Frankfurter Kacke

Buchmesse Zwölf Jahre lang hat Helmut Krausser dem Kulturbetrieb seine Meinung gegeigt. Das Internet könnte seinen wortgewaltigen Zorn gut gebrauchen

Niemand muss heutzutage mehr nach Frankfurt zur Buchmesse fahren, um Autoren zu erleben oder womöglich persönlich kennenzulernen. Man kann getrost zu Hause bleiben, sich allein vor dem Laptop betrinken und übers Internet verfolgen, was sich auf den Lesungen und Partys ereignet – wenn man die einschlägigen Blogs liest oder auf Facebook die richtigen Freunde hat, die sich trauen, die alljährliche literaturbetriebliche Großartigkeit und Niedertracht aufzuzeichnen und der Welt mitzuteilen. Wenn man die nicht hat, und das sind die meisten, ist man auf das Oktober-Tagebuch von Helmut Krausser angewiesen.

Zwölf Jahre lang, vom Mai 1992 bis zum April 2004, führte Krausser jeweils einen Monat lang Tagebuch. Er notierte darin Film-, Musik- und Leseerlebnisse und Gedanken zu älteren Kollegen, „die ganze verlogene Bagage der Vierzigfünfundvierzigjährigen, die den Sprung in die Gegenwart versäumt haben“. Vor allem die Notate des Jahres 1997 waren im Literaturbetrieb gefürchtet. „Viele Leser haben von Oktober erwartet, dass mal kräftig in der Frankfurter Kacke gerührt wird.“ Und das wurde es: „Diese komatösen Waschlappen! Diese hirntoten Bauchredner! All diese Arschlöcher aus Hinteranalphabethlehem.“

Doch es gab auch Positives zu berichten: „In der SZ war ein wunderschönes, madonnenhaftes Photo von Zoë Jenny, zum Niederknien und Anbeten, deshalb ist Zoë-Gucken der Massensport des Abends, den sogar Frauen betreiben.“ Die hochgelobte und vielfotografierte Schriftstellerin war 1997 der Star, ihr Debüt Das Blütenstaubzimmer läutete die Ära des Fräuleinwunders ein. Bald darauf war sie nur noch eine vielfotografierte, wenig gelobte Schriftstellerin, und heute ist sie, gerade mal 38 Jahre alt, in Vergessenheit geraten.

Digitales Erblühen

Der Markt hat sich seitdem beschleunigt, das Prinzip ist das Gleiche geblieben, selbst ein paar der Protagonisten von damals sind noch anzutreffen. Aber es sind viele dazugekommen, Schriftsteller, Lektoren, Verleger, eine halbe Generation, die mit dem Neuen Erzählen der Neunzigerjahre aufgewachsen ist, das Noch Neuere Erzählen der Nullerjahre miterfunden hat und die Literatur der Zukunft prägen wird.

In diesem Jahr gibt es wieder hochgelobte und vielfotografierte Debütanten zu bestaunen, viel mehr und viel bessere als damals, Vea Kaiser, Kevin Kuhn, Andreas Stichmann, Teresa Präauer. Um sie zu sehen, muss man jedoch weder nach Frankfurt noch ins Internet; sie sind in fast allen noch verbliebenen Zeitungen und Zeitschriften abgebildet, und niemand weiß, wo sie in 15 Jahren sein werden – die Debütanten und die Zeitungen und Zeitschriften.

Trotzdem, und das ist das Erstaunliche, blüht die Buchbranche. Es wird mehr geschrieben und mehr gelesen als jemals zuvor. Nur haben sich beide Tätigkeiten weitgehend ins Digitale verlagert, und es geht jetzt ums Wesentliche, den Austausch mit den Lesern.

Ohne Autoren wie den inzwischen auch schon vierzigfünfundvierzigjährigen Helmut Krausser ist die jetzige Literatur jedoch nicht zu denken. Sollte er nach Frankfurt reisen, um dort seinen neuen, historischen Roman Nicht ganz schlechte Menschen vorzustellen, wäre es wünschenswert, wenn er von den nicht ganz schlechten Menschen der Gegenwart berichtete. Bloß diesmal in Echtzeit. Das Internet könnte seinen intelligenten, wortgewaltigen Zorn gut gebrauchen.

Jan Brandt ist der zu Recht hochgelobte Autor des Romans Gegen die Welt

11:35 10.10.2012

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