: Es werden Zugeständnisse sowohl an die konservative wie die Fraktionen des grünen und linken Spektrums gemacht.

Rhetorik, Machtspiele und schöne Bilder dürfen allerdings nicht mit Feminismus verwechselt werden. Schon gar nicht mit dem Ende des Patriarchats. Insbesondere dann nicht, wenn die Frauen für Kriegspolitik stehen, wie von der Leyen und Kramp-Karrenbauer es nun tun. Die neue Verteidigungsministerin wird genauso das Militärbudget erhöhen und über Einsätze heimlich, still und leise abstimmen lassen wie die einstige. Dass auch Frauen jetzt das Netzwerken beherrschen und hohe Ämter bekleiden, ist nicht per se ein Fortschritt.

Richtig ist sicher, dass Ursula von der Leyen und ihre Nachfolgerin mit dummen Beschimpfungen aufgrund ihres Frau-Seins leben müssen. „Flinten-Uschi“, „Knarrenbauer“ und Ähnliches zeugen vom Machotum und der bitteren Angst vor einer weiblichen Vorgesetzten in den Reihen der Soldaten. Nur weil von der Leyen aber selbst auch Opfer des Patriarchats ist, heißt es nicht, dass sie nicht auch Täterin sein kann.

Feminismus hingegen als Befreiung von Herrschaft müsste sich ebenso an Inhalten messen lassen. Wenn nur der Stil zählt und wir händchenhaltende Frauen schon als Beweis für friedfertige Politik lesen, fallen wir auf ein perfides Täuschungsspiel herein. Drohnen, Soldaten auf Flyboards, Frontex – das alles ist Gegenwart und voraussichtlich auch Zukunft deutscher und europäischer Militärpolitik. Durchgesetzt von Frauen. Wer meint, Frauen seien zum kaltblütigen Mord qua Geschlecht nicht in der Lage, hat nie einen Krimi gelesen.

Clinton hat als Beispiel offenbar nicht ausgereicht, um zu zeigen, dass Macht nicht gleich Feminismus bedeutet.

Ines Schwerdtner ist Chefin vom Dienst beim Ada Magazin

06:00 25.07.2019
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