Gastfreundschaft

A–Z Der Begriff Willkommenskultur wird gerade etwas strapaziert. Aber wie verhält es sich mit der Gastfreundschaft, dem ersten guten Schritt? Unser Wochenlexikon

A

Anthropologie Gastfreundschaft ist ein Grundpfeiler menschlicher Gemeinschaften. Was nicht heißt, dass sie zu allen Zeiten und überall eingelöst wurde. Aber weil der Mensch immer schon mobil war, stellte sich permanent die Frage, wie man mit Fremden umgeht.

Wie die Gabe, das Schenken, ein anderer Grundsatz zwischenmenschlichen Austauschs, kann die Gastfreundschaft nicht erzwungen werden, sondern basiert auf einem ideellen Prinzip der Gegenseitigkeit. Irgendwann könnte man ja selbst auf Gastfreundschaft angewiesen sein. Aufgrund dieser zukünftigen Vergeltung, auf die man keinen Anspruch hat, sie sich aber wünschen würde, wird Gastfreundschaft nicht allein aus einem Altruismus heraus gewährt und gilt dennoch als moralische Tugend. Darum ist sie auch in vielen Religionen Gebot: „Vergelte es Gott!“ Sozialanthropologen und Ethnologen haben Rituale der Gastfreundschaft als erste Schritte zur Integration (➝ Displaced Persons) beschrieben. Tobias Prüwer

D

Derrida Der Sinn von Gastfreundschaft besteht nach Nietzsche darin, „das Feindliche im Fremden zu lähmen. Wo man im Fremden nicht mehr zunächst den Feind empfindet, nimmt die Gastfreundschaft ab; sie blüht, solange ihre böse Voraussetzung blüht.“ Das nette Willkommen speist sich also aus ursprünglicher Ablehnung (➝ Frisch, Max), ist zuerst nicht vom Guten bewegt. In seiner Abhandlung „Von der Gastfreundschaft“denkt sie Jacques Derrida auch in Auseinandersetzung mit Nietzsche als Paradoxon. Idealerweise müsste Gastfreundschaft bedingungslos sein, weil sonst das Prinzip der Gabe verletzt würde. In der Praxis ist sie jedoch immer an Bedingungen geknüpft und beinhaltet Anforderungen an ankommende Fremde. Die bedingte Gastfreundschaft „besagt, dass die Grenzen unter bestimmten Bedingungen bestimmten Exilanten offen stehen“. Für Derrida ist dieses Paradoxon unaufhebbar, es muss stets neu gesellschaftlich ausgehandelt werden, statt auf die rein philosophische Bedeutung zu pochen. Tobias Prüwer

Displaced Persons Millionen Menschen, die nach Krieg und Befreiung nicht mehr an dem Ort waren, an dem sie vorher gelebt hatten – Überlebende der KZs, Geflüchtete, Verschleppte, Zwangsarbeiter –, wurden von den Alliierten als DP kategorisiert (➝ Etymologie). Ziel war die Repatriierung, aber das war oft gar nicht möglich. Deutsche Flüchtlinge aus den Ostgebieten fielen nicht darunter. Lager wurden eingerichtet, in denen DPs betreut und medizinisch behandelt wurden. Die Displaced Persons lernten unterschiedliche Einheimische kennen, sie trafen auf Ablehnung und Fremdenfurcht ebenso wie auf Mitgefühl und Gastfreundschaft.

Auf den Inseln Mainau und Reichenau im Bodensee wurden zum Beispiel über Nacht Lager für französische KZ-Häftlinge aus Dachau eingerichtet, weil dort Typhus ausgebrochen war. Die Bewohner blickten mit Entsetzen auf die düsteren Gestalten. Im westfälischen Sennestadt nahmen sich Bürger – trotz eigener Probleme – gastfreundlich der Fremden im dortigen Lager an, organisierten für viele eine neue Existenz. So entstand ein Gemeinwesen, die Beckhofsiedlung. Magda Geisler

E

Etymologie Die Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen ist schief, wenn sie auf mangelnde Gastfreundschaft reduziert wird. Ein Gast ist ja jemand, der wieder geht (➝ Kosmopolitismus). Das lässt sich an der Etymologie des Begriffs, also seiner Wortherkunft, ablesen. Das mittelhochdeutsche „Gast“ bezeichnet den „Fremden“ und „Fremdling“, das Lateinische geht noch weiter. Die sprachverwandten hostis und hospes stehen beide für den Fremden, bei ersterem schwingt zusätzlich die Bedeutung „Gegner“ und „Feind“ mit. Im Gast auf der Türschwelle wird demnach mindestens der potenzielle Feind mitgedacht. Dass das nicht in offene Feindschaft umsschlägt, ist Aufgabe der Gastfreundschaft. Sie beinhaltet ja schon wörtlich den Gegenbegriff zum Feind. Sie kann aber nur der Beginn sein, soll der Gast nicht Gast bleiben, also ein Fremder. Die Diskussion um eine Willkommenskultur kann also bei der Gastfreundschaft – oder dem Verweis auf deutsche Gastlichkeit – nicht haltmachen. Flüchtlinge sind keine Touristen. Tobias Prüwer

F

Frisch, Max Schmitz und Eisenring machen keinen Hehl daraus, dass sie Brandstifter sind. Trotzdem lässt sie der Unternehmer Biedermann, Protagonist aus Max Frischs Drama Biedermann und die Brandstifter, auf seinem Dach wohnen und ein Feuer vorbereiten, das sich über die ganze Stadt ausbreiten wird. Warum hat er sie reingelassen? Wirklich einladend ist Biedermann nur fern von zu Hause. Am Stammtisch ist er Wortführer. Dort hat er noch zornig gemahnt an die von Brandstiftern ausgehende Gefahr. Zu Hause dagegen weist er Bittsteller und Schwächere konsequent ab (➝ Derrida). Mit der subtilen Aggressivität von Schmitz und Eisenring ist er allerdings überfordert. Vor allem auch mit der platten Ehrlichkeit, mit der sie ihre Forderungen vortragen. Er schafft es nicht, sie rauszuwerfen. Biedermanns Lösung: Er simuliert Gastfreundlichkeit, um sich und seiner Frau vorzutäuschen, er hätte die Lage unter Kontrolle.

Das Drama ist ein „Lehrstück ohne Lehre“, sagte Max Frisch selbst. Wir können versuchen, es auf das Heute anzuwenden. Brände in geplanten oder bestehenden Flüchtlingsunterkünften sind in Deutschland seit Wochen an der Tagesordnung. Nicht nur in Sachsen. Im hessischen Heppenheim ist gestern in einem Asylbewerberheim ein Feuer im Eingangsbereich ausgebrochen. Die Brandstifter reden nicht, aber hässliche Ansagen machen sie ja schon länger. Lukas Latz

J

Jemen Ich habe noch nicht allzu viele Länder auf diesem Planeten besucht, ich bin mir aber jetzt schon ziemlich sicher, dass die jemenitische Gastfreundschaft kaum zu überbieten ist. Zweimal war ich für einige Monate dort, bevor das Land in den unsäglichen Krieg rutschte.

Ich habe Geschichten von Leuten gehört, die nachts am Flughafen ankamen, nicht weiter wussten und dann einfach von Ortsansässigen zu sich nach Hause geholt wurden, all-inclusive mit Schlafplatz, Essen und Tee (➝ Zuhause; Derrida). Die Jemeniten lieben Gäste, denn die erlauben es dem Gastgeber, sich ordentlich zu profilieren. Ein gut besuchtes Haus bedeutet Einfluss und Ansehen. Deshalb sollte man als Gast auch alles unterlassen, was diesen Status schmälern könnte: Um etwas Bestimmtes zu bitten, hieße, dass der Gastgeber etwas vergessen hat, und wäre unhöflich. Das Angebotene abzulehnen – etwa weil es nicht schmeckt – wäre fürs Ansehen des Gastgebers ebenso schlecht. Der Gast sollte sich einfach bewirten lassen, und zwar maximal passiv und bereitwillig. Revanchieren kann er sich ja bei einem Gegenbesuch. Sophie Elmenthaler

K

Kosmopolitismus Kosmopolitismus ist, nach Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden, nicht das gut gekleidete Herumreisen in der Businessclass, auch nicht Philanthropie, sondern ein Recht. Die Notwendigkeit dieses Rechts wird deutlich, „da es nun mit der unter den Völkern der Erde einmal durchgängig überhand genommenen (...) Gemeinschaft so weit gekommen ist, daß die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird“. Ohne ein Weltbürgerrecht lässt sich gegen solche Rechtsverletzungen nichts unternehmen, werden aus Erdbewohnern keine Weltbürger. Ja, ohne dieses Recht wird aus der Erde noch nicht einmal eine Welt. Zwar hat Kant, wie ➝ Derrida monierte, dieses Recht auf ein bloßes „Besuchsrecht“ eingeschränkt, das kein „Gastrecht“ ist, also nicht zum dauerhaften Bleiben berechtigt. Damit bestritt Kant jedoch in der konkreten damaligen Situation das vermeintliche Recht von Kolonisatoren, sich im außereuropäischen Ausland festzusetzen. Hat sich die Hauptrichtung der Bewegung von Menschen heute umgekehrt, so sind auch die Formen des Weltbürgerrechts neu auszuhandeln. Leitsatz bleibt dabei, dass „ursprünglich (...) niemand an einem Orte der Erde zu sein mehr Recht hat, als der andere“. Robert Stockhammer

N

Netzwerke Gastfreundschaftsnetzwerk ist ein ungelenkes Wort. Solche Netzwerke, in denen sich Menschen organisieren, die Reisende kostenlos bei sich aufnehmen, entstanden viel früher, bevor das Label Couchsurfing populär wurde. Ans Internet war nicht zu denken, als sich die gemeinnützige Organisation SERVAS 1949 in Dänemark mit dem Ziel der Völkerverständigung gründete.

Lose schließt das an die alte Idee der Pilgerrouten an, auf denen die Wallfahrenden an ausgewiesenen Orten Obdach fanden. Damit wird ein sehr preiswertes Unterwegssein ermöglicht. Erwarb man früher gedruckte Gastgeberlisten, kriegt man heute natürlich alle Kontaktdaten online. Andere Netzwerke zogen nach, waren aber eher kleinerer Natur und richteten sich an ein jeweils bestimmtes Klientel. Gastfreundschaft selbst rückte dann im Jahr 2000 mit dem Hospitality Club in den Fokus. Das mittlerweile größte Netzwerk Couchsurfing ging vier Jahre danach an den Start, kommerzialisierte sich allerdings allmählich. Anbieter wie Airbnb fahren komplett die Profitschiene. Gastfreundschaft (➝ Jemen) und authentisches Urlaubserlebnis bei Einheimischen sind dort nur noch leere Werbeversprechen. Tobias Prüwer

T

Türkei Als ich 1988 mit einem Seminar der Erziehungswissenschaftler auf Exkursion (➝ Anthropologie) in Akyaka war, um dort Heimkehrer nach ihren Motiven für die Rückkehr in die Türkei und ihren Erfahrungen in Deutschland zu befragen, habe ich eine beispiellose Gastfreundschaft erlebt. Akyaka, ein winziges Dorf in der Region Muğla am Mittelmeer, war die Heimatstadt unseres Professors.

Die Menschen hatten gemischte Erfahrungen gemacht, waren aber durchgängig gut auf die Deutschen zu sprechen, zum Teil kam uns Studenten die Schilderung des Aufenthalts in Deutschland völlig verklärt vor. Wir wurden zu Familienfeiern, etwa einer Hochzeit in Muğla, eingeladen und überall zum Essen gebeten. Die Auswertung der Exkursion war natürlich nicht repräsentativ. Sie ergab unter anderem, dass uns diese Offenheit und Freundlichkeit deshalb so überwältigte, weil wir Deutschland als Arbeitgeberland selbst gar nicht so positiv sahen. Offensichtlich ist eben alles eine Frage der Perspektive. Die Erfahrung einer solchen Gastfreiheit hat mich jedenfalls nachhaltig geprägt. Ich versuche, sie so weit als möglich in meinen Alltag zu übertragen. Jutta Zeise

Z

Zuhause Mein erstes Jahr auf dem Gymnasium geriet zu einem Fiasko. Und zum Glück war da eine ältere deutsche Freundin, die meine Mutter Ende der 1980er Jahre – einige Jahre nach unserer Einreise aus dem Iran nach Deutschland – kennengelernt hatte. Sie glaubte an meine Fähigkeiten und setzte sich so energisch für mich ein, dass ich die fünfte Klasse wiederholen durfte.

Die ältere Freundin wurde zu einer Art Ersatzgroßmutter. Sie widmete mir viel Aufmerksamkeit, sie brachte mir in der Folge etwa Lesen und Musik nahe. Auch hatte sie stets ein „Gastzimmer“ (➝ Jemen) frei, sodass ich gelegentlich bei ihr übernachten durfte, wenn meine Eltern abends eingeladen waren. Ich habe dieser Frau, die so gastfreundlich und voller Liebe war, unendlich viel zu verdanken. Behrang Samsami

06:00 10.09.2015
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