Stefan Heidenreich
Ausgabe 5116 | 02.01.2017 | 06:00

Geld treibt Blüten

Information Fast alle Wirtschaftsnachrichten berühren finanzielle Interessen. Was also tun?

Geld treibt Blüten

Ob das ein Klickköder wird?

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Wer Nachrichten fälscht oder gefälschte Nachrichten in Verkehr bringt, macht etwas, das viele andere schon zuvor gemacht haben. Leider ist es bei Nachrichten, im Gegensatz zu Banknoten, nicht immer einfach, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Wo Interessen im Spiel sind, bleibt das Urteil befangen. Nun gibt es, was Ökonomie betrifft, so gut wie kaum interessenfreie Informationen. Das betrifft auch die Geschichte von den Fake News.

Angesichts der langen Geschichte falscher Nachrichten fragt sich, was daran gerade jetzt so dringend sein soll. Bis jetzt lag die Sache einfach. Es ist die Sache jeder und jedes Einzelnen, zu entscheiden was sie oder er glauben will. Ansonsten herrscht Redefreiheit, jedenfalls nach unserer westlichen demokratischen Tradition. Damit wären wir beim springenden Punkt. Im Netz wird von sehr vielen vieles geredet. Die geschlossene Objektivität der alten Massen- und Sende-Medien ist einem vielstimmigen Chor von allerlei Nachrichten und Meinungen gewichen.

Wahrheit? Ausschluss!

Dort liegt das Problem. Die alten Medien hätten gerne ihre Deutungshoheit zurück, und mancher Politiker hat offenbar nichts dagegen, etwas genauer zu prüfen, was Bürger lesen und glauben. Die Washington Post hat vorsorglich eine Liste von FakeNews-Portalen veröffentlicht. Wer die Liste zusammengestellt hat und nach welchen Kriterien, wird nicht transparent gemacht. Offenbar geht es der Klage über Fake News nicht darum, in einem kollektiven und transparenten Prozess Wahrheit zu ermitteln. Das Ziel ist der Ausschluss missliebiger Stimmen. Als Nächstes droht die Forderung, Plattformen wie Facebook mögen für falsch befundene Nachrichten blockieren. Willkommen im Reich der geprüften und für das unverständige Volk vorsortierten Nachrichtensendungen. Willkommen, Wahrheitsministerium.

Wo steht die Wirtschaft, was Falschinformation betrifft? Angenommen, der Zweck des ganzen Geredes über Fake News besteht darin, den großen und kriselnden Medien mit Hilfe von wenig durchschaubaren Algorithmen der Netzwerk-Plattformen eine Lenkung, freundlich formuliert, von Nachrichten zu erlauben: Braucht die Wirtschaft dann eine Wahrheits-Prüfstelle? Gibt es in der Ökonomie Fake News? Und wenn ja: Wer macht sie? Und warum?

So gut wie alle Wirtschaftsnachrichten berühren finanzielle Interessen. Das entspricht der Natur der Sache. Neutrale, objektive und nichts als der Wahrheit verpflichtete Nachrichten kommen eher selten vor, aber die meisten Leser wissen damit umzugehen. Grob gesehen lasen sich zwei Arten von ökonomischen Fake News unterscheiden.

Erstens gibt es die klassischen Marktinformationen, oft im Format von Sportnachrichten vorgetragene Börsenberichte oder Anlegertipps. Selbst wenn sie der Wahrheit entsprechen, handelt es sich dennoch um eine Art von Fake News. Das hängt mit der Rolle der Information an Märkten zusammen. Es gibt keine Information, keine Erwartung, die nicht schon im Preis enthalten wäre. Was als Neuigkeit oder Prognose dargestellt wird, ist meist schon ein mehr oder weniger alter Hut. Die Nachricht wird damit zum Kontraindikator, so der Fachausdruck für Fake News. Wenn also etwa ein großes Magazin einen Jubelartikel darüber platziert, dass Aktien wieder im Kommen seien, wird es Zeit, vorsichtig zu sein. Anlagetipps sind letztlich Werbung für Papiere, die andere loswerden wollen. Diese Art von Fake News ist allerdings nichts Neues, sondern so alt wie die Börse selbst.

Die andere Art von Fake News stammt von Experten. Banker, Wirtschaftsweisen, Professoren an einer wichtigen Universität und noch lieber Nobelpreisträger dürfen häufig in großen Medien ihre Sicht der Lage darstellen. Da immer alle im Ton wissenschaftlich geprüfter Wahrheit sprechen, fällt es Laien außerordentlich schwer, zu überprüfen, was stimmen könnte und was keinen Sinn macht. Fest steht allerdings, dass die Finanzkrise von 2008 dem Nimbus vieler Experten einen schweren Schlag versetzt hat. Kaum einer hatte vor der heraufziehenden Gefahr gewarnt. Sogar die Queen erkundigte sich betroffen, wie es denn sein könne, dass keiner das Unglück hatte kommen sehen.

Das Experten-Problem beginnt mit der Ausbildung von Ökonomen. Es wäre ein Fehler, zu glauben, es ginge dem Fach darum, die wirkliche Wirtschaft möglichst exakt zu beschreiben. Wie alle Ökonomen wissen, liegt der Zweck des Studiums als Dienstleistung darin, den Kunden – also Studenten – zu möglichst guten Jobs zu verhelfen. Nun hat aber, wie schon der Nobelpreisträger James Buchanan bemerkt hat, auch jede ökonomische Theorie ihren Marktwert. Der liegt desto höher, je besser sie den Interessen der Arbeitgeber dient.

Ausgesuchte Spezies

Ganz im Sinn der ökonomischen Logik lernen Studenten der Wirtschaftswissenschaften aus diesem Grund, gut bezahlte Ansichten mit aller wissenschaftlichen Gründlichkeit zu belegen. Das Bewusstsein über die eigene ideologische Befangenheit ist unter Ökonomen nicht sehr verbreitet, wie der Ökonom und Professor für Wirtschaftspolitik in Oxford, Simon Wren-Lewis, Ende Oktober im Blog Mainly Macro angemerkt hat.

Im Zweifelsfall kann man davon ausgehen, dass Experten dieser Klasse von Ökonomen angehören. Gerade bei Gremien wie den sogenannten Wirtschaftsweisen handelt es sich um ausgesuchte Vertreter dieser Spezies. Sie vertreten Interessen ihrer Geldgeber aus Industrie und Finanz, stets sehr eloquent und im wissenschaftlichen Ton größter Gewissheit.

Das heißt nicht, dass alle anderen, die verschiedenen Sonderwegen heterodoxer Schulen folgen oder sich zu den Marxisten zählen, recht hätten. Es kommt nämlich noch ein zweiter Umstand hinzu, der den Status ökonomischen Wissens grundsätzlich in Frage stellt. Im Gegensatz etwa zur Physik haben wir es in der Wirtschaft mit Akteuren zu tun, die das Wissen verwerten. Denkende Menschen sind keine Elementarteilchen. Das führt dazu, dass jede neue These den Markt verändert, desto eher, je mehr Leute sich nach ihr richten. Eine ein für alle Mal feststehende ökonomische Wahrheit kann es daher nicht geben.

Die große Klage über Fake News in den sozialen Netzwerken hat die Welt der Wirtschaft noch nicht in dem Maß erreicht wie die politische Berichterstattung. Allerdings finden sich auf der schwarzen Liste der Post eine ganze Reihe von Internetseiten, die auch Wirtschaftsnachrichten verbreiten. Nehmen wir zwei Beispiele, Zero Hedge und NakedCapitalism.

Zero Hedge veröffentlicht bewusst skandalisierte Nachrichten. Die Überschriften sind Klickköder. Im Hintergrund betreibt die Seite Werbung für Wertanlagen in Gold. Wenn der Weltuntergang naht, so das falsche Versprechen, würden die Anleger in Gold flüchten. Das führt dazu, dass Katastrophen und Wirtschaftsskandale mit großer Begeisterung ausgewalzt werden. Da die Kriterien in puncto Nachprüfbarkeit nicht sonderlich strikt gehandhabt werden, finden sich unter den Nachrichten allerlei krude Behauptungen, oft mit großem Unterhaltungswert – und nicht immer falsch.

Naked Capitalism dagegen zeichnet sich durch eine dezidiert finanzkritische und viel seriösere Haltung aus. Die tägliche Linkliste ist einer der wichtigste Kanäle zur Verbreitung von Nachrichten aus der Sicht von nicht zum Mainstream zählenden Ökonomen. Die Geschichten sind in der Regel gut recherchiert. Oft kommen heterodoxe Experten außerhalb des neoliberalen Konsenses zu Wort.

Auf der schwarzen Liste der Post sind die Seiten vermutlich gelandet, weil sie weder das herrschende Dogma des neoliberalen Militarismus noch die nationalistische oder antirussische Hysterie unterstützen. Beides zusammen genügt, um der Verbreitung von Fake News bezichtigt zu werden.

Die Grenze von Wahrheitsfindung zu Zensur überschreitet die Diffamierungskampagne der Washington Post in beiden Fällen. Am Ende gilt für Wirtschaft dasselbe wie für alle Nachrichten: Falsches Geld können Banken aus dem Verkehr ziehen, aber Nachrichten zu beurteilen dürfen wir weder Staatsbehörden noch Medienhäusern im Besitz von Oligarchen noch Netzwerk-Plattformen überlassen. Es muss die Sache jeder und jedes Einzelnen bleiben, zu entscheiden, was sie oder er für richtig oder plausibel hält und was nicht.

Stefan Heidenreich schreibt zu Ökonomie, Medien und Kunst. Zuletzt erschien sein Buch Forderungen. Er lehrt an der Universität Köln

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 51/16.